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Politiknetzwerke in der städtischen Drogenpolitik von Bern, Chur, St. Gallen und Zürich


Serdült, Uwe. Politiknetzwerke in der städtischen Drogenpolitik von Bern, Chur, St. Gallen und Zürich. 2003, University of Zurich, Faculty of Arts.

Abstract

Das Hauptthema dieser Dissertation ist die Beziehungen zwischen Staat und Gesell- schaft in der Phase der Politikformulierung. Von den verwendeten Ansätzen her reiht sich diese Arbeit in die Tradition der vergleichenden Policy-Forschung ein. Angelehnt an die Definition von Heidenheimer, Heclo und Adams versuche ich anhand der lokalen Drogenpolitik in der Schweiz zu ergründen, ob sich während eines politischen Entschei- dungsfindungsprozesses gewisse Regelmässigkeiten in den Akteurstrukturen auffinden und eventuell erklären lassen. Die vier Hauptfragenkomplexe für die zu untersuchenden Fälle lauten: 1) Gestaltet ein Politikbereich eine ihm eigene sektorale, charakteristische Akteurskons- tellation, die unter ähnlichen institutionellen Bedingungen über mehrere Fälle hinweg gleich oder zumindest sehr ähnlich ausgestaltet ist? 2) Welche Typen von Akteuren lassen sich innerhalb des selben Politikbereichs ausma- chen? Welche Akteure üben am meisten Einfluss aus? 3) Besteht in der Phase der Politikformulierung ein Zusammenhang zwischen dem Typ einer vor dem Entscheid stehender Massnahme und den vorgefundenen Akteursstruk- turen? 4) Für den Vergleich zwischen den ausgesuchten Entscheidungsfällen fragt sich, ob die vorgefundenen Akteursstrukturen innerhalb des selben Politikbereichs konstant sind, aufgrund des Massnahmentyps variieren oder je nach Fall unsystematisch vorkommen. Zu diesem Zweck untersuchte ich einerseits die von der Rechtsordnung und durch Wahlen legitimierten Entscheidungsträger und andererseits diejenigen Kräfte, die wäh- rend der politischen Auseinandersetzung ihren Einfluss auf die Entscheidungsträger geltend machen wollen. Welche intermediären Organisationen haben während der Poli- tikformulierung den grössten Einfluss auf die Entscheidungsträger und somit auf die Po- litikinhalte? Ich mache dabei die Annahme, dass vor allem Organisationen und nur in einem vernachlässigbaren Masse auch Einzelpersonen Einfluss auf politische Ent- scheidungen ausüben können. Politische Entscheide - in diesem Fall über drogenpoliti- sche Programme und Massnahmen - entsprechen somit einem Aushandlungsprozess zwischen Staat und Gesellschaft mittels intermediärer Organisationen, wie Parteien, Verbänden und Interessenorganisationen. Die Schweiz gilt punkto Drogenpolitik - und auch in anderen Politikbereichen - mit ihren sechsundzwanzig Kantonen als ein sozialpolitisch stark segregierter Raum. In der Schweiz sind die Behörden des Kantons in der Drogenpolitik bedingt durch Föderalis- mus und Subsidiarität für den Strafvollzug und das Gesundheitswesen zuständig, wäh- renddem in den Gemeinden vor allem die Amtsstellen des Sozial- und Fürsorgewesens gefordert sind. Diese Eigenheiten des politischen Systems der Schweiz haben bewirkt, dass sich in drogenpolitischen Belangen eine Vielzahl von Ansätzen und ein heteroge- nes Feld von