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Entfesselung und Eingrenzung - Konsequenzen einer global entfesselten ökonomischen Vernunft für die soziale Verantwortung von Unternehmen


Palazzo, G; Scherer, A G (2009). Entfesselung und Eingrenzung - Konsequenzen einer global entfesselten ökonomischen Vernunft für die soziale Verantwortung von Unternehmen. In: Breuer, M; Mastronardi, P; Waxenberger, B. Markt, Mensch und Freiheit. Wirtschaftsethik in der Auseinandersetzung. Bern: Haupt, 81-95.

Abstract

Betrachtet man die deutschsprachige Debatte zur Wirtschafts- und Unternehmensethik in den vergangenen zwanzig Jahren, so geht es im Kern um die Frage, wie die Wirtschafts- und Unternehmensethik als wissenschaftliche Disziplin begründet werden soll und welche soziale Verantwortung den privaten Unternehmen im Rahmen einer solchen Konzeption zuzuschreiben ist. Die beiden extremen Pole dieser Debatte bildeten dabei einerseits Karl Homann, der die soziale Verantwortung primär in der staatlich definierten Rahmenordnung der Wettbewerbswirtschaft verankern und die privaten Unternehmen von sozialen Pflichten jenseits ökonomischer Rationalität entlasten will, und andererseits Peter Ulrich, der dafür plädiert, die ökonomischen Sachzwänge einer als Ideologie verkleideten Marktgläubigkeit zu dekonstruieren und den Unternehmen auch unter den Bedingungen des Wettbewerbs zuzumuten, grundsätzlich jede strategische Entscheidung unter den Vorbehalt einer diskursiven Überprüfung zu stellen. Homann und Ulrich vertreten dabei mithin radikal verschiedene Auffassungen über die Arbeitsteilung zwischen privatwirtschaftlichen und staatlichen Akteuren. Während bei Homann die Ordnungsfunktion vollständig in der Gestaltung der Rahmenordnung durch den Staat aufgeht und die Unternehmen von der Wahrnehmung sozialer Verantwortung entlastet werden, vertraut Ulrich auf die ordnende Funktion dezentraler diskursiver Prozesse zwischen privaten Akteuren, die unterschiedliche Interessen verfolgen. Quer zu diesen beiden Positionen liegt der Vorschlag von Steinmann und Löhr. Die beiden Autoren hegen aufgrund der erzielbaren Effizienzgewinne einer Koordination über den Markt und mangels besserer Alternativen auf der Wirtschaftssystemebene eine „Richtigkeitsvermutung“ zugunsten einer über Preise gesteuerten Wettbewerbswirtschaft. Sie konstatieren dabei jedoch eine eigenständige Ordnungsrolle der Unternehmensethik. Sie soll als friedensstiftendes Element die staatliche Rahmenordnung dort ergänzen, wo sich aufgrund der prinzipiellen Steuerungsgrenzen des nationalen Rechts Regelungslücken auftun.

In dieser frühen Auseinandersetzung über die Rolle der Unternehmensethik bestand die implizit geteilte Annahme der Protagonisten allerdings darin, dass sich die Unternehmen in einem nationalstaatlich definierten Kontext bewegen und dieser Kontext durch einen im großen und ganzen handlungsfähigen politischen Akteur, den demokratisch verfassten Staat und seine Rechtsinstitute, definiert wird. Die genannten Konzeptionen der Wirtschafts- und Unternehmensethik wurden zunächst für den nationalstaatlichen Kontext entwickelt und erst später angesichts des durch die Globalisierung gewandelten Umfeldes weiterentwickelt und um Überlegungen zu einer internationalen Unternehmensethik bzw. zur Rolle der Unternehmung in der globalen Wirtschaft ergänzt.

