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Wie weltoffen ist Deutschland?


Helbing, Marc; Strijbis, Oliver (2018). Wie weltoffen ist Deutschland? Gütersloh: Bertelsmann Stiftung.

Abstract

Diese Studie geht der Frage nach, warum eine rechtspopulistische Partei wie die Alternative für Deutschland (AfD) erst in jüngster Zeit in Deutschland erfolgreich sein konnte. Deutschland stellte bis vor Kurzem eine Ausnahme im europäischen Kontext dar, weil es im Gegensatz zu vielen anderen Ländern keine wichtigen rechtspopulistischen Kräfte gab. In Zusammenhang mit dieser Neuentwicklung wird der Frage nachgegangen, wie man die Ablehnung nationalstaatlicher Öffnung erklären kann. Insbesondere wird untersucht, ob es diesbezüglich längerfristige Trends gibt oder ob es in den letzten Jahren zu abrupten Veränderungen gekommen ist.
Um den Erfolg der AfD erklären zu können, wird auf zwei Erklärungsansätze in der Politikwissenschaft zurückgegriffen. Der erste Ansatz bezieht sich auf die Theorie der Spaltungslinien (cleavages), gemäß welcher Parteien entlang von grundlegenden Konfliktlinien innerhalb von Gesellschaften entstehen (Bartolini und Mair 1990). Eine zentrale neue Konfliktlinie ist dabei in den letzten Jahrzehnten um die Frage nationalstaatlicher Öffnung entstanden. Im Zuge der Globalisierung haben nationalstaatliche Grenzen an Bedeutung verloren. Rechtspopulistische Parteien stellen diejenige politische Kraft dar, welche sich gegen die Folgen von Globalisierung, wie Immigration und Europäische Integration, stellen. Der zweite Erklärungsansatz stützt sich auf die Populismusforschung. Er verweist darauf, dass rechtspopulistische Parteien in Westeuropa nicht nur mit nationalkonservativen Positionen mobilisieren, sondern auch mit harscher Kritik an der Elite. Die Elite wird dabei als eine einheitliche Gruppe realitätsfremder Kosmopoliten dargestellt, welche den Bezug zur Bevölkerung verloren hat.
Um zu untersuchen, ob der Aufstieg des Rechtspopulismus in Deutschland Folge eines langfristigen Trends oder Reaktion auf kurzfristige Ereignisse ist, werden Auswertungen von Parteiprogrammen, Bevölkerungs- sowie Eliteumfragen über mehrere Jahrzehnte (teilweise seit den 1970er Jahren) analysiert. Die Themen „Einwanderung“ und „supranationale Integration“ werden dabei nicht nur über Zeit, sondern auch im Vergleich zu anderen Ländern betrachtet.
In Bezug auf Parteipositionen kann gezeigt werden, dass sich die AfD schon bei den Bundestagswahlen 2013 eindeutig stärker für die Abgrenzung nationalstaatlicher Grenzen ausgesprochen hat als alle anderen Parteien. In ihrem durchschnittlichen Fokus auf den Themenkomplex unterscheiden sich die Parteien Deutschlands nicht groß von anderen westeuropäischen Ländern. Allerdings war die Dynamik in Deutschland eine andere. Während in anderen westeuropäischen Ländern das Thema vor allem in den 1990er Jahren aufkam, erreichte es in Deutschland vor der Wiedervereinigung und seit den 2000er Jahren die größte Bedeutung.
In der Bevölkerung Deutschlands ist kein längerfristiger Trend zu ablehnenden Einstellungen im Hinblick auf Einwanderung und europäische Integration erkennbar. Im europäischen Vergleich liegen die Deutschen in ihren Einstellungen gegenüber Einwanderung etwa im Mittelfeld. Im Unterschied zu anderen Ländern waren die Deutschen ihrer Mitgliedschaft der EU gegenüber aber immer sehr positiv eingestellt – selbst im Zuge der Eurokrise. Die Nachfrage nach nationalkonservativen Positionen ist in den letzten Jahren in etwa stabil geblieben. Das Potenzial für rechtspopulistische Parteien war in dieser Hinsicht daher nicht höher als im europäischen Durchschnitt. Der Vergleich mit den Elitebefragungen zeigt, dass die Durchschnittsbevölkerung gegenüber Einwanderung und supranationaler Integration deutlich kritischer eingestellt ist als die Elite. Dies ist jedoch nicht nur ein deutsches, sondern ein internationales Phänomen. Ein solcher Unterschied kann erklären, weshalb die Gegenüberstellung von Eliten und Bevölkerung durch Rechtspopulisten für viele plausibel erscheint.

