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"Final Choice": Suizidbeihilfe und Sterbetourismus in der Schweiz


Furter, M. "Final Choice": Suizidbeihilfe und Sterbetourismus in der Schweiz. 2010, University of Zurich, Faculty of Medicine.

Abstract

Hintergrund. In der Schweiz wird seit über 10 Jahren eine weltweit einzigartige Form der Suizidbeihilfe durch die Sterbehilfe-Organisationen Exit Deutsche Schweiz, Exit ADMD (Assosiation pur le droit de mourir dans la dignité), Exit International und Dignitas praktiziert. Diese Arbeit untersucht, ob Unterschiede bestehen zwischen den Mitgliedern von Exit Deutsche Schweiz und Dignitas, die im Raum Zürich eine Suizidbeihilfe in Anspruch genommen haben. Zusätzlich werden die angegebenen Beweggründe der Sterbewilligen selbst und der rezeptierenden Ärzten/Ärztinnen für die Inanspruchnahme der bzw. Mithilfe bei der Sterbehilfe miteinander verglichen. Des Weiteren analysieren wir, ob sich die Praxis von Exit Deutsche Schweiz gegenüber den 1990er Jahren verändert hat.
Methoden. Diese Studie beinhaltet alle vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich-Irchel untersuchten Todesfälle infolge Suizidbeihilfe von Exit Deutsche Schweiz (E) und Dignitas (D) im Zeitraum von 2001 bis 2004 (E: n = 147; D: n = 274; total: 421). In den Fällen, in denen ein optionales persönliches Schreiben des/der Sterbewilligen und ein medizinisches Zeugnis des/der rezeptierenden Arztes/Ärztin vorlag (n = 165), wurden die für die Inanspruchnahme der Suizidbeihilfe bzw. die erfolgte Rezeptierung angegeben Beweggründe miteinander verglichen. Des Weiteren wurden Daten aus einer Exit Deutsche Schweiz-Studie, welche alle Suizidbeihilfen zwischen 1990 und 2000 (n = 149) untersuchte, den unseren gegenübergestellt.
Resultate. Bei beiden Organisationen wurden mehr Frauen als Männer in den Freitod begleitet (D: 64%; E: 65%). Dignitas leistete mehr Suizidbeihilfe für nicht in der Schweiz wohnhafte (D: 91%; E: 3%; p = 0.000) und jüngere Personen (Durchschnittsalter in Jahren (SD): D: 64.5 (14.1); E: 76.6 (13.3); p = 0.001) sowie für Menschen, die an einer zum Tode führenden Krankheit wie Multipler Sklerose oder Amyotropher Lateralsklerose litten (D: 79%; E: 67%; p = 0.013). Die tödliche Medikamentendosis wurde in den Fällen von Dignitas öfter oral appliziert (D: 91%; E: 76%; p = 0.000). Von den Sterbewilligen selbst (s) und den rezeptierenden Ärzten/Ärztinnen (a) wurden als Beweggründe für die Suizidbeihilfe Schmerzen (a: 56%; s: 58%), Langzeit-Pflegebedürftigkeit (a: 37%; s: 39%), neurologische Symptome (a: 35%; s: 32%), Immobilität (a: 23%; s: 30%) und Atemnot (a: 23%; s: 23%) am häufigsten genannt. Die Kontrolle der Todesumstände (a: 12%; s: 39%), Würdeverlust (a: 6%; s: 38%), Müdigkeit (a: 13%; s: 26%), der Verlust lebenserfreulicher Aktivitäten (a: 6%; s: 18%) sowie Schlaf- und Gedächtnisstörungen (a: 4%; s: 13%) wurden von den Sterbewilligen signifikant häufiger angegeben als von den Ärzten/Ärztinnen. Seit den 1990er Jahren hat in den von Exit Deutsche Schweiz begleiteten Suiziden die Anzahl der Frauen (von 52% auf 65%; p = 0.031) und das durchschnittliche Lebensalter, in dem die Suizidbegleitung in Anspruch genommen wurde, zugenommen (Durchschnittsalter in Jahren (±SD): von 69.3 (17.0) auf 76.6 (13.3); p = 0.000). Es wurden ebenfalls mehr Personen in den Freitod begleitet, die an keiner zum Tode führenden Krankheit gelitten haben (von 22% auf 34%; p = 0.026).
Interpretation. Dignitas leistete mehr Suizidbeihilfe für jüngere Personen mit einer zum Tode führenden Krankheit sowie für nicht in der Schweiz wohnhafte Mitglieder. Bei Exit Deutsche Schweiz waren Fälle von „Lebensmüdigkeit“ ohne das Vorliegen einer tödlichen oder hoffnungslosen Krankheit häufiger als bei Dignitas. Innerhalb von Exit Deutsche Schweiz hat der Anteil dieser Fälle seit den 1990er Jahren zugenommen. Bei beiden Sterbehilfeorganisationen geben sowohl die rezeptierenden Ärzte/Ärztinnen als auch die Sterbewilligen häufig Schmerzen sowie andere Belange und Befürchtungen, die mit unerträglichem Leiden oder einer unzumutbaren Behinderung einhergehen, als Grund für den Sterbewunsch an. Autonomie und Selbstbestimmung wurden von den Sterbewilligen schwerer gewichtet als von den Ärzten/Ärztinnen. Dass bei beiden Sterbehilfeorganisationen mehr Frauen als Männer assistierten Suizid begehen, ist ein wichtiges und bisher weitgehend vernachlässigtes Phänomen, das weitere Untersuchungen benötigt.

