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Subjektive Lebensqualität von Menschen mit einer psychischen Erkrankung: Von der Messung der Lebenszufriedenheit zu dynamischen Anpassungsprozessen und Recovery. Ergebnisse einer Längsschnittuntersuchung mit Methodentriangulation


Müller, B. Subjektive Lebensqualität von Menschen mit einer psychischen Erkrankung: Von der Messung der Lebenszufriedenheit zu dynamischen Anpassungsprozessen und Recovery. Ergebnisse einer Längsschnittuntersuchung mit Methodentriangulation. 2008, University of Zurich, Faculty of Science.

Abstract

Hintergrund, Fragestellung und Methoden: Trotz Hinwendung der Psychiatrie zu vorwiegend biologischen Erklärungsmodellen psychischer Erkrankungen zeigen Befunde zu aktuellen Konzepten wie subjektive Lebensqualität
und Recovery die Bedeutung subjektiven Wohlbefindens für die Bewältigung psychischer Erkrankungen.
Die vorliegende Arbeit analysierte mittels Mehrebenenanalyse die Daten einer quantitativen Längsschnittuntersuchung mit Einflussfaktoren und Veränderungen der subjektiven Lebensqualität von Menschen mit psychischen Erkrankungen in den Jahren nach einem Klinikaufenthalt (n=183). Mittels qualitativer Interviews wurde zudem die individuelle Bedeutung verschiedener Lebensbereiche sowie der psychischen Erkrankung für die subjektive Lebensqualität aus der Perspektive der Betroffenen erhoben (n=16). Auf theoretisch-konzeptueller Ebene wurde angestrebt, die Befunde mit Modellen und Erkenntnissen der psychologischen Forschung zu Wohlbefinden zu verknüpfen, da bisher in der sozialpsychiatrischen Lebensqualitätsforschung theoretische Konzeptualisierungen wenig berücksichtigt wurden.
Ergebnisse: Die gefundenen Einflussfaktoren bestätigen bisherige Forschungsresultate: so zeigen Arbeitstätigkeit
und soziale Unterstützung, Aspekte von Stigmatisierung, die Belastung durch Lebensereignisse und insbesondere die psychiatrische Symptomatik sowie die Einnahme von Medikamenten einen Einfluss auf die subjektive Lebensqualität. In den qualitativen Interviews wurden zusätzlich Freizeitaktivitäten und eine minimale finanzielle
Absicherung als wichtig für die subjektive Lebensqualität benannt. Der beobachtete Anstieg der subjektiven Lebensqualität nach dem Klinikaufenthalt lässt sich in hauptsächlich auf einen Rückgang psychopathologischer
Symptome zurückführen. Im weiteren Verlauf der Untersuchung stabilisierte sich die Einschätzung der subjektiven Lebensqualität auf einem relativ hohen Niveau trotz sich tendenziell verschlechternder objektiver Lebensumstände im Rahmen einer verstärkten Abhängigkeit von institutioneller Unterstützung (Arbeit, Wohnen, Existenzsicherung). In den Interviews wurden Veränderungen der subjektiven Lebensqualität einerseits im Zusammenhang mit dem Leiden an den Symptomen der Erkrankung und dem Verzicht auf subjektiv wichtige Aktivitäten infolge der Einschränkungen durch die Erkrankung erwähnt. Immer wieder wurden jedoch auch positive
