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Die Selbstdefinition alter Menschen: Inhalt, Struktur und Funktion


Freund, Alexandra M. Die Selbstdefinition alter Menschen: Inhalt, Struktur und Funktion. 1995, Freie Universität Berlin, Faculty of Arts.

Abstract

Die vorliegende Arbeit untersucht Fragen nach Inhalt und Funktion der Selbstdefinition im hohen Alter. Ausgehend von der Annahme, daß die Selbstdefinition die Auseinandersetzung einer Person mit sich selbst und ihrer Umwelt abbildet, kann der Inhalt der Selbstdefinition wertvolle Einsichten in die vorherrschenden Themen einer bestimmten Altersgruppe geben. Im Vergleich zu anderen Altersgruppen ist bisher wenig über den Inhalt der Selbstdefinition im hohen und sehr hohen Alter bekannt.
Eine der grundlegenden Annahmen der sozialkognitiven Forschung besteht darin, daß (subjektive) Konzepte über die eigene Person (und die Welt) dazu dienen, die Vielzahl an Wahrnehmungen und Erfahrungen eines Individuums zu organisieren und zu strukturieren, und damit ein sinnvolles Handeln in einer als vorhersagbar wahrgenommenen Welt zu ermöglichen. Die Stabilität der Selbstdefinition wird häufig als eine notwendige Voraussetzung hinsichtlich dieser Funktion angesehen. Im hohen und sehr hohen Erwachsenenalter ist diese Stabilität im Vergleich mit jüngeren Altersgruppen besonders bedroht, da in diesem Altersabschnitt mit großer Wahrscheinlichkeit gesundheitlich bedingte Einschränkungen auftreten.
Ausgehend von Modellen über Prozesse der Aufrechterhaltung der Selbstdefinition (z.B. Rosenberg & Gara, 1985) wurde angenommen, daß der Facettenreichtum der Selbstdefinition - bestimmt als die Anzahl verschiedener selbstdefinierender Bereiche und deren Reichhaltigkeit - eines der Merkmale darstellt, die zu ihrer Aufrechterhaltung gegenüber Einschränkungen beitragen. Da angenommen wurde, daß diese Aspekte zwar zur Aufrechterhaltung der Selbstdefinition beitragen, aber nicht alleine dazu in der Lage sind, die negativen Effekte gesundheitlicher Einschränkungen auf das subjektive Wohlbefinden eines Individuums zu mildern, wurden auch die Merkmale "Gegenwartsbezug" und "positive Bewertung" der Selbstdefinition berücksichtigt.
Studie I wurde im Rahmen der Berliner Altersstudie durchgeführt, die eine repräsentative, nach Alter und Geschlecht stratifizierte, Stichprobe (N = 156) alter und sehr alter Menschen (70 bis 103 Jahre) umfaßt. Die Selbstdefinition wurde mit Hilfe einer mündlichen Version der offenen Frage "Wer bin ich?" erfaßt. Die Studienteilnehmer wurden aufgefordert, sich mit Hilfe von zehn Aussagen selbst zu definieren. Die verbatim transkribierten Protokolle konnten auf der Grundlage eines für diese Untersuchung entwickelten Kategoriensystems hinsichtlich ihres Inhalts und der Merkmale "Reichhaltigkeit", "Zeitbezug" und "Bewertung" mit hoher Reliabilität segmentiert und codiert werden.
Hinsichtlich des Inhalts der Selbstdefinition alter und sehr alter Menschen ergab sich folgendes Bild: Ein sehr großer Teil der Stichprobe definierte sich über Interessen und Hobbies, Alltagsroutinen und den Tagesablauf, sowie Gesundheit. Erwartungsgemäß stellte die Lebensbilanzierung ein zentrales Thema dieser Altersgruppe dar. Die Kompetenz, Anforderungen des Alltags zu bewältigen, wurde entgegen der Erwartung nur von etwas mehr als einem Viertel der Stichprobe als selbstdefinierend thematisiert. Überraschenderweise nahm des Nachdenken über den eigenen Tod den niedrigsten Rang ein.
