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Ökosystemleistungen in der Schweiz: Chancen und Risiken für die Anwendung in Politik und Praxis


Keller, Roger. Ökosystemleistungen in der Schweiz: Chancen und Risiken für die Anwendung in Politik und Praxis. 2016, University of Zurich, Faculty of Science.

Abstract

Diese Arbeit untersucht, wie das akademisch breit diskutierte und auf internationaler Ebene geförderte Konzept der Ökosystemleistungen (ÖSL) [ecosystem services] Eingang in schweizerische Politik- und Praxisbereiche findet.
Das ÖSL-Konzept basiert auf einer anthropozentrischen, nutzenorientierten Sichtweise auf das Mensch-Natur-Verhältnis: ÖSL werden definiert als Nutzen, den Menschen aus Ökosystemen beziehen. Durch das 2005 von den Vereinten Nationen publizierte „Millennium Ecosystem Assessment“ wurde das ÖSL-Konzept auf die politische und wissenschaftliche Agenda gesetzt: Anthropozentrische und ökonomische Argumente gewannen in internationalen Übereinkommen der Umweltpolitik an Bedeutung und die Anzahl wissenschaftlicher Publikationen und Konferenzen zum Thema Ökosystemleistungen stieg rasant an. Dabei wird unterschieden zwischen verschiedenen Kategorien von Ökosystemleistungen, wie Basisleistungen (z.B. Bodenbildung), Regulierungsleistungen (z.B. Regulierung von Hochwassern), Versorgungsleistungen (z.B. Produktion von Nahrungsmitteln und Brennstoffen) oder kulturellen Leistungen (z.B. ästhetischer Genuss von Natur und Landschaft). Die ÖSL-Forschung wird stark von den Disziplinen der Ökologie, Biologie und Ökonomie geprägt. Ähnlich wie in der Debatte um die Klimaerwärmung wird versucht, mit Hilfe von global gültigen Modellen Zusammenhänge zwischen Ökosystemen und menschlichem Wohlbefinden aufzuzeigen. Zunehmend wird kritisiert, dass bei dieser Betrachtungsweise unterschiedliche gesellschaftliche Wertvorstellungen unberücksichtigt bleiben, weil die Nutzenorientierung im Vordergrund stehe. Anhand der Analyse unterschiedlicher Argumente zum ÖSL-Konzept wird deshalb in der vorliegenden Arbeit aufgezeigt, wer was unter ÖSL versteht und inwiefern sich solche Argumente einer positivistischen oder konstruktivistischen Epistemologie zuordnen lassen.
Durch die Analyse gesetzlicher Grundlagen und Strategien und mittels rund 30 qualitativen Interviews mit Expertinnen und Experten aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Forschung wird dargestellt, wie das ÖSL-Konzept Eingang in die schweizerische Politik findet und welche Chancen und Risiken mit der Umsetzung des ÖSL-Konzepts verbunden sind. In der Schweiz setzen sich primär Akteure der Biodiversitätspolitik explizit mit Ökosystemleistungen auseinander: Die 2012 vom Bundesrat verabschiedete „Strategie Biodiversität Schweiz“ zählt die quantitative Erfassung von ÖSL in der Schweiz zu den strategischen Zielen. Daneben fokussiert sich die Landschaftspolitik zunehmend auf Aspekte der menschlichen Wahrnehmung und rückt damit Themengebiete der Kategorie der kulturellen Leistungen – unter dem Begriff „Landschaftsleistungen“ – in den Vordergrund. Die Landwirtschaftspolitik der Schweiz vergütet mit dem Instrument der Direktzahlungen die Landwirte für Leistungen zu Gunsten der Allgemeinheit: Neben der Nahrungsmittelproduktion werden seit anfangs 2014 verstärkt Leistungen zur Aufwertung der Landschaftsqualität und zum Schutz der Biodiversität entschädigt.