gesellschaftlichen Akteuren herausgebildet haben. Da der Bund in Sachen Drogenpolitik gemäss dem eidgenössischen Betäubungsmittelgesetz in der Fassung von 1975 lediglich eine unterstützende Rolle spielt, sind die Konflikte zwischen den Kantonen selbst sowie zwischen den Kantonen und (städtischen) Gemeinden beson- ders ausgeprägt. Aus dieser Aufgabenteilung zwischen Bund, Kantonen und Gemein- den gehen bereits institutionell verursacht politische Konflikte zwischen den Behörden der drei Ebenen hervor. Weil es sich zudem beim Thema Drogenpolitik um einen stark mit Werten beladenen öffentlichen Diskurs handelt, verschärfen sich die systemimma- nenten Konflikte noch zusätzlich und werden bis weit in die politische Arena und an die Bevölkerung getragen. Für die Schweiz drängt sich deshalb ein Vergleich von lokalen Drogenpolitiken geradezu auf. Traditionell sind Vergleiche in der Politikwissenschaft eher als Ländervergleiche ange- legt. Für die Weiterentwicklung der Theorie ist es aber unter Umständen wichtiger auch sub-nationale Einheiten zu untersuchen oder gar vom Vergleich geographischer Einhei- ten wegzukommen. Insbesondere sollten in der vergleichenden Politikforschung ver- mehrt theoretische Konzepte der Policy-Forschung miteinbezogen werden. Peters (1998: 22) betont die Wichtigkeit des sub-nationalen Vergleichs gerade deswegen, weil das Potential für die Überprüfung von politikwissenschaftlichen Theorien oft grösser ist als bei einem Ländervergleich. Auch etablierte Standardwerke kleben am Länderver- gleich, obwohl sie sich der Wichtigkeit subnationaler Vergleiche eigentlich bewusst sind (Heidenheimer et al. 1990: 4). Der Vergleich von sub-nationalen Einheiten drängt sich auch deswegen auf, weil sich die vergleichende Politikforschung oft mit dem altbekann- ten Problem von zu vielen unabhängigen Variablen und zu wenigen Fällen konfrontiert sieht (Goggin 1986). Mit der jeweilen relativ kleinen Anzahl von Fällen, die innert nützli- cher Frist untersucht werden kann, fällt es oft schwer, die weniger wichtigen von den wichtigen unabhängigen Variablen zu trennen. Im theoretischen Teil werden zwei bisher weitgehend unabhängig voneinander abgehal- tene Theoriediskussionen zusammengeführt. Es handelt sich im ersten Teil um theore- tische Überlegungen von Theodore J. Lowi über den Zusammenhang von Policy-Typen und Macht- rsp. Einflussstrukturen in der politischen Arena. In Verbindung mit dem im zweiten Teil vorgestellten Ansatz der Politiknetzwerke können die Postulate Lowi's adä- quater empirisch untersucht und in Hypothesen umgesetzt werden als bisher. Die für die Fälle Bern, Chur, St. Gallen und Zürich abgegrenzten Politiknetzwerke sind dann mit Hilfe von Verfahren der Sozialen Netzwerkanalyse ausgewertet worden. Dabei spielte das Mass der Einflussreputation eine wichtige Rolle. Ich habe die Einflussreputa- tion nicht wie bei den Machtelite- Studien der sechziger und siebziger Jahre als eigen- ständiges Konzept, sondern nur noch als Mittel zum Zweck verwendet - zur Gewichtung der Akteure innerhalb der Politik- und Entscheidungsnetzwerke. Die Auswertung zeigt auf, dass die Dimensionen in der abhängigen Variable nur