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From space to place in the Bolivian Amazon : exploring and representing folk landscape categories with ethnographic and GIS approaches


Wartmann, Flurina M. From space to place in the Bolivian Amazon : exploring and representing folk landscape categories with ethnographic and GIS approaches. 2016, University of Zurich, Faculty of Science.

Abstract

Wie nehmen Menschen Landschaften wahr? Nehmen alle Menschen, ungeachtet ihrer Sprache und Kultur Landschaften gleich wahr? Oder gibt es Unterschiede, wie Menschen Landschaftselemente identifizieren und benennen? Falls es solche linguistischen und kulturellen Unterschiede in der Konzeptionalisierung von Landschaft gibt, was bedeutet das für die Umgebung in Geographischen Informationssystemen (GIS)? Die vorliegende Arbeit untersucht diese Fragen anhand einer Fallstudie im Amazonasregenwald in Bolivien, in einem Gebiet, in dem ein indigenes Territorium mit einem staatlichen Schutzgebiet überlappt. Mittels einer Reihe ethnographischer Methoden, wie partizipative Beobachtung, Feldbegehungen und Interviews mit lokalen Personen als Beratende, untersuchte ich lokale Landschaftsbegriffe oder sogenannte Volkskategorien im spanischen Dialekt, welcher im Studiengebiet von der indigenen Takana Bevölkerung gesprochen wird. Zusätzlich zur Dokumentation der lokalen Landschaftsbegriffe untersuchte ich zudem die kulturelle Bedeutung und den lokalen Nutzen der genannten Landschaftseinheiten, sowie deren ökologische Grundlagen. Die dokumentierten Volkskategorien für Landschaftselemente umfassten 156 Begriffe, wovon sich 60 auf Vegetationseinheiten bezogen, 30 auf landwirtschaftlich genutzte Flächen, 27 auf hydrologische Elemente, 25 auf topographische Elemente, 13 auf Gebiete, die durch ein Substrat charakterisiert waren, sowie eine Kategorie für ein Gebiet, welches durch die Nutzung einer Tierart definiert wird. Der Grossteil der Volkskategorien für Vegetationseinheiten wurde durch visuell hervorstehende Indikatorpflanzen oder durch Pflanzen mit einer lokalen Nutzung identifiziert und benannt. Zum Beispiel zeichnet sich die Vegetationseinheit jatatal durch eine Ansammlung an jatata Pflanzen aus (Geonoma deversa, eine Palmenart). Die Takana verwenden die jatata-Palme, um traditionelle Dachbedeckungen herzustellen und auf lokalen Märkten zu verkaufen. Der Zugang zu einem jatatal und dessen Nutzung ist durch kulturelle Normen und Regeln definiert, welche auf der Zugehörigkeit zu einer Familie oder Dorfgemeinde beru- hen und bestimmte nachhaltige Techniken zur Ressourcennutzung der jatata-Palme beinhalten. Ein weiteres Beispiel ist die Volkskategorie salitral, welche ein Gebiet mit einer Salzleckstelle bezeichnet, wo verschiedene Tierarten das mineralhaltige Substrat abknabbern. Salitrales sind kulturell wichtige Landschaftseinheiten für Jäger und werden gemäss den Takana von Geistern bewohnt, weshalb in der Nähe eines salitral gewisse Verhaltensregeln befolgt werden müssen.
Ein Vergleich der Volks-Vegetationseinheiten im Spanischen mit einer wissenschaftlichen, botanischen Klassifikation des Untersuchungsgebietes in Spanisch zeigte gewisse Ähnlichkeiten, wie auch Unterschiede zwischen den beiden Kategorisierungen. Beiden Systemen gemeinsam war die Verwendung von visuell hervorstechenden oder leicht zu identifizierenden Pflanzen als Indikatorarten. Die Volkskategorie charral beispielsweise wurde durch die charo Pflanze (Gynerium sagittatum, eine Süssgrasart) identifiziert, welches auch eine Indikatorart war in der botanischen Klassifikation für die Vegetationseinheit ‚Flussbegleitender Pionierpflanzengürtel aus Gynerium sagitattum auf sandigen Böden‘. Während allerdings die Volkskategorien oft den praktischen Nutzen und die kulturelle Bedeutung einer Landschaftseinheit für die lokale Bevölkerung widerspiegeln, basiert die wissenschaftliche botanische Klassifikation hingegen auf dem edaphischen Regime eines Gebietes und beinhaltet nur teilweise eine Zeigerpflanze. Sie nimmt zudem keinen Bezug auf lokale Nutzung oder Bedeutung von Landschaftseinheiten.
