Quick Search:

uzh logo
Browse by:
bullet
bullet
bullet
bullet

Zurich Open Repository and Archive

Scherer, A G; Palazzo, G; Butz, A (2009). Die neue politische Rolle von Unternehmen in einer globalisierten Welt - Ein Überblick über die Forschungslandschaft. In: Moser, R. Internationale Unternehmensführung. Entscheidungfelder und politische Aspekte. Wiesbaden, 1-31. ISBN 978-3-8349-1885-7.

Full text not available from this repository.

Abstract

Im letzten Jahrzehnt haben verschiedene Unternehmen begonnen, originäre Staatsaufgaben zu übernehmen (vgl. Margolis und Walsh, 2003; Matten und Crane, 2005; Walsh et al., 2003). Dies gilt besonders für multinationale Unternehmen (MNU). Diese engagieren sich in den Bereichen Gesundheit, Bildungsleistungen, soziale Sicherheit und Schutz der Men-schenrechte in Ländern, in denen staatliche Organe nicht in der Lage sind, diese Leistungen bereit zu stellen (vgl. Kinley und Tadaki, 2004; Matten und Crane, 2005); sie adressieren gesellschaftliche Probleme wie AIDS, Unterernährung, Obdachlosigkeit und Analphabeten-tum (vgl. Margolis und Walsh, 2003; Rosen et al., 2003); sie formulieren Ethikkodizes (z.B. Cragg, 2005a) und beteiligen sich an einer Selbstregulierung, um globale Regulie-rungs- und moralische Orientierungslücken zu schliessen (vgl. Scherer und Smid, 2000); schliesslich begünstigen sie Frieden und Stabilität (vgl. Fort und Schipani, 2004).

Derlei Aktivitäten werden von manchen Ökonomen mit Skepsis betrachtet, widersprechen sie doch dem gemeinen Rollenverständnis von Unternehmen in der Gesellschaft, wie dieses etwa in der Theorie der Firma angenommen wird (vgl. Friedman, 1970; Henderson, 2001; Levitt, 1970; Jensen, 2002; Sundaram und Inkpen, 2004). Das oben erwähnte Verhalten von Unternehmen geht aber auch über das umfassende Verständnis von sozialer Unternehmensverantwortung gegenüber den Stakeholdern hinaus, wie dies im Sinne einer Erfüllung von sich wandelnden sozialen Erwartungen in den letzten Jahrzehnten in der Business- und Society-Literatur konzeptualisiert worden ist (vgl. Strand, 1983; siehe auch Carroll, 1991; Freeman und McVea, 2001; Schwartz und Carroll, 2003; Whetton et al., 2002). Im Unterschied dazu offenbart das beschriebene Verhalten von Unternehmen eine stärkere Beteiligung an einem Regelsetzungs- und Durchsetzungsprozess von globalem Ausmaß („Global Governance“) (vgl. Braithwaite und Drahos, 2000) sowie an der Bereitstellung öffentlicher Güter (vgl. Kaul et al., 2003).

Cragg (2005b, 2005c) führt mehrere Belege dafür an, dass sich Unternehmen zunehmend an einer Selbstregulierung beteiligen, um das durch den Prozess der Globalisierung entstandene Regulierungsvakuum zu füllen. Ganz ähnlich argumentieren Matten und Crane (2005), die einigen Unternehmen sogar eine staatsähnliche Rolle zusprechen. Matten und Crane (2005) stellen fest, dass viele Unternehmen zunehmend Bürgerrechte schützen, ermöglichen und durchsetzen, eine Aufgabe die originär der staatlichen Verantwortlichkeit zufällt (vgl. Marshall, 1965). Dies gilt insbesondere im Falle eines Staatsversagens, d.h. wenn ein Nationalstaat Bürgerrechte noch nicht oder (prinzipiell) nicht mehr gewährleisten kann (wie dies etwa in einigen Entwicklungsländern der Fall ist). So gesehen haben sich Unternehmen zu wichtigen politischen Akteuren in der globalen Zivilgesellschaft entwickelt (vgl. Matten und Crane, 2005; Palazzo und Scherer, 2006, 2008; Scherer und Palazzo, 2007, 2008a; Steinmann, 2007).

