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Soziales Kapital als Potenzial kollektiver Demobilisierung: Das Beispiel der Motorrad-Taxifahrer in Sierra Leone


Bürge, Michael; Peters, Krijn (2010). Soziales Kapital als Potenzial kollektiver Demobilisierung: Das Beispiel der Motorrad-Taxifahrer in Sierra Leone. In: Kurtenbach, Sabine; Blumör, Rüdiger; Huhn, Sebastian. Jugendliche in gewaltsamen Lebenswelten. Baden-Baden: Nomos, 163-176.

Abstract

Programme zur Entwaffnung, Demobilisierung und Reintegration von Kämpfern – kurz DDR nach der englischsprachigen Bezeichnung Disarmament, Demobilisation and Reintegration – sind heutzutage Standard, um den Übergang von Kriegs- zu Friedenszeiten zu erleichtern. Während die Entwaffnung der Kämpfer darauf abzielt, durch Einsammeln, Wegsperren oder Zerstören von Waffen und Munition die physischen Möglichkeiten der Gewaltausübung zu verringern, geht es beim Demobilisieren darum, das organisatorische Potenzial der Kämpfer zu reduzieren. Kommandostrukturen werden gebrochen, aus Gruppen und Einheiten sollen isolierte Individuen werden, die einzeln in die Gesellschaft integriert werden können, ohne eine Gefahr darzustellen. Diese konventionelle Idee von Demobilisierung trägt zweifellos zu einer raschen Verbesserung der Sicherheitslage eines Landes bei. Langfristig kann sie jedoch einer nachhaltigen Eingliederung aller ehemaligen Kämpfer im Wege stehen und sogar negative, stabilitätsgefährdende Auswirkungen mit sich bringen. Der vorliegende Beitrag argumentiert, dass in der Reintegrations-Phase im Zuge von DDR-Programmen auch diejenigen Kämpfer unterstützt werden sollten, die sich für eine gemeinsame Integration mit ihren Mitkämpfern aussprechen. Möglichkeiten, den Lebensunterhalt kollektiv in Gruppen mit flachen Hierarchien zu bestreiten, sollten gefördert werden, falls dies dem Bedürfnis der ehemaligen Kämpfer entspricht. Die Notwendigkeit und Wirksamkeit einer solchen Förderung soll durch eine der wenigen erfolgreichen Geschäftsideen nach dem Bürgerkrieg in Sierra Leone belegt werden: Die explosionsartige Verbreitung und Popularität von Motorrad-Taxis ermöglichte es Zehntausenden jungen Männern eine Arbeit zu finden, die sie sonst nirgends gefunden hätten. Interessanterweise bestand unmittelbar nach dem Krieg die Mehrheit der Taxifahrer aus ehemaligen Kämpfern. Die in diesem Geschäft gängigen Besitzer-Mieter-Verhältnisse basieren stark auf Vertrauen und sozialem Kapital. Dieses war unter ehemaligen Kämpfern aufgrund ihrer gemeinsamen Vergangenheit in besonderem Maße zu finden.

Programme zur Entwaffnung, Demobilisierung und Reintegration von Kämpfern – kurz DDR nach der englischsprachigen Bezeichnung Disarmament, Demobilisation and Reintegration – sind heutzutage Standard, um den Übergang von Kriegs- zu Friedenszeiten zu erleichtern. Während die Entwaffnung der Kämpfer darauf abzielt, durch Einsammeln, Wegsperren oder Zerstören von Waffen und Munition die physischen Möglichkeiten der Gewaltausübung zu verringern, geht es beim Demobilisieren darum, das organisatorische Potenzial der Kämpfer zu reduzieren. Kommandostrukturen werden gebrochen, aus Gruppen und Einheiten sollen isolierte Individuen werden, die einzeln in die Gesellschaft integriert werden können, ohne eine Gefahr darzustellen. Diese konventionelle Idee von Demobilisierung trägt zweifellos zu einer raschen Verbesserung der Sicherheitslage eines Landes bei. Langfristig kann sie jedoch einer nachhaltigen Eingliederung aller ehemaligen Kämpfer im Wege stehen und sogar negative, stabilitätsgefährdende Auswirkungen mit sich bringen. Der vorliegende Beitrag argumentiert, dass in der Reintegrations-Phase im Zuge von DDR-Programmen auch diejenigen Kämpfer unterstützt werden sollten, die sich für eine gemeinsame Integration mit ihren Mitkämpfern aussprechen. Möglichkeiten, den Lebensunterhalt kollektiv in Gruppen mit flachen Hierarchien zu bestreiten, sollten gefördert werden, falls dies dem Bedürfnis der ehemaligen Kämpfer entspricht. Die Notwendigkeit und Wirksamkeit einer solchen Förderung soll durch eine der wenigen erfolgreichen Geschäftsideen nach dem Bürgerkrieg in Sierra Leone belegt werden: Die explosionsartige Verbreitung und Popularität von Motorrad-Taxis ermöglichte es Zehntausenden jungen Männern eine Arbeit zu finden, die sie sonst nirgends gefunden hätten. Interessanterweise bestand unmittelbar nach dem Krieg die Mehrheit der Taxifahrer aus ehemaligen Kämpfern. Die in diesem Geschäft gängigen Besitzer-Mieter-Verhältnisse basieren stark auf Vertrauen und sozialem Kapital. Dieses war unter ehemaligen Kämpfern aufgrund ihrer gemeinsamen Vergangenheit in besonderem Maße zu finden.

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Item Type:Book Section, not refereed, original work
Communities & Collections:06 Faculty of Arts > Department of Social Anthropology and Cultural Studies
Dewey Decimal Classification:390 Customs, etiquette & folklore
300 Social sciences, sociology & anthropology
790 Sports, games & entertainment
Language:German
Date:2010
Deposited On:25 Feb 2011 12:36
Last Modified:03 May 2016 18:54
Publisher:Nomos
Series Name:EINE Welt
ISBN:978-3-8329-5682-0
Official URL:http://www.nomos-shop.de/productview.aspx?product=12621
Permanent URL: https://doi.org/10.5167/uzh-44974

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