äuss- erst schwach variieren. Bei den Aktivitäten wies Zürich etwas mehr politische Einfluss- nahme auf als der Durchschnitt, in Bern betrug die Anzahl Akteure im Politiknetzwerk weniger als für eine grosse Stadt zu erwarten war, in St. Gallen war der parteipolitische Sektor einflussreicher als in den anderen Fällen. Insgesamt hat sich gezeigt, dass unter möglichst grosser Kontrolle externer Kontextvariablen innerhalb des Politikfeldes Dro- genpolitik sehr ähnliche Akteurstrukturen entstehen. Die wenige vorhandene Varianz kann am besten durch den Grösseneffekt erklärt werden. In grossen Städten sind die Politiknetzwerke grösser, stärker nach Sektoren ausdifferenziert und etwas stärker poli- tisiert. Mit zunehmender Grösser nimmt die Dichte der Beziehungen im Politiknetzwerk ab. Bei gleichbleibendem Informationsaustausch eines einzelnen Akteurs und steigen- der Anzahl Akteure im Netzwerk sinkt die Dichte automatisch. Dort wo die Grösse keine valable Erklärung für Varianz bieten kann, kommen als zweitwichtigste, erklärende Variable, die Verwaltungsstruktur und noch weniger wichtig die Parteienstruktur in Frage. Im Falle von Chur hat sich gezeigt, dass die im Vergleich zu den anderen drei Politiknetzwerken relativ junge aktive Drogenpolitik vermutlich für einige Besonderheiten verantwortlich gemacht werden kann. Die Entscheidungsnetzwerke hätten gemäss den theoretischen Erörterungen folgende Eigenschaften aufweisen sollen: a) für distributive Massnahmen wären kleine, homogene Gruppierungen, die sich vornehmlich auf den medizinisch-sozialen Sektor beschränken, zu erwarten gewesen. Staatliche Stellen der öffentlichen Verwaltung haben die zentralen Positionen inne. Die Anzahl der Akteure ist eher klein. b) bei sozial-regulativen Massnahmen stehen sich oft zwei Koalitionen gegenüber. Die Akteure bestehen zu einem wesentlichen Teil aus Interessengruppen, Parteien und single-issue Gruppierungen. c) konstitutive Massnahmen zeichnen sich dadurch aus, dass lediglich wenige, aber oft hochrangige Stellen der Verwaltung am Entscheid beteiligt sind. Die Schlussbilanz für die Auswertungen bezüglich der vierzehn nach gleichem Schema wie bei den Politiknetzwerken untersuchten Entscheidungsnetzwerke ist sehr durchzogen. Für einige Dimensionen der Entscheidungsnetzwerke bietet der Mass- nahmentyp eine valable Erklärung der vorgefundenen Varianz (insbesondere Anzahl Organisationen, Staat-Gesellschaft, Dichte). Für fast alle Dimensionen üben jedoch die Eigenschaften des Politiknetzwerks den prägenderen Eindruck auf die Entscheidungs- netzwerke aus. Oft entsprachen Entscheidungsnetzwerke einem kleineren Abbild des Politiknetzwerkes. Als Fazit lässt sich festhalten, dass die Variable Massnahmentyp einen weniger starken Effekt auf die Akteurstrukturen in Entscheidungsnetzwerken ausübt, als aufgrund der theoretischen Ausführungen zu erwarten war. Die klassische Hypothese von Theodore J. Lowi, nach der ein Policy-Typ die Struktur der politischen Auseinandersetzung – hier operationalisiert als Politik- und Entscheidungsnetzwerke – determiniert, konnte für die ausgesuchten Fälle im Bereich der schweizerischen Drogenpolitik falsifiziert werden.