Der sich heute global öffnende Raum ökonomischer, kultureller und politischer Interaktion zeichnet sich durch eine Verschiebung der Machtverhältnisse zwischen privaten und öffentlichen Akteuren und Institutionen aus, die Habermas als „postnationale Konstellation“ beschrieben hat. Dabei erodiert die Macht staatlicher und wächst die Macht privatwirtschaftlicher Akteure: „Die neue Relevanz von Fliessgrössen signalisiert die Verschiebung der Kontrolle aus der Raum- in die Zeitdimension. Die Verlagerung der Gewichte vom 'Beherrscher des Territoriums' zum 'Meister der Geschwindigkeit' scheint den Nationalstaat zu entmachten.” Dies betrifft insbesondere das Teilsystem Wirtschaft, weil multinationale Unternehmen sich zunehmend der Regulierungsmacht national gebundener Regierungen entziehen können. Aufgrund der verfügbaren Kommunikationstechnologien und den gesunkenen Koordinations- und Transportkosten sind die Unternehmen heute mehr denn je in der Lage, ihre Wertschöpfungsaktivitäten dorthin zu verlagern, wo die Leistungserstellung unter maximaler Effizienz erfolgt. Gegenüber den sich global ausdehnenden Unternehmen gibt es keine ausreichend schnell nacheilende globale Governancestruktur. In der Konsequenz sind die Unternehmen nicht mehr wie bis anhin den politisch gesetzten nationalstaatlichen Rahmenbedingungen unterworfen, sondern können sich ihre Rahmenbedingungen nach ökonomischen Gesichtspunkten auswählen und damit das in den nationalstaatlich zentrierten Wirtschaftsethikkonzeptionen unterstellte Primat der Politik aushebeln.

Auf diese Weise werden die wirtschaftlichen Kräfte von der Bindungswirkung nationalstaatlicher Regulierung entfesselt. Die wirtschaftliche Rationalität bahnt sich ihren Weg durch die unterregulierte globale Wirtschaft und lässt neue, transnationale, Wertschöpfungskombinationen entstehen, bei denen sich die traditionelle Bedeutung von Landes- und Unternehmensgrenzen verliert. Immer häufiger entstehen Produkte und Dienstleistungen in komplexen netzwerkartigen und grenzüberschreitenden Prozessen, bei denen die beteiligten Produzenten und die Herkunft gar nicht mehr ohne weiteres nachvollziehbar sind. Selbst die in solchen Wertschöpfungsnetzen miteinander verbundenen Unternehmen verfügen nicht mehr über einen Gesamtüberblick über alle Partner und deren Aktivitäten. Nespresso ist beispielsweise über mehrere Wertschöpfungsebenen mit zehntausenden Kaffeebauern verbunden, die für das Unternehmen selbst weitgehend anonym bleiben. Bekleidungs- und Sportartikelhersteller haben ihrerseits nicht die geringste Ahnung über die Herkunft der Baumwolle, die sie auf Auktionen erwerben und über deren Herstellungsbedingungen sie keine Aussagen treffen können.

Abstract

Betrachtet man die deutschsprachige Debatte zur Wirtschafts- und Unternehmensethik in den vergangenen zwanzig Jahren, so geht es im Kern um die Frage, wie die Wirtschafts- und Unternehmensethik als wissenschaftliche Disziplin begründet werden soll und welche soziale Verantwortung den privaten Unternehmen im Rahmen einer solchen Konzeption zuzuschreiben ist. Die beiden extremen Pole dieser Debatte bildeten dabei einerseits Karl Homann, der die soziale Verantwortung primär in der staatlich definierten Rahmenordnung der Wettbewerbswirtschaft verankern und die privaten Unternehmen von sozialen Pflichten jenseits ökonomischer Rationalität entlasten will, und andererseits Peter Ulrich, der dafür plädiert, die ökonomischen Sachzwänge einer als Ideologie verkleideten Marktgläubigkeit zu dekonstruieren und den Unternehmen auch unter den Bedingungen des Wettbewerbs zuzumuten, grundsätzlich jede strategische Entscheidung unter den Vorbehalt einer diskursiven Überprüfung zu stellen. Homann und Ulrich vertreten dabei mithin radikal verschiedene Auffassungen über die Arbeitsteilung zwischen privatwirtschaftlichen und staatlichen Akteuren. Während bei Homann die Ordnungsfunktion vollständig in der Gestaltung der Rahmenordnung durch den Staat aufgeht und die Unternehmen von der Wahrnehmung sozialer Verantwortung entlastet werden, vertraut Ulrich auf die ordnende Funktion dezentraler diskursiver Prozesse zwischen privaten Akteuren, die unterschiedliche Interessen verfolgen. Quer zu diesen beiden Positionen liegt der Vorschlag von Steinmann und Löhr. Die beiden Autoren hegen aufgrund der erzielbaren Effizienzgewinne einer Koordination über den Markt und mangels besserer Alternativen auf der Wirtschaftssystemebene eine „Richtigkeitsvermutung“ zugunsten einer über Preise gesteuerten Wettbewerbswirtschaft. Sie konstatieren dabei jedoch eine eigenständige Ordnungsrolle der Unternehmensethik. Sie soll als friedensstiftendes Element die staatliche Rahmenordnung dort ergänzen, wo sich aufgrund der prinzipiellen Steuerungsgrenzen des nationalen Rechts Regelungslücken auftun.

