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Binotto, Johannes. Tat/Ort: Das Unheimliche und sein Raum in der Kultur. 2010, University of Zurich, Faculty of Arts.

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Abstract

Das Unheimliche, wie es von Sigmund Freud in seinem gleichnamigen Aufsatz diskutiert wird, gehört zu den zugleich beliebtesten, aber auch unklarsten Konzepten der Literatur- und Kulturwissenschaften. In Absetzung von bisherigen Deutungen unterzieht die Arbeit von Johannes Binotto das Unheimliche einer präzisen und originellen Lektüre, in der besonders auf der Raummetaphorik in Freuds Aufsatz, wie auch in anderen Grundlagentexten der psychoanalytischen Theorie insistiert wird: Das Phänomen des Unheimlichen – so die dabei gewonnene These – hängt nicht, wie oft postuliert, an einem bestimmten beängstigenden Gegenstand, noch besteht es allein im subjektiven Empfinden des Betrachters. Vielmehr beschreibt das Unheimliche eine besondere räumliche Stellung, welche Objekt und Subjekt zueinander einnehmen. Dabei zeichnet sich die räumliche Konstellation des Unheimlichen dadurch aus, dass sie der gewohnten, euklidischen Geometrie widerspricht und stattdessen Zustände ermöglicht, in denen etwa ein Gegenstand sowohl hier wie dort, ein Betrachter zugleich an-, wie abwesend sein kann. Der beängstigende Zustand des Unheimlichen ist also mithin das Produkt eines räumlichen Arrangements. Damit erweist sich das Unheimliche als Tatort im genauen Wortsinne: als Ort, der selber tätig, der selber schon Tat ist – ein Tat/Ort.
Als Tat/Orte solch unheimlicher Desorientierung untersucht und vergleicht die vorliegende Arbeit Werke der bildenden Kunst, der amerikanischen Literatur und Filme. Dabei wird gezeigt, wie die untersuchten Texte unheimliche Räume nicht nur explizit thematisieren, sondern wie ihrer formalen Gestaltung selbst eine unheimlich-räumliche Dimension inne wohnt.
Den Anfang in diesem kulturanalytischen Parcours, der sich von der Mitte des 18. bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts erstreckt, machen die Architekturstudien Giovanni Battista Piranesis. In ihnen werden beängstigende Räume nicht nur abgebildet, vielmehr sind die Bildtafeln Piranesis selbst unheimliche Räume, in denen der Betrachter sich buchstäblich verliert. Ihr literarisches Äquivalent finden Piranesis Bilder in den Erzählungen Edgar Allan Poes und dessen obsessiven Raumbeschreibungen. Nicht nur, dass die Literatur die Schilderung gefährlicher Architekturen zulässt – der Schriftraum selbst erweist sich bei Poe als Schauplatz topologischer Verwindungen, wo Inhalt und Form, Erzählung und Typographie unvermittelt die Plätze tauschen. Dieses selbstreflexive Moment findet sich fortgeführt in der Erzählung «The Yellow Wall-Paper» von Charlotte Perkins Gilman, in der ein Zimmer als eigenmächtiger und fataler Tat/Ort fungiert, welcher die Protagonistin ebenso wie den Leser psychotisiert. In den Science-Fiction-Kurzgeschichten H.P. Lovecrafts schliesslich wächst sich der Raum des Unheimlichen zu kosmischen Dimensionen aus. Die fremden Gegenden, welche Lovecraft beschreibt, werden zu unendlichen Zonen der Auflösung, in denen sich alle Grenzen, auch jene des Textes, verflüssigen. Seinen Höhepunkt aber findet die Inszenierung des unheimlichen Raums im Kino. So wird anhand der Regisseure Fritz Lang und Dario Argento gezeigt, wie die Filmkamera zwar physisch vorhandene Räume abfilmt, wie sich diese aber mittels formaler Gestaltung, durch Montage, Kadrierung oder Verwendung des Tons in erschreckender Weise transformieren lassen. Von den unterirdischen und verborgenen Kammern Fritz Langs bis zu den manieristischen Schau-Plätzen Argentos erweist sich mithin der Film als Medium des Unheimlichen par excellence.

Item Type:Dissertation
Referees:Bronfen E, Steffens T
Communities & Collections:06 Faculty of Arts > Institute of English Studies
DDC:820 English & Old English literatures
Language:German
Date:2010
Deposited On:17 Feb 2011 11:32
Last Modified:14 Oct 2013 13:48

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