The broader subject of this research project is the relation between the state and the society in the formulation stage of policies. In the tradition of the comparative public pol- icy approach I try to find out whether there are certain patterns in the structure of politi- cal actors during a decision-making process and whether these structures can be ex- plained. In order to do this I have chosen to look at local drug policies in Switzerland. In the domain of drug policy, as in many others, Switzerland with its twenty-six cantons is a strongly segregated space. In Switzerland, caused by federalism and subsidiarity the cantonal authorities are in charge of health care and criminal justice, whereas in the communes especially welfare departments are responsible for the implementation of drug policies. These peculiarities of the Swiss political system have had the effect that for drug policy related issues a multitude of approaches and a heterogeneous field of societal actors have emerged. According to the Federal Drug Law in its version of 1975, federal authorities play but a supporting role in the domain of drug policy. That is one of the reasons why conflichts are most acute among the cantons, and between cantons and (urban) communes. This division of authority between federal, cantonal and com- munal level causes conflict between offices of these three levels by the institutional ar- rangement already. These systemic conflicts further deepen and are carried into the po- litical arena and via mass media to the citizens because drug policy is an issue heavily loaded with norms and values. Therefore, in Switzerland it is most interesting and for institutional reasons imperative to make a comparison of local drug policies. The following four main questions were investigated: 1) Does a policy domain create its own sectoral, characteristic constellation of political actors and is this constellation equal or at least similar across cases with similar institu- tional conditions? 2) Which types of political actors can be found within the same policy domain across cases? Which political actors have the most influence? 3) Can we detect a relationship between the type of a policy and the constellation of po- litical actors in the formulation phase of policy-making? 4) For the comparison between selected decisions we can ask whether the constella- tions of political actors within the same policy domain are constant, vary according to policy types, or unsystematically. In order to find answers to my research questions I looked at decision makers legiti- mated by the law and elections on one hand and at political forces who try to influence them during the political struggle on the other hand. Which interest organizations have the biggest influence on the decision makers and on the content of policies during the phase of decision-making? I make the assumption that organizations can exercise a bigger influence on political decisions than individuals. In the theoretical part I couple two so far independently conducted discussions. The first part deals with reflections by Theodore J. Lowi about the relationship between policy types and influence structures in the political arena, the second with the policy network approach. Combined with the policy network approach Lowi's hypotheses can be tested empirically. The policy networks for the cases of Bern, Chur, St. Gallen, and Zurich were analyzed with the help of social network analysis. The measure of influence reputation is of major importance. Influence reputation has not been used - like in the power elite studies of the 60s and 70s - as a concept of its own but rather as a tool to weight the political ac- tors within a policy or decision-making network. The results regarding the four policy networks show only slight variations for the several indicators I use. The activities of the organizations Zurich showed a bit more of lobbying than average, in Bern the number of organizations in the policy network was lower than expected for a big city, in St. Gallen the political party sector was more influential than in the other cases. Overall, it could be showed that under the most possible control of ex- ternal context variables very similar structures emerge within the same policy domain. The little variance I found can best be explained by a size effect. In big cities policy net- works tend to comprise more actors, be more sectoral and polarized. In addition to the 4 local policy networks representing the policy domain as a whole, I also investigated 14 decision-making networks. According to Lowi's theoretical reason- ing they should have displayed the following features: a) For distributive policies I expected small, homogenous groupings mainly belong- ing to the medico- welfare sector. Governmental actors ought to be most central. The number of actors would be rather small. b) Social-regulatory policies would be characterized by two opposing coalitions. The actors are to a great extent interest groups, political parties and single-issue groups. c) Consitituent policies result networks comprising a few but highly ranked govern- mental organizations participating in decision-making. For almost all structural dimensions of the decision-making networks the features of the policy domain network had a decisive influence. For most cases the decision-making networks represent a smaller image of the policy domain network. As a tentative con- clusion I can state that the influence of the type of a policy is less strong than expected. The classical hypothesis of Theodore J. Lowi according to which policy determines poli- tics – politics operationalized as policy networks – can be falsified.

