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Embodied Voices: Female Performers in Narrative Fiction


Straumann, Barbara. Embodied Voices: Female Performers in Narrative Fiction. 2014, University of Zurich, Faculty of Arts.

Abstract

Meine Habilitationsschrift untersucht die Figur der Frau, die auf öffentlichen Bühnen predigt, spricht und/oder singt, anhand von Spitzentexten der britischen und US-amerikanischen Erzählliteratur im Zeitraum von 1845 bis 1934. Die Vielzahl von Erzähltexten, die sich mit der Sängerin, Schauspielerin, Predigerin oder Rednerin beschäftigen, werfen sowohl kulturgeschichtliche als auch theoretische Fragen auf. Weshalb wird die öffentlich auftretende weibliche Stimme ausgerechnet in der Zeitperiode, in der die bürgerliche Geschlechterordnung Frauen eigentlich aus der Öffentlichkeit ausschliesst, zu einem regelrechten kulturellen Faszinosum? Welche Bedeutungen, Werte und Haltungen machen Romane am öffentlichen Auftritt dieser Ausnahmefiguren fest?
Gerade weil es in Erzähltexten im Unterschied zu anderen literarischen Genres keine konkret hörbare Stimme gibt, stellen sich zudem eine Reihe von medienspezifischen Fragen. Wie erzeugen Erzähltexte Stimme gewissermassen als ästhetischen special effect? Wie können die gegenwärtig in der Philosophie sowie in den Theater- und Medienwissenschaften geführten Debatten über Stimme, Körperlichkeit, Verkörperung, Präsenz und Performance auf die Literaturwissenschaft übertragen werden? Wie lässt sich Stimme für eine Analyse von Erzähltexten theoretisch konzeptualisieren?
In meinen Lektüren exemplarischer Erzähltexte (u.a. von Geraldine Jewsbury, George Eliot, George Meredith, Nathaniel Hawthorne, Henry James) hat sich die Arbeitsthese erhärtet, dass es im anglo-amerikanischen Kontext eine Tradition des weiblichen Redens in der Öffentlichkeit und somit einer Partizipation im Symbolischen der Kultur gibt, die bislang weitgehend übersehen wurde. Ausgehend von zwei zeitgenössischen postmodernen Romanen (Salman Rushdie, Angela Carter), die sich in ihrem Recycling weiblicher Performer-Figuren selbst als plurale und heterogene Texte deklarieren, zeige ich, dass die Textbeispiele aus dem 19. Jahrhundert nicht nur vielschichtiger, sondern auch vielstimmiger sind, und zwar aufgrund der Widersprüchlichkeit, mit der sie die öffentliche Stimme der weiblichen Performer-Figur konstruieren. Das Interesse an der weiblichen Performer-Stimme formiert sich bezeichnenderweise Mitte des 19. Jhs. und somit zeitgleich mit der festen Etablierung nicht nur des Romangenres sondern auch der sogenannten “Woman’s Question”.
Der einzelne Text erweist sich dabei jeweils als eine Arena unterschiedlicher und oft widerstreitender Stimmen. Im Rückgriff auf Mikhail Bakhtins Betonung der Dialogizität und Polyphonie des Romans betone ich die Unterscheidung und Verflechtung verschiedener Stimmebenen im Erzähltext, und zwar 1. die Beschreibung konkreter Stimmen, 2. den Einsatz der Stimme im übertragenen Sinn (als eine Metapher der Ermächtigung und Mündigkeit), 3. die Stimmen im Text, d.h. die Erzählerstimme und die Charakterstimmen, die vom impliziten Autor orchestriert werden und die für verschiedene soziale Akzente, Positionen und Perspektiven einstehen, sowie 4. die “Stimme” des Texts (den “Ton”, die “Stimmlage”, den LeserInnen im Dialog zwischen den im Text angelegten verschiedenen Stimmebenen ausmachen können).
Die Stimme als ästhetische Kategorie beinhaltet gerade im Gender-Kontext immer auch eine politische Dimension. Zum einen verhandeln alle Texte die zentrale Frage, ob die einzelne Performer-Stimme auch für eine Stimme im übertragenen Sinn steht (vgl. Stanley Cavells Unterscheidung zwischen “to have a voice” und “to have a voice of one’s own”). Zum anderen eröffnet sich eine ethische Dimension in der Art und Weise, wie uns der “Stimmeffekt” eines Textes, den ich analog zu Shoshana Felmans “reading effect” entwickle, als Lesende anspricht. Gerade weil im Fall des Erzähltexts die Stimme im Akt des Lesens als “akusmatischer” Effekt (Michel Chion) hervorgebracht wird, eröffnet sich die Möglichkeit eines sogenannten negotiated reading, indem beispielsweise die durchaus starke Resonanz und Präsenz einer im Text ambivalent bewerteten, wenn nicht dämonisierten Performer-Stimme hörbar gemacht wird.
Die einzelnen Kapitel arbeiten für den jeweiligen kulturellen Kontext (USA, Grossbritannien) und die verschiedenen kulturellen Domänen (Theater, Religion, Politik) typische Szenarien und Artikulationsmodi heraus. Gleichzeitig zeigt die Studie, welche die öffentliche Stimme der Schauspielerin, der Sängerin, der Predigerin und der Rednerin erstmals vergleichend aufeinander bezieht, wie eng die verschiedenen Modalitäten dieser Domänen ineinandergreifen. So etwa fusioniert beispielsweise Margaret Fuller religiöse Innerlichkeit sowohl mit politischen Reformanliegen als auch mit theatralen Selbstdarstellungsformen.
Das übergreifende kritische Narrativ der Studie bildet die Verkörperung von Stimme durch die Performer-Figur, d.h. die Verdichtung metaphorischer und politischer Dimensionen in der konkreten Performance von Stimme und Körper. Auch Texte, welche die politische Diskussion um die Frauenfrage nicht explizit thematisieren, inszenieren mit dem theatralen öffentlichen Auftritt ihrer Performer-Figuren den gerade in diesem Zeitraum kontroversen kulturellen Ort der weiblichen Stimme. Meine Untersuchung schliesst in den frühen 1930er-Jahren nach der Einführung des Frauenstimmrechts. In der abschliessenden Lektüre zeige ich, wie sich die in den romantischen und viktorianischen Texten betonte verkörperte Performer-Stimme bei Isak Dinesen in reinen Text auflöst und ersetzt wird von der “Stimme” einer modernistischen Selbstautorschaft.