Zusätzlich zu Begriffen im lokalen spanischen Dialekt untersuchte ich Landschaftskategorien in den zwei indigenen Sprachen Takana und Mosetén. Die Kategorien für Landschaftseinheiten in Takana und Mosetén hatten nicht immer eine Entsprechung imspanischen Dialekt. Gewisse Begriffe und die dazugehörigen Konzepte waren sprachspezifisch und deshalb schwierig zu übersetzen. Solche Unterschiede zwischen Sprachen sind nicht bloss sprachliche Kuriositäten, sondern haben wichtige Auswirkungen, wie Landschaften beschrieben und auf Karten und in einem GIS dargestellt werden. Diese Darstellungen wiederum beeinflussen die Verwaltung dieser Landschaften. Da gängige Karten auf einer wissenschaftlichen Landschaftsklassifikation beruhen, werden in Entscheidungsprozessen lokale Ansichten häufig vernachlässigt oder übergangen. Das GIS, welches von den Verwaltungen des Schutzgebiets und des indigenen Territoriums genutzt wurde, beinhaltete zum Beispiel keine Volkskategorien, wie beispielsweise kulturell wichtige oder genutzte Gebiete innerhalb des Regenwaldes, obwohl solche Gebiete für die lokale Bevölkerung von grosser Bedeutung waren. Deshalb ist es nötig, Wege zu finden, um Volkskategorien auf Karten und in GIS darzustellen.
Um zu erforschen, welche Elemente der Landschaft für die Darstellung auszuwählen sind, führte ich mit indigenen Beratern Skizzenkartierungen durch, in denen sie frei von Hand gezeichnete Skizzen ihrer Umgebung erstellten. Verglichen mit der Anzahl umgangssprachlicher Volkskategorien, die ich mittels ethnographischer Methoden dokumentiert hatte, zeichneten indigene Beraterinnen und Berater allerdings nur wenige Landschaftselemente auf den Skizzenkarten ein. Dies zeigt eindrücklich die Herausforderung, mit welchen sich partizipative Kartierungsprojekte konfrontiert sehen. Karten, die aus solchen Projekten hervorgehen, zeigen durch den Fokus auf die räumliche Darstellung nur gewisse Aspekte des lokalen raumbezogenen Wissens zu Landschaft.
Um Volkskategorien zu Landschaft und das damit verbundene lokale Wissen in einer digitalen Umgebung darzustellen, führte ich ausserdem eine kleine Nutzerstudie mit der Webkartierungsplattform ‚Cartaro‘ durch. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer fanden ‚Cartaro‘ einfacher zu verwenden als ein GIS, und schätzten die Möglichkeit, Text und Bilder zur geografischen Daten hinzuzufügen. Allerdings verwendeten die Teilnehmenden nur wenige Kategorien zur Kartierung in Cartaro, wie zum Beispiel Flüsse und Siedlungen. Dies zeigt wiederum auf, wie wichtig es ist, verschiedene methodische Ansätze zu kombinieren, um lokales Wissen und Nutzung der Landschaft zu dokumentieren und darzustellen.
Diese Arbeit verwendete linguistische und ethnographische Ansätze, um Volks-Landschaftskategorien und Möglichkeiten, wie diese auf Karten und in einem GIS dargestellt werden können, zu untersuchen. Eine wichtige Erkenntnis aus der Arbeit ist, dass die dokumentierten Volkskategorien für Landschaft mehr sind als „nur“ Kategorien. Denn Kategorien und die damit verbundenen Bedeutungen beeinflussen, wie wir mit den realen Objekten, auf welche diese Kategorien Bezug nehmen, umgehen. Falls indigene Gruppen unterstützt werden sollen, mit Regierungsbehörden zu interagieren, wenn es darum geht, Gebiete zu verwalten, wird es nötig, die lokale Nutzung der Landschaft und die damit verbundenen kulturellen Bedeutungen besser darstellen zu können. Ansonsten wird die Lokalbevölkerung gezwungen sein, Informationssysteme zu verwenden, welche auf westlichen, wissenschaftlichen Ontologien beruhen, die nicht ihrer Wahrnehmung entsprechen.
Diese Arbeit zeigte mögliche Wege auf, wie unterschiedliche Formen von Wissen integriert werden können. Dies ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Erreichung eines zentralen Ziels des For- schungsgebietes der GIScience, nämlich, die Nutzung und den Austausch geographischer Information zwischen verschiedenen Gruppen und Institutionen zu ermöglichen, welche die Welt unterschiedlich wahrnehmen mögen.

