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Leserfragen an die Professoren : Wieso habe ich, je älter ich werde, das Gefühl, die Zeit vergehe schneller?


Schulthess, Peter. Leserfragen an die Professoren : Wieso habe ich, je älter ich werde, das Gefühl, die Zeit vergehe schneller? In: Tages Anzeiger, 29 February 2008, p.3.

Abstract

Wieso habe ich, je älter ich werde, das Gefühl, die Zeit vergehe schneller?

Zeit ist nicht da wie die Dinge da draussen; doch ist sie, wie die Physik zeigt, als Weltzeit objektiv und messbar. Das Zukünftige oder das Gewesene liegen nicht da draussen vor; es ist je in mir, meiner Gegenwart, in meinem Erwarten oder meiner Erinnerung. Die Dimensionen der Zeit sind Erstreckungen meines Bewusstseins. Innere Zeit oder Seelenzeit ist ein Gegenwärtighaben des Vergangenen, Gegenwärtigen und Zukünftigen; die Innenzeit, z. B. die gegenwärtig als Langeweile oder in der Rückschau als Dauer erlebte Zeit, wird nicht gemessen, sondern empfunden. Diese Diskrepanz zwischen homogener, messbarer Weltzeit und nicht messbarer, erlebter Innenzeit kann nun die scheinbare Verkürzung der Zeit beim Älterwerden erklären.

Erstens: In der Jugend erlebte Zeit ist in der Regel erfahrungsgesättigter. Erfahrungsdichte (insbesondere auch von Neuem) ist proportional zur erlebten Dauer. Deshalb erscheint in der Rückschau eine erfahrungsgesättigte Frist (z. B. die Schuljahre oder Urlaub) länger als eine physikalisch gleich lange, hohle, von Routine geprägte. Zweitens: Das gleiche Kalenderjahr bei einem Zwanzigjährigen und einem Sechzigjährigen entspricht - im Verhältnis zur Gesamtlänge des bisherigen Lebens - beim Jungen im Gedächtnis einem Zwanzigstel seines bisherigen Lebens, beim Älteren einem Sechzigstel. Der Ältere wird also innerlich das Gefühl von einer weniger langen Dauer, aber einem schnelleren Verfliessen empfinden. Drittens: Im Erwartungshorizont älterer Menschen, die sich auf der abschüssigen Bahn ihres Lebens wahrnehmen, denen die Horizonte näher auf den Leib rücken und die daher vom Ende her rechnen, ist ein Jahr vielleicht ein Zwanzigstel ihrer verbleibenden Lebenszeit, weshalb sie das Verfliessen angesichts des nahenden Endes immer beschleunigter erleben. Der offene und unbestimmte Erwartungshorizont junger Menschen, in dem sie noch alles werden können, lässt diese hingegen nicht vom Ende her rechnen.

Prof. Dr. Peter Schulthess, Philosophisches Seminar

Wieso habe ich, je älter ich werde, das Gefühl, die Zeit vergehe schneller?

Zeit ist nicht da wie die Dinge da draussen; doch ist sie, wie die Physik zeigt, als Weltzeit objektiv und messbar. Das Zukünftige oder das Gewesene liegen nicht da draussen vor; es ist je in mir, meiner Gegenwart, in meinem Erwarten oder meiner Erinnerung. Die Dimensionen der Zeit sind Erstreckungen meines Bewusstseins. Innere Zeit oder Seelenzeit ist ein Gegenwärtighaben des Vergangenen, Gegenwärtigen und Zukünftigen; die Innenzeit, z. B. die gegenwärtig als Langeweile oder in der Rückschau als Dauer erlebte Zeit, wird nicht gemessen, sondern empfunden. Diese Diskrepanz zwischen homogener, messbarer Weltzeit und nicht messbarer, erlebter Innenzeit kann nun die scheinbare Verkürzung der Zeit beim Älterwerden erklären.

Erstens: In der Jugend erlebte Zeit ist in der Regel erfahrungsgesättigter. Erfahrungsdichte (insbesondere auch von Neuem) ist proportional zur erlebten Dauer. Deshalb erscheint in der Rückschau eine erfahrungsgesättigte Frist (z. B. die Schuljahre oder Urlaub) länger als eine physikalisch gleich lange, hohle, von Routine geprägte. Zweitens: Das gleiche Kalenderjahr bei einem Zwanzigjährigen und einem Sechzigjährigen entspricht - im Verhältnis zur Gesamtlänge des bisherigen Lebens - beim Jungen im Gedächtnis einem Zwanzigstel seines bisherigen Lebens, beim Älteren einem Sechzigstel. Der Ältere wird also innerlich das Gefühl von einer weniger langen Dauer, aber einem schnelleren Verfliessen empfinden. Drittens: Im Erwartungshorizont älterer Menschen, die sich auf der abschüssigen Bahn ihres Lebens wahrnehmen, denen die Horizonte näher auf den Leib rücken und die daher vom Ende her rechnen, ist ein Jahr vielleicht ein Zwanzigstel ihrer verbleibenden Lebenszeit, weshalb sie das Verfliessen angesichts des nahenden Endes immer beschleunigter erleben. Der offene und unbestimmte Erwartungshorizont junger Menschen, in dem sie noch alles werden können, lässt diese hingegen nicht vom Ende her rechnen.

Prof. Dr. Peter Schulthess, Philosophisches Seminar

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Additional indexing

Item Type:Newspaper Article
Communities & Collections:06 Faculty of Arts > Institute of Philosophy
Dewey Decimal Classification:100 Philosophy
Language:German
Date:29 February 2008
Deposited On:13 Jan 2009 14:20
Last Modified:05 Apr 2016 12:49
Publisher:Tamedia AG
ISSN:1422-9994
Related URLs:http://www.tagesanzeiger.ch/ (Publisher)
Permanent URL: https://doi.org/10.5167/uzh-10184

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