UZH-Logo

Maintenance Infos

Widersprüchliche Identitäten? Jüdischer Arzt und deutscher Patriot


Ritzmann, Iris (2014). Widersprüchliche Identitäten? Jüdischer Arzt und deutscher Patriot. In: Beddies, Thomas; Doetz, Susanne; Kopke, Christoph. Jüdische Ärztinnen und Ärzte im Nationalsozialismus: Entrechtung, Vertreibung, Ermordung. Oldenbourg: Walter de Gruyter, 346-361.

Abstract

Der jüdische Arzt Emanuel Firnbacher stammte aus einem ländlich-konservativen Milieu in Bayern. Nach einem zweijährigen Kriegsdienst erlebte er den Zusammenbruch des Kaiserreichs, für das er noch bis zum Schluss gekämpft hatte, und damit einen Einbruch seiner politischen Orientierung. Auch seine medizinische Identität erfuhr mit der Drohung von 1935, ihm die ärztliche Approbation abzuerkennen, einen empfindlichen Stoß. Höchste Relevanz für seine Identität kam der deutschen Nationalität zu. Vor dem Hintergrund eines Assimilationsprozesses, der das jüdische Selbstverständnis vom deutschen Juden zum jüdischen Deutschen verändert hatte, nahm die Nationalität eine Schlüsselstellung ein. Gerade diese Identität als Deutscher aber wurde mit der Vertreibung grundsätzlich in Frage gestellt. Das Schicksal Firnbachers ist an sich kein Einzelfall. Zahlreiche jüdische Frontsoldaten erlebten den Untergang des Kaiserreichs, zahlreichen jüdischen Ärzten wurde die Fachkompetenz abgesprochen, und zahlreiche deutsch-konservative Juden verloren ihre Staatsbürgerschaft. Die Reaktionen auf diese biografischen Einschnitte jedoch waren höchst individuell. Viele reagierten mit Richtungswechsel, Umorientierung und grundsätzlichem Neubeginn. Andere, unter ihnen Firnbacher, antworteten mit Kampf, Widerstand, ja beinahe mit einer gewissen Sturheit. Firnbachers Biografie ist zwar zerrissen, wurde von ihm aber wieder gekittet. Er hatte durch die Schoa fast sämtliche Familienangehörige verloren und remigrierte trotzdem nach Deutschland, heimlich und ohne Abschied. Er knüpfte beruflich an seine frühere Tätigkeit an, verlor aber zum zweiten Mal sein soziales Umfeld. Das Selbstverständnis Emanuel Firnbachers als aktiver Arzt und Streiter für ein konservatives Deutschland wurde im Verlauf seiner Biografie mehrfach und auf verschiedenen Ebenen erschüttert. Dennoch blieb es in seinen Grundfesten über alle Umbrüche hinweg bestehen.

Der jüdische Arzt Emanuel Firnbacher stammte aus einem ländlich-konservativen Milieu in Bayern. Nach einem zweijährigen Kriegsdienst erlebte er den Zusammenbruch des Kaiserreichs, für das er noch bis zum Schluss gekämpft hatte, und damit einen Einbruch seiner politischen Orientierung. Auch seine medizinische Identität erfuhr mit der Drohung von 1935, ihm die ärztliche Approbation abzuerkennen, einen empfindlichen Stoß. Höchste Relevanz für seine Identität kam der deutschen Nationalität zu. Vor dem Hintergrund eines Assimilationsprozesses, der das jüdische Selbstverständnis vom deutschen Juden zum jüdischen Deutschen verändert hatte, nahm die Nationalität eine Schlüsselstellung ein. Gerade diese Identität als Deutscher aber wurde mit der Vertreibung grundsätzlich in Frage gestellt. Das Schicksal Firnbachers ist an sich kein Einzelfall. Zahlreiche jüdische Frontsoldaten erlebten den Untergang des Kaiserreichs, zahlreichen jüdischen Ärzten wurde die Fachkompetenz abgesprochen, und zahlreiche deutsch-konservative Juden verloren ihre Staatsbürgerschaft. Die Reaktionen auf diese biografischen Einschnitte jedoch waren höchst individuell. Viele reagierten mit Richtungswechsel, Umorientierung und grundsätzlichem Neubeginn. Andere, unter ihnen Firnbacher, antworteten mit Kampf, Widerstand, ja beinahe mit einer gewissen Sturheit. Firnbachers Biografie ist zwar zerrissen, wurde von ihm aber wieder gekittet. Er hatte durch die Schoa fast sämtliche Familienangehörige verloren und remigrierte trotzdem nach Deutschland, heimlich und ohne Abschied. Er knüpfte beruflich an seine frühere Tätigkeit an, verlor aber zum zweiten Mal sein soziales Umfeld. Das Selbstverständnis Emanuel Firnbachers als aktiver Arzt und Streiter für ein konservatives Deutschland wurde im Verlauf seiner Biografie mehrfach und auf verschiedenen Ebenen erschüttert. Dennoch blieb es in seinen Grundfesten über alle Umbrüche hinweg bestehen.

Altmetrics

Downloads

1 download since deposited on 15 Jan 2016
1 download since 12 months
Detailed statistics

Additional indexing

Item Type:Book Section, not refereed, original work
Communities & Collections:04 Faculty of Medicine > Institute of Biomedical Ethics and History of Medicine
Dewey Decimal Classification:610 Medicine & health
990 History of other areas
Uncontrolled Keywords:Medizingeschichte, Nationalsozialismus, Judentum, Emigration
Language:German
Date:October 2014
Deposited On:15 Jan 2016 08:03
Last Modified:05 Apr 2016 19:55
Publisher:Walter de Gruyter
Number:Band 12
ISBN:978-3-11-030564-7
Funders:Moses Mendelssohn Zentrum, Potsdam
Free access at:Publisher DOI. An embargo period may apply.
Publisher DOI:https://doi.org/10.1515/9783110306057
Official URL:https://www.degruyter.com/view/serial/179410
Permanent URL: https://doi.org/10.5167/uzh-119566

Download

[img]
Content: Published Version
Language: German
Filetype: PDF (Lizenz für UZH-Angehörige) - Registered users only
Size: 166kB
View at publisher

TrendTerms

TrendTerms displays relevant terms of the abstract of this publication and related documents on a map. The terms and their relations were extracted from ZORA using word statistics. Their timelines are taken from ZORA as well. The bubble size of a term is proportional to the number of documents where the term occurs. Red, orange, yellow and green colors are used for terms that occur in the current document; red indicates high interlinkedness of a term with other terms, orange, yellow and green decreasing interlinkedness. Blue is used for terms that have a relation with the terms in this document, but occur in other documents.
You can navigate and zoom the map. Mouse-hovering a term displays its timeline, clicking it yields the associated documents.

Author Collaborations