Die Selbstdefinition erwies sich auch für das hohe und sehr hohe Alter als primär gegenwartsbezogen. Für die Bestimmung der eigenen Person spielte die Vergangenheit eine untergeordnete, die Zukunft fast gar keine Rolle. In etwas weniger als der Hälfte aller selbstdefinierenden Aussagen nahmen die untersuchten alten und sehr alten Personen explizite Bewertungen vor. Positive Bewertungen waren fast doppelt so häufig wie negative.
Ein Vergleich der Gruppe der "Alten" (jünger als 85 Jahre) mit der Gruppe der "sehr Alten" (älter als 85 Jahre) ergab nur wenige signifikante altersbezogene Unterschiede im Inhalt der Selbstdefinition: Die Gruppe der "sehr Alten" zog häufiger Alltagsroutinen und den Tagesablauf zur Selbstdefinition heran und thematisierte seltener außerhäusige Aktivitäten als die Gruppe der "Alten". Die Anzahl selbstdefinierender Bereiche und der Gegenwartsbezug der Selbstdefinition hingen negativ mit dem Alter zusammen. Die Selbstdefinition der Frauen unterschied sich kaum von der der Männer. Gesundheitliche Einschränkungen korrelierten dagegen signifikant mit den verschiedenen Merkmalen der Selbstdefinition (mit Ausnahme der positiven Bewertung).
Keines der untersuchten Merkmale der Selbstdefinition - Anzahl der Bereiche, Reichhaltigkeit, Gegenwartsbezug, positive Bewertung - konnte vor dem negativen Effekt von gesundheitlichen Einschränkungen alleine schützen. Nur die Kombination aller dieser Merkmale der Selbstdefinition ergab in der regressionsanalytischen Überprüfung einen geringen, statistisch signifikanten Moderatoreffekt in der Vorhersage von subjektivem Wohlbefinden. Dies bedeutet, daß eine Person, die über einen hohen Facettenreichtum, einen starken Gegenwartsbezug und eine sehr positiv bewertete Selbstdefinition verfügt, weniger anfällig gegenüber der wohlbefindensmindernden Wirkung gesundheitlicher Einschränkungen ist als eine Person, die nur über eine geringe Ausprägung dieser Merkmalskombination verfügt.
In einer zweiten Studie wurde die temporale Stabilität der mit "Wer bin ich?" erhobenen Selbstdefinition älterer Menschen (N = 71; M = 77,4 Jahre) über einen Zeitraum von acht Wochen untersucht. Sowohl der Inhalt als auch die verschiedenen Merkmale der Selbstdefinition (Anzahl der Bereiche, Reichhaltigkeit, Zeitbezug, Bewertung) wiesen nur eine geringe zeitliche Stabilität auf. Die geringe zeitliche Stabilität des Inhalts und der Merkmale der Selbstdefinition könnte dazu beigetragen haben, daß in Studie I nur wenige altersbezogene Unterschiede gefunden wurden. Auch der Befund, daß die einzelnen Merkmale der Selbstdefinition keinen bedeutsamen Beitrag zur Aufrechterhaltung des subjektiven Wohlbefindens angesichts gesundheitlicher Einschränkungen leisteten, kann möglicherweise auf deren mangelnde temporale Stabilität zurückzuführen sein.
Eine Interpretationsmöglichkeit der Ergebnisse von Studie II besteht darin, die Selbstdefinition alter Menschen als ein flexibles und adaptives System von selbstbezogenem Wissen zu konzeptualisieren. Weiterführende Untersuchungen sollten diese Annahmen direkt überprüfen.