Abstract

Hintergrund. In der Schweiz wird seit über 10 Jahren eine weltweit einzigartige Form der Suizidbeihilfe durch die Sterbehilfe-Organisationen Exit Deutsche Schweiz, Exit ADMD (Assosiation pur le droit de mourir dans la dignité), Exit International und Dignitas praktiziert. Diese Arbeit untersucht, ob Unterschiede bestehen zwischen den Mitgliedern von Exit Deutsche Schweiz und Dignitas, die im Raum Zürich eine Suizidbeihilfe in Anspruch genommen haben. Zusätzlich werden die angegebenen Beweggründe der Sterbewilligen selbst und der rezeptierenden Ärzten/Ärztinnen für die Inanspruchnahme der bzw. Mithilfe bei der Sterbehilfe miteinander verglichen. Des Weiteren analysieren wir, ob sich die Praxis von Exit Deutsche Schweiz gegenüber den 1990er Jahren verändert hat.
Methoden. Diese Studie beinhaltet alle vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich-Irchel untersuchten Todesfälle infolge Suizidbeihilfe von Exit Deutsche Schweiz (E) und Dignitas (D) im Zeitraum von 2001 bis 2004 (E: n = 147; D: n = 274; total: 421). In den Fällen, in denen ein optionales persönliches Schreiben des/der Sterbewilligen und ein medizinisches Zeugnis des/der rezeptierenden Arztes/Ärztin vorlag (n = 165), wurden die für die Inanspruchnahme der Suizidbeihilfe bzw. die erfolgte Rezeptierung angegeben Beweggründe miteinander verglichen. Des Weiteren wurden Daten aus einer Exit Deutsche Schweiz-Studie, welche alle Suizidbeihilfen zwischen 1990 und 2000 (n = 149) untersuchte, den unseren gegenübergestellt.
Resultate. Bei beiden Organisationen wurden mehr Frauen als Männer in den Freitod begleitet (D: 64%; E: 65%). Dignitas leistete mehr Suizidbeihilfe für nicht in der Schweiz wohnhafte (D: 91%; E: 3%; p = 0.000) und jüngere Personen (Durchschnittsalter in Jahren (SD): D: 64.5 (14.1); E: 76.6 (13.3); p = 0.001) sowie für Menschen, die an einer zum Tode führenden Krankheit wie Multipler Sklerose oder Amyotropher Lateralsklerose litten (D: 79%; E: 67%; p = 0.013). Die tödliche Medikamentendosis wurde in den Fällen von Dignitas öfter oral appliziert (D: 91%; E: 76%; p = 0.000). Von den Sterbewilligen selbst (s) und den rezeptierenden Ärzten/Ärztinnen (a) wurden als Beweggründe für die Suizidbeihilfe Schmerzen (a: 56%; s: 58%), Langzeit-Pflegebedürftigkeit (a: 37%; s: 39%), neurologische Symptome (a: 35%; s: 32%), Immobilität (a: 23%; s: 30%) und Atemnot (a: 23%; s: 23%) am häufigsten genannt. Die Kontrolle der Todesumstände (a: 12%; s: 39%), Würdeverlust (a: 6%; s: 38%), Müdigkeit (a: 13%; s: 26%), der Verlust lebenserfreulicher Aktivitäten (a: 6%; s: 18%) sowie Schlaf- und Gedächtnisstörungen (a: 4%; s: 13%) wurden von den Sterbewilligen signifikant häufiger angegeben als von den Ärzten/Ärztinnen. Seit den 1990er Jahren hat in den von Exit Deutsche Schweiz begleiteten Suiziden die Anzahl der Frauen (von 52% auf 65%; p = 0.031) und das durchschnittliche Lebensalter, in dem die Suizidbegleitung in Anspruch genommen wurde, zugenommen (Durchschnittsalter in Jahren (±SD): von 69.3 (17.0) auf 76.6 (13.3); p = 0.000). Es wurden ebenfalls mehr Personen in den Freitod begleitet, die an keiner zum Tode führenden Krankheit gelitten haben (von 22% auf 34%; p = 0.026).
Interpretation. Dignitas leistete mehr Suizidbeihilfe für jüngere Personen mit einer zum Tode führenden Krankheit sowie für nicht in der Schweiz wohnhafte Mitglieder. Bei Exit Deutsche Schweiz waren Fälle von „Lebensmüdigkeit“ ohne das Vorliegen einer tödlichen oder hoffnungslosen Krankheit häufiger als bei Dignitas. Innerhalb von Exit Deutsche Schweiz hat der Anteil dieser Fälle seit den 1990er Jahren zugenommen. Bei beiden Sterbehilfeorganisationen geben sowohl die rezeptierenden Ärzte/Ärztinnen als auch die Sterbewilligen häufig Schmerzen sowie andere Belange und Befürchtungen, die mit unerträglichem Leiden oder einer unzumutbaren Behinderung einhergehen, als Grund für den Sterbewunsch an. Autonomie und Selbstbestimmung wurden von den Sterbewilligen schwerer gewichtet als von den Ärzten/Ärztinnen. Dass bei beiden Sterbehilfeorganisationen mehr Frauen als Männer assistierten Suizid begehen, ist ein wichtiges und bisher weitgehend vernachlässigtes Phänomen, das weitere Untersuchungen benötigt.

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Additional indexing

Item Type:Dissertation
Referees:Bosshard G, Bär W
Communities & Collections:04 Faculty of Medicine > Institute of Legal Medicine
Dewey Decimal Classification:340 Law
610 Medicine & health
Language:German
Date:2010
Deposited On:12 Jan 2011 13:38
Last Modified:05 Apr 2016 14:34
Number of Pages:47

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