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Prävalenz psychiatrischer Diagnosen/Komorbidität von ambulant-medizinisch betreuten Patienten


Himmelberger, Stephan Josef. Prävalenz psychiatrischer Diagnosen/Komorbidität von ambulant-medizinisch betreuten Patienten. 2012, University of Zurich, Faculty of Medicine.

Abstract

Hintergrund und Fragestellung. Eine erste Motivation für diese Arbeit entsprang dem Interesse an den bio-psycho-sozialen Zusammenhängen bei den eigenen Patienten auf der medizinischen Poliklinik des Universitätsspitals Zürich. Auch das bei dieser Assistenzstelle nunmehr plötzlich verstärkte Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit im Umgang mit verschiedenen Patienten und deren Problemen motivierten mich, die vorliegende Erhebung durchzuführen. Bestärkt durch Aussagen meiner Mitassistenten, welche die Patienten der medizinischen Poliklinik grösstenteils als ‚schwierig‘ beschrieben und fast ausnahmslos ‚allen‘ eine psychische Erkrankung attestierten, war es dabei mein Ziel, genauer zu untersuchen, wie häufig eine psychische Komorbidität beim ‚hiesigen‘ Patientengut tatsächlich nachzuweisen ist bzw. bei demselben nach der Prävalenz einer psychischen Erkrankung zu fragen. Dabei wollte ich möglichst auch die unterschiedlichen psychosozialen Gegebenheiten berücksichti-gen, um so allenfalls auf Prädiktoren oder Zusammenhänge bezüglich psychischer Komorbidität zu stossen. Existieren zum Beispiel neben rein medizinischen auch soziokulturelle oder andere, zu bestimmende Parameter, mit welchen sich eine Verbindung zu psychiatrischen Diagnosen herstellen lassen?
Vorgehensweise. Es handelt sich bei der vorliegenden Arbeit um eine retrospektive Krankengeschichten-Analyse mit anonymisierten Daten von 192 durch den Verfasser betreute Patienten, welche in einem Zeitraum von Januar 2010 bis Dezember 2010 mindestens zwei Konsultationen durch den Verfasser an der medizinischen Poliklinik des Universitätsspitals Zürich erhielten. Anhand der Eintragungen in der Krankengeschichte wurden dabei die all-gemeinen Charakteristika der betreuten Patienten, der soziokulturelle Hintergrund, medizinische Eckdaten wie Anzahl der Diagnosen, Vorliegen einer psychischen Erkrankung, Medika-tion oder die psychiatrische Betreuungssituation untersucht. Zur Analyse wurden weitere Parameter wie ‚Fatigue‘, ‚worried about health‘, ‚Malcompliance‘, ‚Hidden agenda‘, überzogene Sprechstundenzeiten und auch die subjektive Einschätzung des Patienten durch den Arzt (Verfasser) beigezogen.
Resultate. Von den 192 Patienten wiesen 37.5% eine psychiatrische Diagnose auf. Mehr als jeder dritte Patient litt somit an einer psychischen Erkrankung. Über die Hälfte (51%) aller untersuchten Personen verfügten über einen Migrationshintergrund. Siebenundzwanzig Prozent hatten ein nennenswertes soziales Problem. Zudem zeigte sich bei einem Grossteil mehr als ein Problem oder eine Diagnose; eine Polypharmazie war bei 16% der Patienten nachzuweisen. Siebenundvierzig Prozent der Patienten beklagten eine Müdigkeit ohne so-matischen Grund, 73% waren besorgt um ihren Gesundheitszustand und 35% der Patienten waren ‚malcompliant‘. Ein vorerst verborgen gehaltenes Motiv als Konsultationsgrund konnte lediglich bei 5% der untersuchten Kranken aufgedeckt werden. Dreissig Prozent überzogen regelmässig die vorgesehene Sprechstundenzeit und bei 2/3 aller behandelten Patienten wurde die Betreuungssituation vom Arzt als schwierig eingestuft.
Die Patienten mit psychischer Komorbidität waren häufiger Frauen, ledig und alleinstehend und die Anteile an IV-Rentnern sowie Arbeitslosen waren erhöht. Sie waren zugleich etwas jünger als das Gesamtkollektiv, benötigten häufiger Konsultationen und hatten in 49% der Fälle ein soziales Problem. Sie verfügten insgesamt über mehr Diagnosen und Probleme, nahmen mehr Medikamente ein und waren während des Beobachtungszeitraums in 51% der Fälle ohne fachärztliche psychiatrische Begleitung. Zudem litten sie zu einem noch höheren Anteil als das gesamte Patientengut an ‚Fatigue‘ ohne somatische Erklärung (68%), waren zusätzlich weniger ‚compliant‘ (59%) und konnten in 54% der Fälle nicht in den vorgegeben Sprechstundenzeiten behandelt werden. Die Betreuung der Patienten mit einer psychischen Erkrankung wurde in 96% der Fälle vom Verfasser als problematisch eingeschätzt.
Bei den psychiatrischen Diagnosen lag die Zahl der somatoformen-neurotischen Störungen vor denen der affektiven und diese wiederum vor den Störungen durch psychotrope Sub-stanzen. Die Antidepressiva machten den grössten Anteil an den verschriebenen Psycho-pharmaka aus, gefolgt von Tranquilizer/Beruhigungsmitteln und an dritter Stelle den Neuro-leptika. Ein Zusammenhang zwischen Migration, ethnischer Herkunft oder Deutschkenntnis-sen und dem vermehrten Vorliegen psychiatrischer Diagnosen konnte in diesem Patienten-gut nicht gefunden werden.
Diskussion. Es zeigte sich, dass die Problemstellungen bei Patienten der medizinischen Poliklinik oft einen psychosozialen Hintergrund haben. Ein übermässig hoher Anteil an Pati-enten mit psychischen Störungen konnte retrospektiv untersucht, jedoch nicht gefunden werden. Die Verallgemeinerung, dass die Patienten an der medizinischen Poliklinik oft psychische Störungen haben, ist demnach unkorrekt und entspringt wahrscheinlich einer undif-ferenzierten Sichtweise von Assistenzärzten mit insgesamt zu wenig klinischer Erfahrung im Umgang mit psychosozialen Problemen. Neben den Patienten mit psychischer Diagno-se/Komorbidität stellten auch die übrigen Patienten und deren Charakteristika wie beispiels-weise soziale Probleme, ‚Fatigue‘ ohne somatische Erklärung oder ‚Malcompliance‘ an den behandelnden Arzt erhöhte Anforderungen. Das führt dazu, dass ein grosser Teil (48%) die-ser Patienten als ‚schwierige Patienten‘ eingestuft wurden. Da die letzte Einschätzung aber immer subjektiv war und die Studie nur retrospektiv und ohne Kontrollgruppe durchgeführt wurde, bedarf es zur Bestätigung dieser These weiterer und prospektiv angelegter Untersu-chungen mit dem Patientengut der medizinischen Poliklink des Universitätsspitals Zürich. Aufgrund der Resultate der vorliegenden Studie scheint aber eine entsprechende Sensibilisierung der Assistenzärzte auf der medizinischen Poliklinik bezüglich Mechanismen inner-halb der Arzt – Patienten – Beziehung und /oder eine spezifische Weiterbildung im Umgang mit psychischer Komorbidität wünschenswert.