Abstract

Das Hauptthema dieser Dissertation ist die Beziehungen zwischen Staat und Gesell- schaft in der Phase der Politikformulierung. Von den verwendeten Ansätzen her reiht sich diese Arbeit in die Tradition der vergleichenden Policy-Forschung ein. Angelehnt an die Definition von Heidenheimer, Heclo und Adams versuche ich anhand der lokalen Drogenpolitik in der Schweiz zu ergründen, ob sich während eines politischen Entschei- dungsfindungsprozesses gewisse Regelmässigkeiten in den Akteurstrukturen auffinden und eventuell erklären lassen. Die vier Hauptfragenkomplexe für die zu untersuchenden Fälle lauten: 1) Gestaltet ein Politikbereich eine ihm eigene sektorale, charakteristische Akteurskons- tellation, die unter ähnlichen institutionellen Bedingungen über mehrere Fälle hinweg gleich oder zumindest sehr ähnlich ausgestaltet ist? 2) Welche Typen von Akteuren lassen sich innerhalb des selben Politikbereichs ausma- chen? Welche Akteure üben am meisten Einfluss aus? 3) Besteht in der Phase der Politikformulierung ein Zusammenhang zwischen dem Typ einer vor dem Entscheid stehender Massnahme und den vorgefundenen Akteursstruk- turen? 4) Für den Vergleich zwischen den ausgesuchten Entscheidungsfällen fragt sich, ob die vorgefundenen Akteursstrukturen innerhalb des selben Politikbereichs konstant sind, aufgrund des Massnahmentyps variieren oder je nach Fall unsystematisch vorkommen. Zu diesem Zweck untersuchte ich einerseits die von der Rechtsordnung und durch Wahlen legitimierten Entscheidungsträger und andererseits diejenigen Kräfte, die wäh- rend der politischen Auseinandersetzung ihren Einfluss auf die Entscheidungsträger geltend machen wollen. Welche intermediären Organisationen haben während der Poli- tikformulierung den grössten Einfluss auf die Entscheidungsträger und somit auf die Po- litikinhalte? Ich mache dabei die Annahme, dass vor allem Organisationen und nur in einem vernachlässigbaren Masse auch Einzelpersonen Einfluss auf politische Ent- scheidungen ausüben können. Politische Entscheide - in diesem Fall über drogenpoliti- sche Programme und Massnahmen - entsprechen somit einem Aushandlungsprozess zwischen Staat und Gesellschaft mittels intermediärer Organisationen, wie Parteien, Verbänden und Interessenorganisationen. Die Schweiz gilt punkto Drogenpolitik - und auch in anderen Politikbereichen - mit ihren sechsundzwanzig Kantonen als ein sozialpolitisch stark segregierter Raum. In der Schweiz sind die Behörden des Kantons in der Drogenpolitik bedingt durch Föderalis- mus und Subsidiarität für den Strafvollzug und das Gesundheitswesen zuständig, wäh- renddem in den Gemeinden vor allem die Amtsstellen des Sozial- und Fürsorgewesens gefordert sind. Diese Eigenheiten des politischen Systems der Schweiz haben bewirkt, dass sich in drogenpolitischen Belangen eine Vielzahl von Ansätzen und ein heteroge- nes Feld von gesellschaftlichen Akteuren herausgebildet haben. Da der Bund in Sachen Drogenpolitik gemäss dem eidgenössischen Betäubungsmittelgesetz in der Fassung von 1975 lediglich eine unterstützende Rolle spielt, sind die Konflikte zwischen den Kantonen selbst sowie zwischen den Kantonen und (städtischen) Gemeinden beson- ders ausgeprägt. Aus dieser Aufgabenteilung zwischen Bund, Kantonen und Gemein- den gehen bereits institutionell verursacht politische Konflikte zwischen den Behörden der drei Ebenen hervor. Weil es sich zudem beim Thema Drogenpolitik um einen stark mit Werten beladenen öffentlichen Diskurs handelt, verschärfen sich die systemimma- nenten Konflikte noch zusätzlich und werden bis weit in die politische Arena und an die Bevölkerung getragen. Für die Schweiz drängt sich deshalb ein Vergleich von lokalen Drogenpolitiken geradezu auf. Traditionell sind Vergleiche in der Politikwissenschaft eher als Ländervergleiche ange- legt. Für die Weiterentwicklung der Theorie ist es aber unter Umständen wichtiger auch sub-nationale Einheiten zu