Entwicklungen im Rahmen biografischer Lernprozesse als subjektiv wertvolle und für die Bewältigung wesentliche
Veränderungen der subjektiven Lebensqualität geschildert.
Diskussion: In Bezug auf die Modelle der Wohlbefindensforschung zeigt sich, dass die Zusammenhänge zwischen der objektiven Lebenssituation und der subjektiven Lebensqualität wesentlich von Faktoren wie dem Selbstwert, kognitiver Bewertungsstile, der momentanen Stimmung und Persönlichkeitsmerkmalen, insbesondere aber von für jeden Menschen einzigartigen persönlichen Wünschen, Zielen und Erwartungen geprägt werden. Dies zeigt sich auch in der vorliegenden Arbeit. Da all diese Faktoren in hohem Ausmass individuell variieren, ist empirisch kein direkter Zusammenhang zwischen objektiven Umständen und der subjektiven Bewertung zu beobachten, wenn Gruppen oder durchschnittliche Effekte untersucht werden. Für Forschung und Praxis erscheint die vermehrte Ausrichtung am Individuum und seinen Wünschen, Erwartungen und Zielen wünschenswert,
wobei hier aktuelle Ansätze und Konzepte wie Recovery, Empowerment und Alltags- und Lebensweltorientierung als zukunftsweisend gelten können. Individuelle Wünsche, Ziele und Erwartungen spielen auch im Zusammenhang mit den beobachteten Veränderungen subjektiver Lebensqualität eine wichtige Rolle. Diese lassen sich als Anpassungsprozesse interpretieren, indem eine stetige Angleichung innerer Bewertungskriterien an die äusseren Gegebenheiten und Möglichkeiten erfolgt. Dies geschieht in erster Linie über die Umgestaltung persönlicher Erwartungen, Wünsche und Ziele, oder aber über den Versuch, die äusseren Umstände zu verändern. Auch die beschriebenen Lern- und Bewältigungsprozesse können als Anpassung interpretiert werden. Daraus folgt, dass subjektive Lebensqualität nicht ausschliesslich als statisches „Ergebnis“ oder „Outcome“
verschiedener anderer – insbesondere psychologischer – Phänomene, sondern selbst als dynamischer Prozess zu
konzeptualisieren ist, welcher eng mit einer gelingenden Anpassung und Bewältigung verknüpft ist. Die Anpassungsleistung, die Menschen mit psychischen Erkrankungen leisten müssen, ist oft mit der Aufgabe oder Umgestaltung von Lebenszielen verbunden, die für gesunde Menschen eine Selbstverständlichkeit darstellen. Häufig
sind die Einschränkungen durch die Erkrankung und die geforderte Anpassung aber so gross, dass die Unterstützung
durch Fachpersonen unerlässlich ist. Eine deren wichtigster Aufgaben ist es, gemeinsam mit den Betroffenen neue Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Dies kann aber nur gelingen, wenn dem biopsychosozialen Gesundheitsverständnis
eine zeitliche Komponente der Entwicklung hinzugefügt wird, die es erlaubt, das Ziel der Verbesserung von subjektiver Lebensqualität mit biografischen Lern- und Entwicklungsprozessen in Verbindung zu bringen.