Abstract

Meine Habilitationsschrift untersucht die Figur der Frau, die auf öffentlichen Bühnen predigt, spricht und/oder singt, anhand von Spitzentexten der britischen und US-amerikanischen Erzählliteratur im Zeitraum von 1845 bis 1934. Die Vielzahl von Erzähltexten, die sich mit der Sängerin, Schauspielerin, Predigerin oder Rednerin beschäftigen, werfen sowohl kulturgeschichtliche als auch theoretische Fragen auf. Weshalb wird die öffentlich auftretende weibliche Stimme ausgerechnet in der Zeitperiode, in der die bürgerliche Geschlechterordnung Frauen eigentlich aus der Öffentlichkeit ausschliesst, zu einem regelrechten kulturellen Faszinosum? Welche Bedeutungen, Werte und Haltungen machen Romane am öffentlichen Auftritt dieser Ausnahmefiguren fest?
Gerade weil es in Erzähltexten im Unterschied zu anderen literarischen Genres keine konkret hörbare Stimme gibt, stellen sich zudem eine Reihe von medienspezifischen Fragen. Wie erzeugen Erzähltexte Stimme gewissermassen als ästhetischen special effect? Wie können die gegenwärtig in der Philosophie sowie in den Theater- und Medienwissenschaften geführten Debatten über Stimme, Körperlichkeit, Verkörperung, Präsenz und Performance auf die Literaturwissenschaft übertragen werden? Wie lässt sich Stimme für eine Analyse von Erzähltexten theoretisch konzeptualisieren?
In meinen Lektüren exemplarischer Erzähltexte (u.a. von Geraldine Jewsbury, George Eliot, George Meredith, Nathaniel Hawthorne, Henry James) hat sich die Arbeitsthese erhärtet, dass es im anglo-amerikanischen Kontext eine Tradition des weiblichen Redens in der Öffentlichkeit und somit einer Partizipation im Symbolischen der Kultur gibt, die bislang weitgehend übersehen wurde. Ausgehend von zwei zeitgenössischen postmodernen Romanen (Salman Rushdie, Angela Carter), die sich in ihrem Recycling weiblicher Performer-Figuren selbst als plurale und heterogene Texte deklarieren, zeige ich, dass die Textbeispiele aus dem 19. Jahrhundert nicht nur vielschichtiger, sondern auch vielstimmiger sind, und zwar aufgrund der Widersprüchlichkeit, mit der sie die öffentliche Stimme der weiblichen Performer-Figur konstruieren. Das Interesse an der weiblichen Performer-Stimme formiert sich bezeichnenderweise Mitte des 19. Jhs. und somit zeitgleich mit der festen Etablierung nicht nur des Romangenres sondern auch der sogenannten “Woman’s Question”.
Der einzelne Text erweist sich dabei jeweils als eine Arena unterschiedlicher und oft widerstreitender Stimmen. Im Rückgriff auf Mikhail Bakhtins Betonung der Dialogizität und Polyphonie des Romans betone ich die Unterscheidung und Verflechtung verschiedener Stimmebenen im Erzähltext, und zwar 1. die Beschreibung konkreter Stimmen, 2. den Einsatz der Stimme im übertragenen Sinn (als eine Metapher der Ermächtigung und Mündigkeit), 3. die Stimmen im Text, d.h. die Erzählerstimme und die Charakterstimmen, die vom impliziten Autor orchestriert werden und die für verschiedene soziale Akzente, Positionen und Perspektiven einstehen, sowie 4. die “Stimme” des Texts (den “Ton”, die “Stimmlage”, den LeserInnen im Dialog zwischen den im Text angelegten verschiedenen Stimmebenen ausmachen können).