Abstract

Wie nehmen Menschen Landschaften wahr? Nehmen alle Menschen, ungeachtet ihrer Sprache und Kultur Landschaften gleich wahr? Oder gibt es Unterschiede, wie Menschen Landschaftselemente identifizieren und benennen? Falls es solche linguistischen und kulturellen Unterschiede in der Konzeptionalisierung von Landschaft gibt, was bedeutet das für die Umgebung in Geographischen Informationssystemen (GIS)? Die vorliegende Arbeit untersucht diese Fragen anhand einer Fallstudie im Amazonasregenwald in Bolivien, in einem Gebiet, in dem ein indigenes Territorium mit einem staatlichen Schutzgebiet überlappt. Mittels einer Reihe ethnographischer Methoden, wie partizipative Beobachtung, Feldbegehungen und Interviews mit lokalen Personen als Beratende, untersuchte ich lokale Landschaftsbegriffe oder sogenannte Volkskategorien im spanischen Dialekt, welcher im Studiengebiet von der indigenen Takana Bevölkerung gesprochen wird. Zusätzlich zur Dokumentation der lokalen Landschaftsbegriffe untersuchte ich zudem die kulturelle Bedeutung und den lokalen Nutzen der genannten Landschaftseinheiten, sowie deren ökologische Grundlagen. Die dokumentierten Volkskategorien für Landschaftselemente umfassten 156 Begriffe, wovon sich 60 auf Vegetationseinheiten bezogen, 30 auf landwirtschaftlich genutzte Flächen, 27 auf hydrologische Elemente, 25 auf topographische Elemente, 13 auf Gebiete, die durch ein Substrat charakterisiert waren, sowie eine Kategorie für ein Gebiet, welches durch die Nutzung einer Tierart definiert wird. Der Grossteil der Volkskategorien für Vegetationseinheiten wurde durch visuell hervorstehende Indikatorpflanzen oder durch Pflanzen mit einer lokalen Nutzung identifiziert und benannt. Zum Beispiel zeichnet sich die Vegetationseinheit jatatal durch eine Ansammlung an jatata Pflanzen aus (Geonoma deversa, eine Palmenart). Die Takana verwenden die jatata-Palme, um traditionelle Dachbedeckungen herzustellen und auf lokalen Märkten zu verkaufen. Der Zugang zu einem jatatal und dessen Nutzung ist durch kulturelle Normen und Regeln definiert, welche auf der Zugehörigkeit zu einer Familie oder Dorfgemeinde beru- hen und bestimmte nachhaltige Techniken zur Ressourcennutzung der jatata-Palme beinhalten. Ein weiteres Beispiel ist die Volkskategorie salitral, welche ein Gebiet mit einer Salzleckstelle bezeichnet, wo verschiedene Tierarten das mineralhaltige Substrat abknabbern. Salitrales sind kulturell wichtige Landschaftseinheiten für Jäger und werden gemäss den Takana von Geistern bewohnt, weshalb in der Nähe eines salitral gewisse Verhaltensregeln befolgt werden müssen.
Ein Vergleich der Volks-Vegetationseinheiten im Spanischen mit einer wissenschaftlichen, botanischen Klassifikation des Untersuchungsgebietes in Spanisch zeigte gewisse Ähnlichkeiten, wie auch Unterschiede zwischen den beiden Kategorisierungen. Beiden Systemen gemeinsam war die Verwendung von visuell hervorstechenden oder leicht zu identifizierenden Pflanzen als Indikatorarten. Die Volkskategorie charral beispielsweise wurde durch die charo Pflanze (Gynerium sagittatum, eine Süssgrasart) identifiziert, welches auch eine Indikatorart war in der botanischen Klassifikation für die Vegetationseinheit ‚Flussbegleitender Pionierpflanzengürtel aus Gynerium sagitattum auf sandigen Böden‘. Während allerdings die Volkskategorien oft den praktischen Nutzen und die kulturelle Bedeutung einer Landschaftseinheit für die lokale Bevölkerung widerspiegeln, basiert die wissenschaftliche botanische Klassifikation hingegen auf dem edaphischen Regime eines Gebietes und beinhaltet nur teilweise eine Zeigerpflanze. Sie nimmt zudem keinen Bezug auf lokale Nutzung oder Bedeutung von Landschaftseinheiten.