Die mögliche Anwendung des ÖSL-Konzepts in den drei Politikbereichen Biodiversität, Landschaft und Landwirtschaft steht im Fokus der Untersuchung. Für alle drei Bereiche ist zurzeit noch ungeklärt, welche Chancen und Risiken mit der Anwendung des ÖSL- Konzepts verbunden sind, resp. wie ÖSL zielführend in Politik und Praxis integriert werden können. Zur Klärung dieser Forschungslücken wurden u.a. qualitative Interviews mit Expertinnen und Experten durchgeführt. Die Auswertung der Interviews zeigt, dass die Meinungen der Fachpersonen kein einheitliches Bild ergeben: Sie reichen von der vollständigen Ablehnung eines nutzenorientierten Ansatzes bis hin zur starken Unterstützung einer ökonomischen Argumentation. Chancen werden primär in einer stärkeren Sensibilisierung für Anliegen des Umweltschutzes gesehen, jedoch wird es allgemein als Risiko erachtet, wenn die bestehende Schutzargumentation in der Biodiversitäts- und Landschaftspolitik durch eine Nutzenargumentation abgelöst werden sollte. Vielmehr sollen mit dem ÖSL-Konzept bestehende Argumente und Instrumente ergänzt werden. Anhand von vier Beispielen (Kommunikation, Planung, Checkliste zur Beurteilung von Projekten, Finanzierungsinstrument) aus der Schweiz wird dargelegt, welches Potenzial Ökosystemleistungen für die Politik bieten können.
Basierend auf den Ergebnissen der Interviews wird empfohlen, für die praktische Anwendung des ÖSL-Konzepts vertiefende Abklärungen vorzunehmen. Dabei bietet sich ein transdisziplinäres Vorgehen an: Es braucht einen breiten Diskurs mit allen relevanten Akteuren, um zu klären, welche Aspekte des ÖSL-Konzepts in welche Politikbereiche integriert werden sollen und wie die bestehenden Grundlagen und Instrumente ergänzt oder allenfalls ersetzt werden können. Einige Befragte haben zudem bemängelt, dass die Wissenschaft bis anhin zu wenig konkret aufzeigen konnte, welchen Nutzen der ÖSL-Ansatz für Politik und Praxis bringen kann. Auch ausserhalb der Wissenschaft ist eine Vielzahl unterschiedlicher Akteure mit einzelnen Aspekten des ÖSL-Konzeptes beschäftigt, ohne dass die damit verbundenen Fragestellungen unter einer koordinierten Optik betrachtet werden. Hier besteht ein Handlungsbedarf, die verschiedenen Interessen zu benennen und zusammen zu führen.
Für eine zielführende Weiterentwicklung, resp. Anwendung des ÖSL-Konzepts ist es notwendig, dass interessierte Akteure aus Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft in einem transdisziplinären Vorgehen gemeinsame Ziele diskutieren. Eine solche Diskussion sollte im Kontext des Mensch-Natur-Verhältnisses geführt werden, da es im Kern um die Frage geht, inwiefern eine nutzenorientierte, anthropozentrische Sichtweise im jeweiligen Anwendungsfeld als wünschenswert oder zweckmässig betrachtet wird. Im Bewusstsein, dass es kaum machbar ist, alle Akteure gleichzeitig in einen gemeinsamen Diskurs einzubinden, erscheint es zweckmässig, diese Diskussion anhand eines ausgesuchten Politik- oder Anwendungsbereiches zu beginnen.
Verschiedene Beispiele aus internationalen und nationalen ÖSL-Projekten können Hilfestellungen bei spezifischen Fragen bieten – schlussendlich braucht es jedoch eine gesamtgesellschaftliche Akzeptanz, um das ÖSL-Konzept als Bestandteil der Interessensabwägung zu anerkennen und damit gezielte Anpassungen an bestehenden Politiken vorzunehmen. Die hier vorgelegten Erkenntnisse bilden durch ihre breit abgestützte Datensammlung wertvolle Grundlagen für eine weiterführende Analyse.
Ausgehend von einem anthropozentrischen, nutzenorientierten Konzept über die Zusammenhänge zwischen Ökosystemen und menschlichem Wohlbefinden, zeigt die vorliegende humangeographische Arbeit auf, (1) wie Ökosystemleistungen konzeptualisiert und verstanden werden, (2) wie diese Konzeption Eingang in die schweizerische Politik findet und (3) welche Chancen und Risiken mit der Anwendung des ÖSL-Konzepts verbunden sind. Dabei zeigt sich, dass es einerseits einen breiten Dialog über das gewünschte Mensch-Natur-Verhältnis braucht und andererseits detaillierte Abklärungen notwendig sind, um Aspekte des ÖSL-Konzepts gezielt in Politik und Praxis anwenden zu können.