Die Stimme als ästhetische Kategorie beinhaltet gerade im Gender-Kontext immer auch eine politische Dimension. Zum einen verhandeln alle Texte die zentrale Frage, ob die einzelne Performer-Stimme auch für eine Stimme im übertragenen Sinn steht (vgl. Stanley Cavells Unterscheidung zwischen “to have a voice” und “to have a voice of one’s own”). Zum anderen eröffnet sich eine ethische Dimension in der Art und Weise, wie uns der “Stimmeffekt” eines Textes, den ich analog zu Shoshana Felmans “reading effect” entwickle, als Lesende anspricht. Gerade weil im Fall des Erzähltexts die Stimme im Akt des Lesens als “akusmatischer” Effekt (Michel Chion) hervorgebracht wird, eröffnet sich die Möglichkeit eines sogenannten negotiated reading, indem beispielsweise die durchaus starke Resonanz und Präsenz einer im Text ambivalent bewerteten, wenn nicht dämonisierten Performer-Stimme hörbar gemacht wird.
Die einzelnen Kapitel arbeiten für den jeweiligen kulturellen Kontext (USA, Grossbritannien) und die verschiedenen kulturellen Domänen (Theater, Religion, Politik) typische Szenarien und Artikulationsmodi heraus. Gleichzeitig zeigt die Studie, welche die öffentliche Stimme der Schauspielerin, der Sängerin, der Predigerin und der Rednerin erstmals vergleichend aufeinander bezieht, wie eng die verschiedenen Modalitäten dieser Domänen ineinandergreifen. So etwa fusioniert beispielsweise Margaret Fuller religiöse Innerlichkeit sowohl mit politischen Reformanliegen als auch mit theatralen Selbstdarstellungsformen.
Das übergreifende kritische Narrativ der Studie bildet die Verkörperung von Stimme durch die Performer-Figur, d.h. die Verdichtung metaphorischer und politischer Dimensionen in der konkreten Performance von Stimme und Körper. Auch Texte, welche die politische Diskussion um die Frauenfrage nicht explizit thematisieren, inszenieren mit dem theatralen öffentlichen Auftritt ihrer Performer-Figuren den gerade in diesem Zeitraum kontroversen kulturellen Ort der weiblichen Stimme. Meine Untersuchung schliesst in den frühen 1930er-Jahren nach der Einführung des Frauenstimmrechts. In der abschliessenden Lektüre zeige ich, wie sich die in den romantischen und viktorianischen Texten betonte verkörperte Performer-Stimme bei Isak Dinesen in reinen Text auflöst und ersetzt wird von der “Stimme” einer modernistischen Selbstautorschaft.

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Additional indexing

Item Type:Habilitation
Communities & Collections:06 Faculty of Arts > English Department
Dewey Decimal Classification:820 English & Old English literatures
Language:English
Date:24 April 2014
Deposited On:15 Jan 2015 07:30
Last Modified:11 May 2016 09:43

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