Die vorliegende Arbeit untersucht Fragen nach Inhalt und Funktion der Selbstdefinition im hohen Alter. Ausgehend von der Annahme, daß die Selbstdefinition die Auseinandersetzung einer Person mit sich selbst und ihrer Umwelt abbildet, kann der Inhalt der Selbstdefinition wertvolle Einsichten in die vorherrschenden Themen einer bestimmten Altersgruppe geben. Im Vergleich zu anderen Altersgruppen ist bisher wenig über den Inhalt der Selbstdefinition im hohen und sehr hohen Alter bekannt.
Eine der grundlegenden Annahmen der sozialkognitiven Forschung besteht darin, daß (subjektive) Konzepte über die eigene Person (und die Welt) dazu dienen, die Vielzahl an Wahrnehmungen und Erfahrungen eines Individuums zu organisieren und zu strukturieren, und damit ein sinnvolles Handeln in einer als vorhersagbar wahrgenommenen Welt zu ermöglichen. Die Stabilität der Selbstdefinition wird häufig als eine notwendige Voraussetzung hinsichtlich dieser Funktion angesehen. Im hohen und sehr hohen Erwachsenenalter ist diese Stabilität im Vergleich mit jüngeren Altersgruppen besonders bedroht, da in diesem Altersabschnitt mit großer Wahrscheinlichkeit gesundheitlich bedingte Einschränkungen auftreten.
Ausgehend von Modellen über Prozesse der Aufrechterhaltung der Selbstdefinition (z.B. Rosenberg & Gara, 1985) wurde angenommen, daß der Facettenreichtum der Selbstdefinition - bestimmt als die Anzahl verschiedener selbstdefinierender Bereiche und deren Reichhaltigkeit - eines der Merkmale darstellt, die zu ihrer Aufrechterhaltung gegenüber Einschränkungen beitragen. Da angenommen wurde, daß diese Aspekte zwar zur Aufrechterhaltung der Selbstdefinition beitragen, aber nicht alleine dazu in der Lage sind, die negativen Effekte gesundheitlicher Einschränkungen auf das subjektive Wohlbefinden eines Individuums zu mildern, wurden auch die Merkmale "Gegenwartsbezug" und "positive Bewertung" der Selbstdefinition berücksichtigt.
Studie I wurde im Rahmen der Berliner Altersstudie durchgeführt, die eine repräsentative, nach Alter und Geschlecht stratifizierte, Stichprobe (N = 156) alter und sehr alter Menschen (70 bis 103 Jahre) umfaßt. Die Selbstdefinition wurde mit Hilfe einer mündlichen Version der offenen Frage "Wer bin ich?" erfaßt. Die Studienteilnehmer wurden aufgefordert, sich mit Hilfe von zehn Aussagen selbst zu definieren. Die verbatim transkribierten Protokolle konnten auf der Grundlage eines für diese Untersuchung entwickelten Kategoriensystems hinsichtlich ihres Inhalts und der Merkmale "Reichhaltigkeit", "Zeitbezug" und "Bewertung" mit hoher Reliabilität segmentiert und codiert werden.
Hinsichtlich des Inhalts der Selbstdefinition alter und sehr alter Menschen ergab sich folgendes Bild: Ein sehr großer Teil der Stichprobe definierte sich über Interessen und Hobbies, Alltagsroutinen und den Tagesablauf, sowie Gesundheit. Erwartungsgemäß stellte die Lebensbilanzierung ein zentrales Thema dieser Altersgruppe dar. Die Kompetenz, Anforderungen des Alltags zu bewältigen, wurde entgegen der Erwartung nur von etwas mehr als einem Viertel der Stichprobe als selbstdefinierend thematisiert. Überraschenderweise nahm des Nachdenken über den eigenen Tod den niedrigsten Rang ein.