Abstract

Hintergrund und Fragestellung. Eine erste Motivation für diese Arbeit entsprang dem Interesse an den bio-psycho-sozialen Zusammenhängen bei den eigenen Patienten auf der medizinischen Poliklinik des Universitätsspitals Zürich. Auch das bei dieser Assistenzstelle nunmehr plötzlich verstärkte Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit im Umgang mit verschiedenen Patienten und deren Problemen motivierten mich, die vorliegende Erhebung durchzuführen. Bestärkt durch Aussagen meiner Mitassistenten, welche die Patienten der medizinischen Poliklinik grösstenteils als ‚schwierig‘ beschrieben und fast ausnahmslos ‚allen‘ eine psychische Erkrankung attestierten, war es dabei mein Ziel, genauer zu untersuchen, wie häufig eine psychische Komorbidität beim ‚hiesigen‘ Patientengut tatsächlich nachzuweisen ist bzw. bei demselben nach der Prävalenz einer psychischen Erkrankung zu fragen. Dabei wollte ich möglichst auch die unterschiedlichen psychosozialen Gegebenheiten berücksichti-gen, um so allenfalls auf Prädiktoren oder Zusammenhänge bezüglich psychischer Komorbidität zu stossen. Existieren zum Beispiel neben rein medizinischen auch soziokulturelle oder andere, zu bestimmende Parameter, mit welchen sich eine Verbindung zu psychiatrischen Diagnosen herstellen lassen?
Vorgehensweise. Es handelt sich bei der vorliegenden Arbeit um eine retrospektive Krankengeschichten-Analyse mit anonymisierten Daten von 192 durch den Verfasser betreute Patienten, welche in einem Zeitraum von Januar 2010 bis Dezember 2010 mindestens zwei Konsultationen durch den Verfasser an der medizinischen Poliklinik des Universitätsspitals Zürich erhielten. Anhand der Eintragungen in der Krankengeschichte wurden dabei die all-gemeinen Charakteristika der betreuten Patienten, der soziokulturelle Hintergrund, medizinische Eckdaten wie Anzahl der Diagnosen, Vorliegen einer psychischen Erkrankung, Medika-tion oder die psychiatrische Betreuungssituation untersucht. Zur Analyse wurden weitere Parameter wie ‚Fatigue‘, ‚worried about health‘, ‚Malcompliance‘, ‚Hidden agenda‘, überzogene Sprechstundenzeiten und auch die subjektive Einschätzung des Patienten durch den Arzt (Verfasser) beigezogen.
Resultate. Von den 192 Patienten wiesen 37.5% eine psychiatrische Diagnose auf. Mehr als jeder dritte Patient litt somit an einer psychischen Erkrankung. Über die Hälfte (51%) aller untersuchten Personen verfügten über einen Migrationshintergrund. Siebenundzwanzig Prozent hatten ein nennenswertes soziales Problem. Zudem zeigte sich bei einem Grossteil mehr als ein Problem oder eine Diagnose; eine Polypharmazie war bei 16% der Patienten nachzuweisen. Siebenundvierzig Prozent der Patienten beklagten eine Müdigkeit ohne so-matischen Grund, 73% waren besorgt um ihren Gesundheitszustand und 35% der Patienten waren ‚malcompliant‘. Ein vorerst verborgen gehaltenes Motiv als Konsultationsgrund konnte lediglich bei 5% der untersuchten Kranken aufgedeckt werden. Dreissig Prozent überzogen regelmässig die vorgesehene Sprechstundenzeit und bei 2/3 aller behandelten Patienten wurde die Betreuungssituation vom Arzt als schwierig eingestuft.