Hintergrund, Fragestellung und Methoden: Trotz Hinwendung der Psychiatrie zu vorwiegend biologischen Erklärungsmodellen psychischer Erkrankungen zeigen Befunde zu aktuellen Konzepten wie subjektive Lebensqualität
und Recovery die Bedeutung subjektiven Wohlbefindens für die Bewältigung psychischer Erkrankungen.
Die vorliegende Arbeit analysierte mittels Mehrebenenanalyse die Daten einer quantitativen Längsschnittuntersuchung mit Einflussfaktoren und Veränderungen der subjektiven Lebensqualität von Menschen mit psychischen Erkrankungen in den Jahren nach einem Klinikaufenthalt (n=183). Mittels qualitativer Interviews wurde zudem die individuelle Bedeutung verschiedener Lebensbereiche sowie der psychischen Erkrankung für die subjektive Lebensqualität aus der Perspektive der Betroffenen erhoben (n=16). Auf theoretisch-konzeptueller Ebene wurde angestrebt, die Befunde mit Modellen und Erkenntnissen der psychologischen Forschung zu Wohlbefinden zu verknüpfen, da bisher in der sozialpsychiatrischen Lebensqualitätsforschung theoretische Konzeptualisierungen wenig berücksichtigt wurden.
Ergebnisse: Die gefundenen Einflussfaktoren bestätigen bisherige Forschungsresultate: so zeigen Arbeitstätigkeit
und soziale Unterstützung, Aspekte von Stigmatisierung, die Belastung durch Lebensereignisse und insbesondere die psychiatrische Symptomatik sowie die Einnahme von Medikamenten einen Einfluss auf die subjektive Lebensqualität. In den qualitativen Interviews wurden zusätzlich Freizeitaktivitäten und eine minimale finanzielle
Absicherung als wichtig für die subjektive Lebensqualität benannt. Der beobachtete Anstieg der subjektiven Lebensqualität nach dem Klinikaufenthalt lässt sich in hauptsächlich auf einen Rückgang psychopathologischer
Symptome zurückführen. Im weiteren Verlauf der Untersuchung stabilisierte sich die Einschätzung der subjektiven Lebensqualität auf einem relativ hohen Niveau trotz sich tendenziell verschlechternder objektiver Lebensumstände im Rahmen einer verstärkten Abhängigkeit von institutioneller Unterstützung (Arbeit, Wohnen, Existenzsicherung). In den Interviews wurden Veränderungen der subjektiven Lebensqualität einerseits im Zusammenhang mit dem Leiden an den Symptomen der Erkrankung und dem Verzicht auf subjektiv wichtige Aktivitäten infolge der Einschränkungen durch die Erkrankung erwähnt. Immer wieder wurden jedoch auch positive
Entwicklungen im Rahmen biografischer Lernprozesse als subjektiv wertvolle und für die Bewältigung wesentliche
Veränderungen der subjektiven Lebensqualität geschildert.
Diskussion: In Bezug auf die Modelle der Wohlbefindensforschung zeigt sich, dass die Zusammenhänge zwischen der objektiven Lebenssituation und der subjektiven Lebensqualität wesentlich von Faktoren wie dem Selbstwert, kognitiver Bewertungsstile, der momentanen Stimmung und Persönlichkeitsmerkmalen, insbesondere aber von für jeden Menschen einzigartigen persönlichen Wünschen, Zielen und Erwartungen geprägt werden. Dies zeigt sich auch in der vorliegenden Arbeit. Da all diese Faktoren in hohem Ausmass individuell variieren, ist empirisch kein direkter Zusammenhang zwischen objektiven Umständen und der subjektiven Bewertung zu beobachten, wenn Gruppen oder durchschnittliche Effekte untersucht werden. Für Forschung und Praxis erscheint die vermehrte Ausrichtung am Individuum und seinen Wünschen, Erwartungen und Zielen wünschenswert,
wobei hier aktuelle Ansätze und Konzepte wie Recovery, Empowerment und Alltags- und Lebensweltorientierung als zukunftsweisend gelten können. Individuelle Wünsche, Ziele und Erwartungen spielen auch im Zusammenhang mit den beobachteten Veränderungen subjektiver Lebensqualität eine wichtige Rolle. Diese lassen sich als Anpassungsprozesse interpretieren, indem eine stetige Angleichung innerer Bewertungskriterien an die äusseren Gegebenheiten und Möglichkeiten erfolgt. Dies geschieht in erster Linie über die Umgestaltung persönlicher Erwartungen, Wünsche und Ziele, oder aber über den Versuch, die äusseren Umstände zu verändern. Auch die beschriebenen Lern- und Bewältigungsprozesse können als Anpassung interpretiert werden. Daraus folgt, dass subjektive Lebensqualität nicht ausschliesslich als statisches „Ergebnis“ oder „Outcome“
verschiedener anderer – insbesondere psychologischer – Phänomene, sondern selbst als dynamischer Prozess zu
konzeptualisieren ist, welcher eng mit einer gelingenden Anpassung und Bewältigung verknüpft ist. Die Anpassungsleistung, die Menschen mit psychischen Erkrankungen leisten müssen, ist oft mit der Aufgabe oder Umgestaltung von Lebenszielen verbunden, die für gesunde Menschen eine Selbstverständlichkeit darstellen. Häufig
sind die Einschränkungen durch die Erkrankung und die geforderte Anpassung aber so gross, dass die Unterstützung
durch Fachpersonen unerlässlich ist. Eine deren wichtigster Aufgaben ist es, gemeinsam mit den Betroffenen neue Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Dies kann aber nur gelingen, wenn dem biopsychosozialen Gesundheitsverständnis
eine zeitliche Komponente der Entwicklung hinzugefügt wird, die es erlaubt, das Ziel der Verbesserung von subjektiver Lebensqualität mit biografischen Lern- und Entwicklungsprozessen in Verbindung zu bringen.

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Additional indexing

Item Type:Dissertation
Referees:Rössler W, Maercker A
Communities & Collections:04 Faculty of Medicine > Psychiatric University Hospital Zurich > Clinic for Clinical and Social Psychiatry Zurich West (former)
Dewey Decimal Classification:610 Medicine & health
Language:German
Date:2008
Deposited On:19 Feb 2009 08:29
Last Modified:05 Apr 2016 13:03
Related URLs:http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=005668313
Permanent URL: https://doi.org/10.5167/uzh-14599

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