Zusätzlich zu Begriffen im lokalen spanischen Dialekt untersuchte ich Landschaftskategorien in den zwei indigenen Sprachen Takana und Mosetén. Die Kategorien für Landschaftseinheiten in Takana und Mosetén hatten nicht immer eine Entsprechung imspanischen Dialekt. Gewisse Begriffe und die dazugehörigen Konzepte waren sprachspezifisch und deshalb schwierig zu übersetzen. Solche Unterschiede zwischen Sprachen sind nicht bloss sprachliche Kuriositäten, sondern haben wichtige Auswirkungen, wie Landschaften beschrieben und auf Karten und in einem GIS dargestellt werden. Diese Darstellungen wiederum beeinflussen die Verwaltung dieser Landschaften. Da gängige Karten auf einer wissenschaftlichen Landschaftsklassifikation beruhen, werden in Entscheidungsprozessen lokale Ansichten häufig vernachlässigt oder übergangen. Das GIS, welches von den Verwaltungen des Schutzgebiets und des indigenen Territoriums genutzt wurde, beinhaltete zum Beispiel keine Volkskategorien, wie beispielsweise kulturell wichtige oder genutzte Gebiete innerhalb des Regenwaldes, obwohl solche Gebiete für die lokale Bevölkerung von grosser Bedeutung waren. Deshalb ist es nötig, Wege zu finden, um Volkskategorien auf Karten und in GIS darzustellen.
Um zu erforschen, welche Elemente der Landschaft für die Darstellung auszuwählen sind, führte ich mit indigenen Beratern Skizzenkartierungen durch, in denen sie frei von Hand gezeichnete Skizzen ihrer Umgebung erstellten. Verglichen mit der Anzahl umgangssprachlicher Volkskategorien, die ich mittels ethnographischer Methoden dokumentiert hatte, zeichneten indigene Beraterinnen und Berater allerdings nur wenige Landschaftselemente auf den Skizzenkarten ein. Dies zeigt eindrücklich die Herausforderung, mit welchen sich partizipative Kartierungsprojekte konfrontiert sehen. Karten, die aus solchen Projekten hervorgehen, zeigen durch den Fokus auf die räumliche Darstellung nur gewisse Aspekte des lokalen raumbezogenen Wissens zu Landschaft.
Um Volkskategorien zu Landschaft und das damit verbundene lokale Wissen in einer digitalen Umgebung darzustellen, führte ich ausserdem eine kleine Nutzerstudie mit der Webkartierungsplattform ‚Cartaro‘ durch. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer fanden ‚Cartaro‘ einfacher zu verwenden als ein GIS, und schätzten die Möglichkeit, Text und Bilder zur geografischen Daten hinzuzufügen. Allerdings verwendeten die Teilnehmenden nur wenige Kategorien zur Kartierung in Cartaro, wie zum Beispiel Flüsse und Siedlungen. Dies zeigt wiederum auf, wie wichtig es ist, verschiedene methodische Ansätze zu kombinieren, um lokales Wissen und Nutzung der Landschaft zu dokumentieren und darzustellen.
Diese Arbeit verwendete linguistische und ethnographische Ansätze, um Volks-Landschaftskategorien und Möglichkeiten, wie diese auf Karten und in einem GIS dargestellt werden können, zu untersuchen. Eine wichtige Erkenntnis aus der Arbeit ist, dass die dokumentierten Volkskategorien für Landschaft mehr sind als „nur“ Kategorien. Denn Kategorien und die damit verbundenen Bedeutungen beeinflussen, wie wir mit den realen Objekten, auf welche diese Kategorien Bezug nehmen, umgehen. Falls indigene Gruppen unterstützt werden sollen, mit Regierungsbehörden zu interagieren, wenn es darum geht, Gebiete zu verwalten, wird es nötig, die lokale Nutzung der Landschaft und die damit verbundenen kulturellen Bedeutungen besser darstellen zu können. Ansonsten wird die Lokalbevölkerung gezwungen sein, Informationssysteme zu verwenden, welche auf westlichen, wissenschaftlichen Ontologien beruhen, die nicht ihrer Wahrnehmung entsprechen.
Diese Arbeit zeigte mögliche Wege auf, wie unterschiedliche Formen von Wissen integriert werden können. Dies ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Erreichung eines zentralen Ziels des For- schungsgebietes der GIScience, nämlich, die Nutzung und den Austausch geographischer Information zwischen verschiedenen Gruppen und Institutionen zu ermöglichen, welche die Welt unterschiedlich wahrnehmen mögen.

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Item Type:Dissertation
Referees:Purves Ross S, Backhaus Norman, Haller Tobias
Communities & Collections:07 Faculty of Science > Institute of Geography
Dewey Decimal Classification:910 Geography & travel
Language:English
Date:2016
Deposited On:14 Feb 2017 14:01
Last Modified:21 Nov 2017 19:26
Number of Pages:260
ISBN:978-3-9524346-3-5
Additional Information:Erschienen im Wartmann Natürlich Verlag.
Free access at:Official URL. An embargo period may apply.
Official URL:https://www.geo.uzh.ch/dam/jcr:7ed003e3-4874-41ad-bfd3-5dbc3d85f75e/Wartmann_dissertation.pdf
Related URLs:http://www.recherche-portal.ch/ZAD:default_scope:ebi01_prod010821222 (Library Catalogue)
http://www.wartmann-natuerlich.ch/ (Publisher)

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