Abstract

Diese Arbeit untersucht, wie das akademisch breit diskutierte und auf internationaler Ebene geförderte Konzept der Ökosystemleistungen (ÖSL) [ecosystem services] Eingang in schweizerische Politik- und Praxisbereiche findet.
Das ÖSL-Konzept basiert auf einer anthropozentrischen, nutzenorientierten Sichtweise auf das Mensch-Natur-Verhältnis: ÖSL werden definiert als Nutzen, den Menschen aus Ökosystemen beziehen. Durch das 2005 von den Vereinten Nationen publizierte „Millennium Ecosystem Assessment“ wurde das ÖSL-Konzept auf die politische und wissenschaftliche Agenda gesetzt: Anthropozentrische und ökonomische Argumente gewannen in internationalen Übereinkommen der Umweltpolitik an Bedeutung und die Anzahl wissenschaftlicher Publikationen und Konferenzen zum Thema Ökosystemleistungen stieg rasant an. Dabei wird unterschieden zwischen verschiedenen Kategorien von Ökosystemleistungen, wie Basisleistungen (z.B. Bodenbildung), Regulierungsleistungen (z.B. Regulierung von Hochwassern), Versorgungsleistungen (z.B. Produktion von Nahrungsmitteln und Brennstoffen) oder kulturellen Leistungen (z.B. ästhetischer Genuss von Natur und Landschaft). Die ÖSL-Forschung wird stark von den Disziplinen der Ökologie, Biologie und Ökonomie geprägt. Ähnlich wie in der Debatte um die Klimaerwärmung wird versucht, mit Hilfe von global gültigen Modellen Zusammenhänge zwischen Ökosystemen und menschlichem Wohlbefinden aufzuzeigen. Zunehmend wird kritisiert, dass bei dieser Betrachtungsweise unterschiedliche gesellschaftliche Wertvorstellungen unberücksichtigt bleiben, weil die Nutzenorientierung im Vordergrund stehe. Anhand der Analyse unterschiedlicher Argumente zum ÖSL-Konzept wird deshalb in der vorliegenden Arbeit aufgezeigt, wer was unter ÖSL versteht und inwiefern sich solche Argumente einer positivistischen oder konstruktivistischen Epistemologie zuordnen lassen.
Durch die Analyse gesetzlicher Grundlagen und Strategien und mittels rund 30 qualitativen Interviews mit Expertinnen und Experten aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Forschung wird dargestellt, wie das ÖSL-Konzept Eingang in die schweizerische Politik findet und welche Chancen und Risiken mit der Umsetzung des ÖSL-Konzepts verbunden sind. In der Schweiz setzen sich primär Akteure der Biodiversitätspolitik explizit mit Ökosystemleistungen auseinander: Die 2012 vom Bundesrat verabschiedete „Strategie Biodiversität Schweiz“ zählt die quantitative Erfassung von ÖSL in der Schweiz zu den strategischen Zielen. Daneben fokussiert sich die Landschaftspolitik zunehmend auf Aspekte der menschlichen Wahrnehmung und rückt damit Themengebiete der Kategorie der kulturellen Leistungen – unter dem Begriff „Landschaftsleistungen“ – in den Vordergrund. Die Landwirtschaftspolitik der Schweiz vergütet mit dem Instrument der Direktzahlungen die Landwirte für Leistungen zu Gunsten der Allgemeinheit: Neben der Nahrungsmittelproduktion werden seit anfangs 2014 verstärkt Leistungen zur Aufwertung der Landschaftsqualität und zum Schutz der Biodiversität entschädigt.
Die mögliche Anwendung des ÖSL-Konzepts in den drei Politikbereichen Biodiversität, Landschaft und Landwirtschaft steht im Fokus der Untersuchung. Für alle drei Bereiche ist zurzeit noch ungeklärt, welche Chancen und Risiken mit der Anwendung des ÖSL- Konzepts verbunden sind, resp. wie ÖSL zielführend in Politik und Praxis integriert werden können. Zur Klärung dieser Forschungslücken wurden u.a. qualitative Interviews mit Expertinnen und Experten durchgeführt. Die Auswertung der Interviews zeigt, dass die Meinungen der Fachpersonen kein einheitliches Bild ergeben: Sie reichen von der vollständigen Ablehnung eines nutzenorientierten Ansatzes bis hin zur starken Unterstützung einer ökonomischen Argumentation. Chancen werden primär in einer stärkeren Sensibilisierung für Anliegen des Umweltschutzes gesehen, jedoch wird es allgemein als Risiko erachtet, wenn die bestehende Schutzargumentation in der Biodiversitäts- und Landschaftspolitik durch eine Nutzenargumentation abgelöst werden sollte. Vielmehr sollen mit dem ÖSL-Konzept bestehende Argumente und Instrumente ergänzt werden. Anhand von vier Beispielen (Kommunikation, Planung, Checkliste zur Beurteilung von Projekten, Finanzierungsinstrument) aus der Schweiz wird dargelegt, welches Potenzial Ökosystemleistungen für die Politik bieten können.