Die Selbstdefinition erwies sich auch für das hohe und sehr hohe Alter als primär gegenwartsbezogen. Für die Bestimmung der eigenen Person spielte die Vergangenheit eine untergeordnete, die Zukunft fast gar keine Rolle. In etwas weniger als der Hälfte aller selbstdefinierenden Aussagen nahmen die untersuchten alten und sehr alten Personen explizite Bewertungen vor. Positive Bewertungen waren fast doppelt so häufig wie negative.
Ein Vergleich der Gruppe der "Alten" (jünger als 85 Jahre) mit der Gruppe der "sehr Alten" (älter als 85 Jahre) ergab nur wenige signifikante altersbezogene Unterschiede im Inhalt der Selbstdefinition: Die Gruppe der "sehr Alten" zog häufiger Alltagsroutinen und den Tagesablauf zur Selbstdefinition heran und thematisierte seltener außerhäusige Aktivitäten als die Gruppe der "Alten". Die Anzahl selbstdefinierender Bereiche und der Gegenwartsbezug der Selbstdefinition hingen negativ mit dem Alter zusammen. Die Selbstdefinition der Frauen unterschied sich kaum von der der Männer. Gesundheitliche Einschränkungen korrelierten dagegen signifikant mit den verschiedenen Merkmalen der Selbstdefinition (mit Ausnahme der positiven Bewertung).
Keines der untersuchten Merkmale der Selbstdefinition - Anzahl der Bereiche, Reichhaltigkeit, Gegenwartsbezug, positive Bewertung - konnte vor dem negativen Effekt von gesundheitlichen Einschränkungen alleine schützen. Nur die Kombination aller dieser Merkmale der Selbstdefinition ergab in der regressionsanalytischen Überprüfung einen geringen, statistisch signifikanten Moderatoreffekt in der Vorhersage von subjektivem Wohlbefinden. Dies bedeutet, daß eine Person, die über einen hohen Facettenreichtum, einen starken Gegenwartsbezug und eine sehr positiv bewertete Selbstdefinition verfügt, weniger anfällig gegenüber der wohlbefindensmindernden Wirkung gesundheitlicher Einschränkungen ist als eine Person, die nur über eine geringe Ausprägung dieser Merkmalskombination verfügt.
In einer zweiten Studie wurde die temporale Stabilität der mit "Wer bin ich?" erhobenen Selbstdefinition älterer Menschen (N = 71; M = 77,4 Jahre) über einen Zeitraum von acht Wochen untersucht. Sowohl der Inhalt als auch die verschiedenen Merkmale der Selbstdefinition (Anzahl der Bereiche, Reichhaltigkeit, Zeitbezug, Bewertung) wiesen nur eine geringe zeitliche Stabilität auf. Die geringe zeitliche Stabilität des Inhalts und der Merkmale der Selbstdefinition könnte dazu beigetragen haben, daß in Studie I nur wenige altersbezogene Unterschiede gefunden wurden. Auch der Befund, daß die einzelnen Merkmale der Selbstdefinition keinen bedeutsamen Beitrag zur Aufrechterhaltung des subjektiven Wohlbefindens angesichts gesundheitlicher Einschränkungen leisteten, kann möglicherweise auf deren mangelnde temporale Stabilität zurückzuführen sein.
Eine Interpretationsmöglichkeit der Ergebnisse von Studie II besteht darin, die Selbstdefinition alter Menschen als ein flexibles und adaptives System von selbstbezogenem Wissen zu konzeptualisieren. Weiterführende Untersuchungen sollten diese Annahmen direkt überprüfen.

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Item Type:Dissertation
Referees:Baltes Paul B, Baltes Margret M, Feger Hubert, Schwarzer Ralf, Fuchs Reinhard
Communities & Collections:06 Faculty of Arts > Institute of Psychology
Dewey Decimal Classification:150 Psychology
Language:German
Date:1995
Deposited On:08 Apr 2014 14:25
Last Modified:05 Apr 2016 17:49
Number of Pages:258
Permanent URL: https://doi.org/10.5167/uzh-95036

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