Abstract

Diese Studie geht der Frage nach, warum eine rechtspopulistische Partei wie die Alternative für Deutschland (AfD) erst in jüngster Zeit in Deutschland erfolgreich sein konnte. Deutschland stellte bis vor Kurzem eine Ausnahme im europäischen Kontext dar, weil es im Gegensatz zu vielen anderen Ländern keine wichtigen rechtspopulistischen Kräfte gab. In Zusammenhang mit dieser Neuentwicklung wird der Frage nachgegangen, wie man die Ablehnung nationalstaatlicher Öffnung erklären kann. Insbesondere wird untersucht, ob es diesbezüglich längerfristige Trends gibt oder ob es in den letzten Jahren zu abrupten Veränderungen gekommen ist.
Um den Erfolg der AfD erklären zu können, wird auf zwei Erklärungsansätze in der Politikwissenschaft zurückgegriffen. Der erste Ansatz bezieht sich auf die Theorie der Spaltungslinien (cleavages), gemäß welcher Parteien entlang von grundlegenden Konfliktlinien innerhalb von Gesellschaften entstehen (Bartolini und Mair 1990). Eine zentrale neue Konfliktlinie ist dabei in den letzten Jahrzehnten um die Frage nationalstaatlicher Öffnung entstanden. Im Zuge der Globalisierung haben nationalstaatliche Grenzen an Bedeutung verloren. Rechtspopulistische Parteien stellen diejenige politische Kraft dar, welche sich gegen die Folgen von Globalisierung, wie Immigration und Europäische Integration, stellen. Der zweite Erklärungsansatz stützt sich auf die Populismusforschung. Er verweist darauf, dass rechtspopulistische Parteien in Westeuropa nicht nur mit nationalkonservativen Positionen mobilisieren, sondern auch mit harscher Kritik an der Elite. Die Elite wird dabei als eine einheitliche Gruppe realitätsfremder Kosmopoliten dargestellt, welche den Bezug zur Bevölkerung verloren hat.
Um zu untersuchen, ob der Aufstieg des Rechtspopulismus in Deutschland Folge eines langfristigen Trends oder Reaktion auf kurzfristige Ereignisse ist, werden Auswertungen von Parteiprogrammen, Bevölkerungs- sowie Eliteumfragen über mehrere Jahrzehnte (teilweise seit den 1970er Jahren) analysiert. Die Themen „Einwanderung“ und „supranationale Integration“ werden dabei nicht nur über Zeit, sondern auch im Vergleich zu anderen Ländern betrachtet.
In Bezug auf Parteipositionen kann gezeigt werden, dass sich die AfD schon bei den Bundestagswahlen 2013 eindeutig stärker für die Abgrenzung nationalstaatlicher Grenzen ausgesprochen hat als alle anderen Parteien. In ihrem durchschnittlichen Fokus auf den Themenkomplex unterscheiden sich die Parteien Deutschlands nicht groß von anderen westeuropäischen Ländern. Allerdings war die Dynamik in Deutschland eine andere. Während in anderen westeuropäischen Ländern das Thema vor allem in den 1990er Jahren aufkam, erreichte es in Deutschland vor der Wiedervereinigung und seit den 2000er Jahren die größte Bedeutung.
In der Bevölkerung Deutschlands ist kein längerfristiger Trend zu ablehnenden Einstellungen im Hinblick auf Einwanderung und europäische Integration erkennbar. Im europäischen Vergleich liegen die Deutschen in ihren Einstellungen gegenüber Einwanderung etwa im Mittelfeld. Im Unterschied zu anderen Ländern waren die Deutschen ihrer Mitgliedschaft der EU gegenüber aber immer sehr positiv eingestellt – selbst im Zuge der Eurokrise. Die Nachfrage nach nationalkonservativen Positionen ist in den letzten Jahren in etwa stabil geblieben. Das Potenzial für rechtspopulistische Parteien war in dieser Hinsicht daher nicht höher als im europäischen Durchschnitt. Der Vergleich mit den Elitebefragungen zeigt, dass die Durchschnittsbevölkerung gegenüber Einwanderung und supranationaler Integration deutlich kritischer eingestellt ist als die Elite. Dies ist jedoch nicht nur ein deutsches, sondern ein internationales Phänomen. Ein solcher Unterschied kann erklären, weshalb die Gegenüberstellung von Eliten und Bevölkerung durch Rechtspopulisten für viele plausibel erscheint.

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Item Type:Published Research Report
Communities & Collections:06 Faculty of Arts > Institute of Political Science
Dewey Decimal Classification:320 Political science
Language:German
Date:2018
Deposited On:18 Dec 2018 13:36
Last Modified:24 Sep 2019 23:58
Publisher:Bertelsmann Stiftung
Number of Pages:36
Additional Information:Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung
OA Status:Closed
Official URL:https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/LW_Studie_2018_Wie_weltoffen_ist_Deutschland.pdf
Related URLs:https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/startseite/ (Organisation)

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