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Allein sein. Tonari no Totoro, Hayao Miyazaki, Japan 1988


Binotto, Johannes (2016). Allein sein. Tonari no Totoro, Hayao Miyazaki, Japan 1988. In: Frenzel Ganz, Y; Fäh, M. Cinépassion - The Sequel. Eine psychoanalytische Filmrevue. Giessen: Psychosozial Verlag, 123-129.

Abstract

Es wird viel darüber debattiert, dass Kinder im Zeitalter digitaler Verfügbarkeit leider viel zu oft Filme sehen, die eigentlich für Erwachsene bestimmt sind. Leider aber debattiert man nie darüber, dass umgekehrt die Erwachsenen viel zu selten Filme sehen, die für Kinder bestimmt sind. Dabei ist der letztere Umstand vielleicht mindestens so fatal. Was für Kinder spannend ist, kann für Erwachsene nur langweilig sein, so lautet die falsche, aber gleichwohl weit verbreitete Logik, die sich hinter diesem Desinteresse für Kinderfilme verbirgt. Warum aber sollte man den eigenen Kindern etwas zu sehen geben, für das man sich selber zu schade ist? Demgegenüber gilt es einzusehen, dass die besten Kinderfilme unweigerlich auch zu den besten Erwachsenenfilmen gehören müssen, dass wohlmöglich die ganze Unterscheidung von Kinder- und Erwachsenenfilmen zu kurz greift. Wie sehr das zutrifft, lässt sich kaum eindrücklicher zeigen als anhand der Filme des japanischen Regisseurs, Zeichners und Autors Hayao Miyazaki. Seine Animationsfilme, obwohl selbst von den kleinsten Zuschauern problemlos verstanden, sind zugleich noch für den erfahrendsten Kinogänger von verblüffender Vielschichtigkeit. Und wer die Probe aufs Exempel machen will, der soll sich beim Betrachten bei Miyazakis Filmen jeweils fragen, wie eine bestimmte Szene wohl in einem amerikanischen Animationsfilm aus dem Hause Disney aussehen würde. Wo andere Filmemacher glauben, Konflikte zuzuspitzen und vereindeutigen zu müssen, um ihr junges Publikum nicht zu überfordern, unterläuft Miyazaki solche Vereinfachungen konsequent. Anders als die Grimm’schen Märchen mit ihren holzschnittartigen Figuren, kommen Miyazakis Fabeln denn auch allesamt ohne eindeutige Schurken aus. Stattdessen zeigen sie eine Welt der feinen Nuancen und des Zweifelns, ob der man als Erwachsener zuweilen verunsichert ist, ob die Kinder sie ganz verstehen werden. Doch zeigt sich darin nur aufs Neue, wie wenig man selber und wieviel der Regisseur den Kindern zutraut. Wo man glaubt, die komplexe Wirklichkeit kindergerecht in zwei sauber getrennte Lager von Gut und Böse aufteilen zu müssen, plädiert Miyazaki für eine Ambivalenz, die nicht getilgt zu werden braucht, sondern die man anerkennen und mit der man leben kann.
Das alles gilt in besonderem Masse auch für seinen vielleicht universellsten Film über das Fabelwesen Totoro – ein Film, der ebenso still, wie tiefschürfend ist, einfach und hochkomplex zugleich, ein Film mithin, der sich nicht weniger traut, als die fundamentalsten menschlichen Erfahrungen mutig und direkt anzugehen. Oder, wie es Miyazaki selber formuliert:
»What we have forgotten.
What we don’t notice.
What we are conviced we have lost.
Believing that we still have these things, I am proposing to make Tonari no Totoro« (Miyazaki 2009, S. 255).

Abstract

Es wird viel darüber debattiert, dass Kinder im Zeitalter digitaler Verfügbarkeit leider viel zu oft Filme sehen, die eigentlich für Erwachsene bestimmt sind. Leider aber debattiert man nie darüber, dass umgekehrt die Erwachsenen viel zu selten Filme sehen, die für Kinder bestimmt sind. Dabei ist der letztere Umstand vielleicht mindestens so fatal. Was für Kinder spannend ist, kann für Erwachsene nur langweilig sein, so lautet die falsche, aber gleichwohl weit verbreitete Logik, die sich hinter diesem Desinteresse für Kinderfilme verbirgt. Warum aber sollte man den eigenen Kindern etwas zu sehen geben, für das man sich selber zu schade ist? Demgegenüber gilt es einzusehen, dass die besten Kinderfilme unweigerlich auch zu den besten Erwachsenenfilmen gehören müssen, dass wohlmöglich die ganze Unterscheidung von Kinder- und Erwachsenenfilmen zu kurz greift. Wie sehr das zutrifft, lässt sich kaum eindrücklicher zeigen als anhand der Filme des japanischen Regisseurs, Zeichners und Autors Hayao Miyazaki. Seine Animationsfilme, obwohl selbst von den kleinsten Zuschauern problemlos verstanden, sind zugleich noch für den erfahrendsten Kinogänger von verblüffender Vielschichtigkeit. Und wer die Probe aufs Exempel machen will, der soll sich beim Betrachten bei Miyazakis Filmen jeweils fragen, wie eine bestimmte Szene wohl in einem amerikanischen Animationsfilm aus dem Hause Disney aussehen würde. Wo andere Filmemacher glauben, Konflikte zuzuspitzen und vereindeutigen zu müssen, um ihr junges Publikum nicht zu überfordern, unterläuft Miyazaki solche Vereinfachungen konsequent. Anders als die Grimm’schen Märchen mit ihren holzschnittartigen Figuren, kommen Miyazakis Fabeln denn auch allesamt ohne eindeutige Schurken aus. Stattdessen zeigen sie eine Welt der feinen Nuancen und des Zweifelns, ob der man als Erwachsener zuweilen verunsichert ist, ob die Kinder sie ganz verstehen werden. Doch zeigt sich darin nur aufs Neue, wie wenig man selber und wieviel der Regisseur den Kindern zutraut. Wo man glaubt, die komplexe Wirklichkeit kindergerecht in zwei sauber getrennte Lager von Gut und Böse aufteilen zu müssen, plädiert Miyazaki für eine Ambivalenz, die nicht getilgt zu werden braucht, sondern die man anerkennen und mit der man leben kann.
Das alles gilt in besonderem Masse auch für seinen vielleicht universellsten Film über das Fabelwesen Totoro – ein Film, der ebenso still, wie tiefschürfend ist, einfach und hochkomplex zugleich, ein Film mithin, der sich nicht weniger traut, als die fundamentalsten menschlichen Erfahrungen mutig und direkt anzugehen. Oder, wie es Miyazaki selber formuliert:
»What we have forgotten.
What we don’t notice.
What we are conviced we have lost.
Believing that we still have these things, I am proposing to make Tonari no Totoro« (Miyazaki 2009, S. 255).

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Item Type:Book Section, not refereed, original work
Communities & Collections:06 Faculty of Arts > English Department
Dewey Decimal Classification:820 English & Old English literatures
Uncontrolled Keywords:Jacques Lacan, Film, Psychoanalyse, Sigmund Freud, Howard Hawks, Kastration, Phallus
Language:German
Date:September 2016
Deposited On:29 Sep 2016 13:39
Last Modified:29 Sep 2016 13:39
Publisher:Psychosozial Verlag
Series Name:Imago (Giessen)
ISBN:978-3-8379-2556-2
Official URL:https://www.psychosozial-verlag.de/catalog/product_info.php/products_id/2556
Related URLs:http://web.psychosozial-verlag.de (Publisher)
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