Die Patienten mit psychischer Komorbidität waren häufiger Frauen, ledig und alleinstehend und die Anteile an IV-Rentnern sowie Arbeitslosen waren erhöht. Sie waren zugleich etwas jünger als das Gesamtkollektiv, benötigten häufiger Konsultationen und hatten in 49% der Fälle ein soziales Problem. Sie verfügten insgesamt über mehr Diagnosen und Probleme, nahmen mehr Medikamente ein und waren während des Beobachtungszeitraums in 51% der Fälle ohne fachärztliche psychiatrische Begleitung. Zudem litten sie zu einem noch höheren Anteil als das gesamte Patientengut an ‚Fatigue‘ ohne somatische Erklärung (68%), waren zusätzlich weniger ‚compliant‘ (59%) und konnten in 54% der Fälle nicht in den vorgegeben Sprechstundenzeiten behandelt werden. Die Betreuung der Patienten mit einer psychischen Erkrankung wurde in 96% der Fälle vom Verfasser als problematisch eingeschätzt.
Bei den psychiatrischen Diagnosen lag die Zahl der somatoformen-neurotischen Störungen vor denen der affektiven und diese wiederum vor den Störungen durch psychotrope Sub-stanzen. Die Antidepressiva machten den grössten Anteil an den verschriebenen Psycho-pharmaka aus, gefolgt von Tranquilizer/Beruhigungsmitteln und an dritter Stelle den Neuro-leptika. Ein Zusammenhang zwischen Migration, ethnischer Herkunft oder Deutschkenntnis-sen und dem vermehrten Vorliegen psychiatrischer Diagnosen konnte in diesem Patienten-gut nicht gefunden werden.
Diskussion. Es zeigte sich, dass die Problemstellungen bei Patienten der medizinischen Poliklinik oft einen psychosozialen Hintergrund haben. Ein übermässig hoher Anteil an Pati-enten mit psychischen Störungen konnte retrospektiv untersucht, jedoch nicht gefunden werden. Die Verallgemeinerung, dass die Patienten an der medizinischen Poliklinik oft psychische Störungen haben, ist demnach unkorrekt und entspringt wahrscheinlich einer undif-ferenzierten Sichtweise von Assistenzärzten mit insgesamt zu wenig klinischer Erfahrung im Umgang mit psychosozialen Problemen. Neben den Patienten mit psychischer Diagno-se/Komorbidität stellten auch die übrigen Patienten und deren Charakteristika wie beispiels-weise soziale Probleme, ‚Fatigue‘ ohne somatische Erklärung oder ‚Malcompliance‘ an den behandelnden Arzt erhöhte Anforderungen. Das führt dazu, dass ein grosser Teil (48%) die-ser Patienten als ‚schwierige Patienten‘ eingestuft wurden. Da die letzte Einschätzung aber immer subjektiv war und die Studie nur retrospektiv und ohne Kontrollgruppe durchgeführt wurde, bedarf es zur Bestätigung dieser These weiterer und prospektiv angelegter Untersu-chungen mit dem Patientengut der medizinischen Poliklink des Universitätsspitals Zürich. Aufgrund der Resultate der vorliegenden Studie scheint aber eine entsprechende Sensibilisierung der Assistenzärzte auf der medizinischen Poliklinik bezüglich Mechanismen inner-halb der Arzt – Patienten – Beziehung und /oder eine spezifische Weiterbildung im Umgang mit psychischer Komorbidität wünschenswert.

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Item Type:Dissertation
Referees:Keller Lang D, Battegay E
Communities & Collections:04 Faculty of Medicine > University Hospital Zurich > Clinic and Policlinic for Internal Medicine
Dewey Decimal Classification:610 Medicine & health
Language:German
Date:2012
Deposited On:14 Dec 2012 09:29
Last Modified:05 Apr 2016 16:11

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