In dieser frühen Auseinandersetzung über die Rolle der Unternehmensethik bestand die implizit geteilte Annahme der Protagonisten allerdings darin, dass sich die Unternehmen in einem nationalstaatlich definierten Kontext bewegen und dieser Kontext durch einen im großen und ganzen handlungsfähigen politischen Akteur, den demokratisch verfassten Staat und seine Rechtsinstitute, definiert wird. Die genannten Konzeptionen der Wirtschafts- und Unternehmensethik wurden zunächst für den nationalstaatlichen Kontext entwickelt und erst später angesichts des durch die Globalisierung gewandelten Umfeldes weiterentwickelt und um Überlegungen zu einer internationalen Unternehmensethik bzw. zur Rolle der Unternehmung in der globalen Wirtschaft ergänzt.

Der sich heute global öffnende Raum ökonomischer, kultureller und politischer Interaktion zeichnet sich durch eine Verschiebung der Machtverhältnisse zwischen privaten und öffentlichen Akteuren und Institutionen aus, die Habermas als „postnationale Konstellation“ beschrieben hat. Dabei erodiert die Macht staatlicher und wächst die Macht privatwirtschaftlicher Akteure: „Die neue Relevanz von Fliessgrössen signalisiert die Verschiebung der Kontrolle aus der Raum- in die Zeitdimension. Die Verlagerung der Gewichte vom 'Beherrscher des Territoriums' zum 'Meister der Geschwindigkeit' scheint den Nationalstaat zu entmachten.” Dies betrifft insbesondere das Teilsystem Wirtschaft, weil multinationale Unternehmen sich zunehmend der Regulierungsmacht national gebundener Regierungen entziehen können. Aufgrund der verfügbaren Kommunikationstechnologien und den gesunkenen Koordinations- und Transportkosten sind die Unternehmen heute mehr denn je in der Lage, ihre Wertschöpfungsaktivitäten dorthin zu verlagern, wo die Leistungserstellung unter maximaler Effizienz erfolgt. Gegenüber den sich global ausdehnenden Unternehmen gibt es keine ausreichend schnell nacheilende globale Governancestruktur. In der Konsequenz sind die Unternehmen nicht mehr wie bis anhin den politisch gesetzten nationalstaatlichen Rahmenbedingungen unterworfen, sondern können sich ihre Rahmenbedingungen nach ökonomischen Gesichtspunkten auswählen und damit das in den nationalstaatlich zentrierten Wirtschaftsethikkonzeptionen unterstellte Primat der Politik aushebeln.

Auf diese Weise werden die wirtschaftlichen Kräfte von der Bindungswirkung nationalstaatlicher Regulierung entfesselt. Die wirtschaftliche Rationalität bahnt sich ihren Weg durch die unterregulierte globale Wirtschaft und lässt neue, transnationale, Wertschöpfungskombinationen entstehen, bei denen sich die traditionelle Bedeutung von Landes- und Unternehmensgrenzen verliert. Immer häufiger entstehen Produkte und Dienstleistungen in komplexen netzwerkartigen und grenzüberschreitenden Prozessen, bei denen die beteiligten Produzenten und die Herkunft gar nicht mehr ohne weiteres nachvollziehbar sind. Selbst die in solchen Wertschöpfungsnetzen miteinander verbundenen Unternehmen verfügen nicht mehr über einen Gesamtüberblick über alle Partner und deren Aktivitäten. Nespresso ist beispielsweise über mehrere Wertschöpfungsebenen mit zehntausenden Kaffeebauern verbunden, die für das Unternehmen selbst weitgehend anonym bleiben. Bekleidungs- und Sportartikelhersteller haben ihrerseits nicht die geringste Ahnung über die Herkunft der Baumwolle, die sie auf Auktionen erwerben und über deren Herstellungsbedingungen sie keine Aussagen treffen können.

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Item Type:Book Section, refereed, original work
Communities & Collections:03 Faculty of Economics > Department of Business Administration
Dewey Decimal Classification:330 Economics
Language:German
Date:2009
Deposited On:29 Jan 2010 23:36
Last Modified:05 Apr 2016 13:48
Publisher:Haupt
ISBN:978-3-258-07509-9
Additional Information:View research and articles of the Author Andreas Georg Scherer on SSRN Author page: http://ssrn.com/author=721161
Official URL:http://www.haupt.ch/verlagsshop/oxid.php/sid/x/shp/oxbaseshop/cl/details/cnid/52a442a5d51cf6038.12151000/anid/9783258075099
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