Basierend auf den Ergebnissen der Interviews wird empfohlen, für die praktische Anwendung des ÖSL-Konzepts vertiefende Abklärungen vorzunehmen. Dabei bietet sich ein transdisziplinäres Vorgehen an: Es braucht einen breiten Diskurs mit allen relevanten Akteuren, um zu klären, welche Aspekte des ÖSL-Konzepts in welche Politikbereiche integriert werden sollen und wie die bestehenden Grundlagen und Instrumente ergänzt oder allenfalls ersetzt werden können. Einige Befragte haben zudem bemängelt, dass die Wissenschaft bis anhin zu wenig konkret aufzeigen konnte, welchen Nutzen der ÖSL-Ansatz für Politik und Praxis bringen kann. Auch ausserhalb der Wissenschaft ist eine Vielzahl unterschiedlicher Akteure mit einzelnen Aspekten des ÖSL-Konzeptes beschäftigt, ohne dass die damit verbundenen Fragestellungen unter einer koordinierten Optik betrachtet werden. Hier besteht ein Handlungsbedarf, die verschiedenen Interessen zu benennen und zusammen zu führen.
Für eine zielführende Weiterentwicklung, resp. Anwendung des ÖSL-Konzepts ist es notwendig, dass interessierte Akteure aus Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft in einem transdisziplinären Vorgehen gemeinsame Ziele diskutieren. Eine solche Diskussion sollte im Kontext des Mensch-Natur-Verhältnisses geführt werden, da es im Kern um die Frage geht, inwiefern eine nutzenorientierte, anthropozentrische Sichtweise im jeweiligen Anwendungsfeld als wünschenswert oder zweckmässig betrachtet wird. Im Bewusstsein, dass es kaum machbar ist, alle Akteure gleichzeitig in einen gemeinsamen Diskurs einzubinden, erscheint es zweckmässig, diese Diskussion anhand eines ausgesuchten Politik- oder Anwendungsbereiches zu beginnen.
Verschiedene Beispiele aus internationalen und nationalen ÖSL-Projekten können Hilfestellungen bei spezifischen Fragen bieten – schlussendlich braucht es jedoch eine gesamtgesellschaftliche Akzeptanz, um das ÖSL-Konzept als Bestandteil der Interessensabwägung zu anerkennen und damit gezielte Anpassungen an bestehenden Politiken vorzunehmen. Die hier vorgelegten Erkenntnisse bilden durch ihre breit abgestützte Datensammlung wertvolle Grundlagen für eine weiterführende Analyse.
Ausgehend von einem anthropozentrischen, nutzenorientierten Konzept über die Zusammenhänge zwischen Ökosystemen und menschlichem Wohlbefinden, zeigt die vorliegende humangeographische Arbeit auf, (1) wie Ökosystemleistungen konzeptualisiert und verstanden werden, (2) wie diese Konzeption Eingang in die schweizerische Politik findet und (3) welche Chancen und Risiken mit der Anwendung des ÖSL-Konzepts verbunden sind. Dabei zeigt sich, dass es einerseits einen breiten Dialog über das gewünschte Mensch-Natur-Verhältnis braucht und andererseits detaillierte Abklärungen notwendig sind, um Aspekte des ÖSL-Konzepts gezielt in Politik und Praxis anwenden zu können.

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Item Type:Dissertation
Referees:Backhaus Norman, Müller-Böker Ulrike, Grêt-Regamey Adrienne, Hunziker Marcel
Communities & Collections:07 Faculty of Science > Institute of Geography
Dewey Decimal Classification:910 Geography & travel
Language:German
Date:2016
Deposited On:15 Nov 2016 13:55
Last Modified:15 Nov 2016 13:58
Number of Pages:192
Free access at:Official URL. An embargo period may apply.
Official URL:http://opac.nebis.ch/ediss/20162809.pdf
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Language: German
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