Auf globaler Ebene sind Nationalstaaten und internationale Institutionen immer weniger in der Lage, ein befriedigendes Niveau globaler öffentlicher Güter anzubieten und die weltwirtschaftliche Rahmenordnung im Interesse des Gemeinwohls zu reglementieren (vgl. Kaul et al., 2003). Im diesem Problemkontext wird der Begriff der “Global Governance” verwendet, um Möglichkeiten aufzuzeigen, die globalen Regelungslücken zu schließen. Global Governance umfasst den Findungs- und Durchsetzungsprozess globaler Regeln sowie die Bereitstellung globaler öffentlicher Güter und soll helfen, die verstärkte Zusammenarbeit im Wissens- und Ressourcenbereich zwischen Regierungen, internationalen Institutionen, NGOs, zivilgesellschaftlichen Gruppierungen und Unternehmen zu beschreiben (vgl. Braithwaite und Drahos, 2000; Reinicke und Deng, 2000). Die Global Governance ist ein polyzentrischer und multilateraler Prozess, an dem zivilgesellschaftliche, staatliche und private Akteure beteiligt sind.

Wir argumentieren, dass die verschiedenen Theorien der Unternehmung noch nicht ausreichend in der Lage sind, deren neue politische Rolle adäquat abzubilden. Gegenwärtige Ansätze der politischen Betätigung von Unternehmen beruhen hauptsächlich auf einer instrumentellen Sichtweise der Unternehmenspolitik und einer strikten Trennung der politischen und ökonomischen Sphäre (vgl. Hillman et al., 2003). Im Gegensatz dazu heben wir einige Erkenntnisse von Nachbardisziplinen wie der politischen Theorie, den internationalen Beziehungen und der Rechtswissenschaft hervor, in denen diese neue Rolle der Unternehmen zunehmend in den Blickpunkt gerät. Damit bestimmen wir eine Forschungsagenda, welche auf der neuen Rolle der Unternehmen in einer globalen Zivilgesellschaft beruht. Unser Beitrag erweitert die Theorie der Unternehmung um eine ausgewogenere Konzeption der politischen und ökonomischen Verantwortlichkeit, welche die ursprünglich eher eng angelegte und instrumentell verstandene Sichtweise der Politik überwindet und damit besser in der Lage ist, den immer stärker werdenden politischen Beitrag der Unternehmen für eine Global Governance zu analysieren.

Der Beitrag ist wie folgt aufgebaut. Zuerst thematisieren wir einige Probleme der gegenwärtigen Modellierung der politischen Rolle von Unternehmen, um im nächsten Schritt die zu Grunde gelegten Annahmen und Denkschulen dieses apolitischen CSR-Ansatzes kritisch zu bewerten. Anhand einiger Beispiele aktueller globaler Aktivitäten von Unternehmen legen wir exemplarisch sowohl negative als auch positive Beiträge zu einer Global Governance dar. Im zweiten Teil des Beitrags stellen wir das Konzept einer neuen politischen Rolle der Unternehmen vor. Wir plädieren für einen Paradigmenwechsel innerhalb der CSR-Debatte, der notwendig ist für eine neue Theorie der Unternehmung in einer globalisierten Welt. Abschließend werden einige Problembereiche und zukünftige Forschungsfragen in der Managementtheorie kurz angesprochen.

Citations

Downloads

0 downloads since deposited on 01 Feb 2010
0 downloads since 12 months

Additional indexing

Item Type:Book Section, refereed, original work
Communities & Collections:03 Faculty of Economics > Department of Business Administration
DDC:330 Economics
Language:German
Date:2009
Deposited On:01 Feb 2010 22:55
Last Modified:04 Apr 2012 13:04
Publisher:Gabler
Series Name:mir-Edition
ISBN:978-3-8349-1885-7
Additional Information:View research and articles of the Author Andreas Georg Scherer on SSRN Author page: http://ssrn.com/author=721161
Official URL:http://www.gabler.de/Buch/978-3-8349-1885-7/Internationale-Unternehmensfuehrung.html
Related URLs:http://ssrn.com/author=721161 (Author)

Users (please log in): suggest update or correction for this item

Repository Staff Only: item control page