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Wasserfrau als Maskerade? Die Hybridisierung von Geschlechterkonfigurationen in Theodor Fontanes Stechlin


Paparunas, Penny (2005). Wasserfrau als Maskerade? Die Hybridisierung von Geschlechterkonfigurationen in Theodor Fontanes Stechlin. In: Kolloquium: »Spinnenfuß und Krötenbauch«, Zürich, 7 October 2005 - 8 October 2005.

Abstract

Die Phantasmagorie der Wasserfrau repräsentiert einen naturalisierten, dämonisch-erotisch aufgeladenen Weiblichkeitsentwurf, der unlängst fester Bestandteil unseres Kulturgutes geworden ist. Theodor Fontane hat, wie so viele andere seiner Zunft, aus diesem überreichen Bildrepertoire geschöpft und ihn auf vielfältige Weise weiterverarbeitet. Derart auffällig frequentiert diese zum Klischee erstarrte Imago die Textoberfläche, dass durchaus von einer motivischen Konstante in Fontanes Werk gesprochen werden kann. Als besonders schillernd und diskussionsbedürftig erweist sich dabei Fontanes zu seinen Lebzeiten letzter veröffentlichter Zeitroman Der Stechlin (Vorabdruck 1897), weil die darin vorkommende Figur der Melusine von Barby sowohl Hand bietet, auf die zirkulierenden Vorstellungen um die ›Folie Meerweib‹ zurückzugreifen, als auch diese zu durchkreuzen. So wird Fontanes Melusine einerseits aus verschiedenster Perspektive expressis verbis als Melusine fokalissiert, ergo als libidinöses, letales, aquatisches Geschöpf, eben erst dem natürlichen Element, dem Wasser, entsprungen; andererseits wird dieser Naturverortung des Weiblichen entschieden entgegengetreten: Die stechlinsche Melusine entlarvt den stereotypisierten Weiblichkeitsentwurf der Wasserfrau als Konstrukt, als diskursiven Effekt, weil sie selbst in den Mythostopf greift und spielerisch diese ideologischen Zuschreibungen zitiert und (re-)signifiziert, sich als Wasserfrau ›maskiert‹. Bei ihrer ›Natur‹ handelt es sich also um eine ludisch-performativ hergestellte Konstruktion, mit der eine bestimmte Weiblichkeit künstlich inszeniert wird; so ›ist‹ sie kein fischschwänziges Mischwesen an sich, vielmehr erschafft sie sich ihre verführerisch-nixenähnliche Identität durch Esprit, Charme, Klugheit, Eloquenz. Die gängige Schematisierung von Natur als weibliche und Kultur als männliche Sphäre erweist sich hier als permeable Dichotomie, als hybrides Konglomerat. Es ist diese Hybridität Melusines, sich als (k)eineWasserfrau zu gebärden, sich abwechslungsweise in die maskuline oder feminine Position zu begeben, die im Roman auf so vielschichtige Art verhandelt wird. Was diese Kontaminierung für die diametral erscheinenden Geschlechterkonfigurationen – man erinnere sich an einen Lieblingssatz des alten Briest »Weiber weiblich, Männer männlich«, den Effi zitiert – für den Genderdiskurs an der Schwelle zum 20. Jahrhundert bedeuten könnte (Stichwort ›Feminisierung der Moderne‹), soll hier in einer vordergründig poststrukturalistischen, psychoanalytischen Lesart untersucht werden.

Die Phantasmagorie der Wasserfrau repräsentiert einen naturalisierten, dämonisch-erotisch aufgeladenen Weiblichkeitsentwurf, der unlängst fester Bestandteil unseres Kulturgutes geworden ist. Theodor Fontane hat, wie so viele andere seiner Zunft, aus diesem überreichen Bildrepertoire geschöpft und ihn auf vielfältige Weise weiterverarbeitet. Derart auffällig frequentiert diese zum Klischee erstarrte Imago die Textoberfläche, dass durchaus von einer motivischen Konstante in Fontanes Werk gesprochen werden kann. Als besonders schillernd und diskussionsbedürftig erweist sich dabei Fontanes zu seinen Lebzeiten letzter veröffentlichter Zeitroman Der Stechlin (Vorabdruck 1897), weil die darin vorkommende Figur der Melusine von Barby sowohl Hand bietet, auf die zirkulierenden Vorstellungen um die ›Folie Meerweib‹ zurückzugreifen, als auch diese zu durchkreuzen. So wird Fontanes Melusine einerseits aus verschiedenster Perspektive expressis verbis als Melusine fokalissiert, ergo als libidinöses, letales, aquatisches Geschöpf, eben erst dem natürlichen Element, dem Wasser, entsprungen; andererseits wird dieser Naturverortung des Weiblichen entschieden entgegengetreten: Die stechlinsche Melusine entlarvt den stereotypisierten Weiblichkeitsentwurf der Wasserfrau als Konstrukt, als diskursiven Effekt, weil sie selbst in den Mythostopf greift und spielerisch diese ideologischen Zuschreibungen zitiert und (re-)signifiziert, sich als Wasserfrau ›maskiert‹. Bei ihrer ›Natur‹ handelt es sich also um eine ludisch-performativ hergestellte Konstruktion, mit der eine bestimmte Weiblichkeit künstlich inszeniert wird; so ›ist‹ sie kein fischschwänziges Mischwesen an sich, vielmehr erschafft sie sich ihre verführerisch-nixenähnliche Identität durch Esprit, Charme, Klugheit, Eloquenz. Die gängige Schematisierung von Natur als weibliche und Kultur als männliche Sphäre erweist sich hier als permeable Dichotomie, als hybrides Konglomerat. Es ist diese Hybridität Melusines, sich als (k)eineWasserfrau zu gebärden, sich abwechslungsweise in die maskuline oder feminine Position zu begeben, die im Roman auf so vielschichtige Art verhandelt wird. Was diese Kontaminierung für die diametral erscheinenden Geschlechterkonfigurationen – man erinnere sich an einen Lieblingssatz des alten Briest »Weiber weiblich, Männer männlich«, den Effi zitiert – für den Genderdiskurs an der Schwelle zum 20. Jahrhundert bedeuten könnte (Stichwort ›Feminisierung der Moderne‹), soll hier in einer vordergründig poststrukturalistischen, psychoanalytischen Lesart untersucht werden.

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Item Type:Conference or Workshop Item (Paper), not refereed, original work
Communities & Collections:06 Faculty of Arts > English Department
Dewey Decimal Classification:820 English & Old English literatures
Language:German
Event End Date:8 October 2005
Deposited On:20 Feb 2012 12:35
Last Modified:08 May 2016 17:02
Publisher:Schweizerische Gesellschaft für Symbolforschung
Additional Information:Überarbeitete Version publiziert 2011.
Official URL:http://www.symbolforschung.ch/node/51
Permanent URL: https://doi.org/10.5167/uzh-59658

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