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Die Entkopplung des Selbst in der Depression: Empirische Befunde und neuropsychodynamische Hypothesen


Böker, H; Northoff, G (2010). Die Entkopplung des Selbst in der Depression: Empirische Befunde und neuropsychodynamische Hypothesen. Psyche: Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen, 64(9/10):934-976.

Abstract

Das Selbst und die Veränderungen des Selbsterlebens stellen zentrale Dimensionen der Depression und der psychoanalytischen Depressionstheorien dar. Das Erleben des Selbst in der schweren Depression lässt sich als Selbstverlusterfahrung charakterisieren. Es wird ein Mechanismus-basierter Forschungsansatz dargestellt, der auf die psychodynamischen, psychologischen und neuronalen Mechanismen bei Gesunden und depressiv Erkrankten zielt. Auf der Grundlage empirischer Befunde zur emotional-kognitiven Interaktion bei depressiv Erkrankten werden neuro-psychodynamische Hypothesen zum Selbst in der Depression entwickelt. Es wird angenommen, dass die empirisch gesicherte erhöhte Ruhe-Zustands-Aktivität in der Depression eine Prädisposition für die Reaktivierung früher Objektverlusterfahrungen darstellt und dass die Ruhe-Stimulus-Interaktion in der Depression infolge der erhöhten Ruhe-Aktivität reduziert ist und mit den – mit negativem Affekt verknüpften – introjektiven Prozessen in der Begegnung des Selbst mit den Objekten korrespondiert. Ferner wird angenommen, dass aufgrund der reduzierten Stimulus-Ruhe-Interaktion eine Störung in der Entwicklung der neuronalen Struktur und Organisation entsteht, die sich in der Prozessierung aktueller Verlusterfahrungen abbildet. Aufgrund der neurobiologischen Befunde wird die Schlussfolgerung gezogen, dass die erhöhte Ruhe-Aktivität zu einer Entkopplung des depressiven Selbst von der erlebten Bedeutung aktueller Objektbeziehungen führt. Dieser subjektiv wahrgenommene und erlebte externe Objektverlust wird durch die Konstitution interner Objekte, i.e., somatisch und kognitiv, und somit einer mentalen Umwelt kompensiert. Es sind genau diese psychodynamischen Kompensationsversuche auf der Basis funktionierender neuronaler Mechanismen, die dann zu den bekannten depressiven Symptomen wie erhöhter Selbst-Fokus, Ruminationen, negativer Affekt und somatische Veränderungen führen. Aus neuropsychodynamischer Sicht sind die depressiven Symptome Ausdruck fehlgeleiteter, aber - für sich selbst betrachtet - normal funktionierender Mechanismen. Der Mechanismus-basierte psychodynamische Ansatz, den bereits Freud bei der Melancholie voraussetzte, findet hier somit seine Entsprechung auf der neuronalen Ebene des Gehirns. Diese enge Verknüpfung beider Ebenen, der psychodynamischen und der neuronalen, ermöglicht somit einen neuropsychodynamischen Ansatz im eigentlichen Wortsinn.

Abstract

Das Selbst und die Veränderungen des Selbsterlebens stellen zentrale Dimensionen der Depression und der psychoanalytischen Depressionstheorien dar. Das Erleben des Selbst in der schweren Depression lässt sich als Selbstverlusterfahrung charakterisieren. Es wird ein Mechanismus-basierter Forschungsansatz dargestellt, der auf die psychodynamischen, psychologischen und neuronalen Mechanismen bei Gesunden und depressiv Erkrankten zielt. Auf der Grundlage empirischer Befunde zur emotional-kognitiven Interaktion bei depressiv Erkrankten werden neuro-psychodynamische Hypothesen zum Selbst in der Depression entwickelt. Es wird angenommen, dass die empirisch gesicherte erhöhte Ruhe-Zustands-Aktivität in der Depression eine Prädisposition für die Reaktivierung früher Objektverlusterfahrungen darstellt und dass die Ruhe-Stimulus-Interaktion in der Depression infolge der erhöhten Ruhe-Aktivität reduziert ist und mit den – mit negativem Affekt verknüpften – introjektiven Prozessen in der Begegnung des Selbst mit den Objekten korrespondiert. Ferner wird angenommen, dass aufgrund der reduzierten Stimulus-Ruhe-Interaktion eine Störung in der Entwicklung der neuronalen Struktur und Organisation entsteht, die sich in der Prozessierung aktueller Verlusterfahrungen abbildet. Aufgrund der neurobiologischen Befunde wird die Schlussfolgerung gezogen, dass die erhöhte Ruhe-Aktivität zu einer Entkopplung des depressiven Selbst von der erlebten Bedeutung aktueller Objektbeziehungen führt. Dieser subjektiv wahrgenommene und erlebte externe Objektverlust wird durch die Konstitution interner Objekte, i.e., somatisch und kognitiv, und somit einer mentalen Umwelt kompensiert. Es sind genau diese psychodynamischen Kompensationsversuche auf der Basis funktionierender neuronaler Mechanismen, die dann zu den bekannten depressiven Symptomen wie erhöhter Selbst-Fokus, Ruminationen, negativer Affekt und somatische Veränderungen führen. Aus neuropsychodynamischer Sicht sind die depressiven Symptome Ausdruck fehlgeleiteter, aber - für sich selbst betrachtet - normal funktionierender Mechanismen. Der Mechanismus-basierte psychodynamische Ansatz, den bereits Freud bei der Melancholie voraussetzte, findet hier somit seine Entsprechung auf der neuronalen Ebene des Gehirns. Diese enge Verknüpfung beider Ebenen, der psychodynamischen und der neuronalen, ermöglicht somit einen neuropsychodynamischen Ansatz im eigentlichen Wortsinn.

Citations

Additional indexing

Item Type:Journal Article, refereed, original work
Communities & Collections:04 Faculty of Medicine > Psychiatric University Hospital Zurich > Clinic for Psychiatry, Psychotherapy, and Psychosomatics
Dewey Decimal Classification:610 Medicine & health
Uncontrolled Keywords:Selbst, Depression, Interozeption, Exterozeption, Ruhe-Zustands-Aktivität, Neuropsychoanalyse
Language:German
Date:September 2010
Deposited On:09 Sep 2010 08:36
Last Modified:05 Apr 2016 14:14
Publisher:Klett-Cotta
ISSN:0033-2623
Related URLs:http://www.psyche.de/ (Publisher)

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