untersuchen oder gar vom Vergleich geographischer Einhei- ten wegzukommen. Insbesondere sollten in der vergleichenden Politikforschung ver- mehrt theoretische Konzepte der Policy-Forschung miteinbezogen werden. Peters (1998: 22) betont die Wichtigkeit des sub-nationalen Vergleichs gerade deswegen, weil das Potential für die Überprüfung von politikwissenschaftlichen Theorien oft grösser ist als bei einem Ländervergleich. Auch etablierte Standardwerke kleben am Länderver- gleich, obwohl sie sich der Wichtigkeit subnationaler Vergleiche eigentlich bewusst sind (Heidenheimer et al. 1990: 4). Der Vergleich von sub-nationalen Einheiten drängt sich auch deswegen auf, weil sich die vergleichende Politikforschung oft mit dem altbekann- ten Problem von zu vielen unabhängigen Variablen und zu wenigen Fällen konfrontiert sieht (Goggin 1986). Mit der jeweilen relativ kleinen Anzahl von Fällen, die innert nützli- cher Frist untersucht werden kann, fällt es oft schwer, die weniger wichtigen von den wichtigen unabhängigen Variablen zu trennen. Im theoretischen Teil werden zwei bisher weitgehend unabhängig voneinander abgehal- tene Theoriediskussionen zusammengeführt. Es handelt sich im ersten Teil um theore- tische Überlegungen von Theodore J. Lowi über den Zusammenhang von Policy-Typen und Macht- rsp. Einflussstrukturen in der politischen Arena. In Verbindung mit dem im zweiten Teil vorgestellten Ansatz der Politiknetzwerke können die Postulate Lowi's adä- quater empirisch untersucht und in Hypothesen umgesetzt werden als bisher. Die für die Fälle Bern, Chur, St. Gallen und Zürich abgegrenzten Politiknetzwerke sind dann mit Hilfe von Verfahren der Sozialen Netzwerkanalyse ausgewertet worden. Dabei spielte das Mass der Einflussreputation eine wichtige Rolle. Ich habe die Einflussreputa- tion nicht wie bei den Machtelite- Studien der sechziger und siebziger Jahre als eigen- ständiges Konzept, sondern nur noch als Mittel zum Zweck verwendet - zur Gewichtung der Akteure innerhalb der Politik- und Entscheidungsnetzwerke. Die Auswertung zeigt auf, dass die Dimensionen in der abhängigen Variable nur äuss- erst schwach variieren. Bei den Aktivitäten wies Zürich etwas mehr politische Einfluss- nahme auf als der Durchschnitt, in Bern betrug die Anzahl Akteure im Politiknetzwerk weniger als für eine grosse Stadt zu erwarten war, in St. Gallen war der parteipolitische Sektor einflussreicher als in den anderen Fällen. Insgesamt hat sich gezeigt, dass unter möglichst grosser Kontrolle externer Kontextvariablen innerhalb des Politikfeldes Dro- genpolitik sehr ähnliche Akteurstrukturen entstehen. Die wenige vorhandene Varianz kann am besten durch den Grösseneffekt erklärt werden. In grossen Städten sind die Politiknetzwerke grösser, stärker nach Sektoren ausdifferenziert und etwas stärker poli- tisiert. Mit zunehmender Grösser nimmt die Dichte der Beziehungen im Politiknetzwerk ab. Bei gleichbleibendem Informationsaustausch eines einzelnen Akteurs und steigen- der Anzahl Akteure im Netzwerk sinkt die Dichte automatisch. Dort wo die Grösse keine valable Erklärung für Varianz bieten kann, kommen als zweitwichtigste, erklärende Variable, die Verwaltungsstruktur und noch weniger wichtig die Parteienstruktur in Frage. Im Falle von Chur hat sich gezeigt, dass die im Vergleich zu den anderen drei Politiknetzwerken relativ junge aktive Drogenpolitik vermutlich für einige Besonderheiten verantwortlich gemacht werden kann. Die Entscheidungsnetzwerke hätten gemäss den theoretischen Erörterungen folgende Eigenschaften aufweisen sollen: a) für distributive Massnahmen wären kleine, homogene Gruppierungen, die sich vornehmlich auf den medizinisch-sozialen Sektor beschränken, zu erwarten gewesen. Staatliche Stellen der öffentlichen Verwaltung haben die zentralen Positionen inne. Die Anzahl der Akteure ist eher klein. b) bei sozial-regulativen Massnahmen stehen sich oft zwei Koalitionen gegenüber. Die Akteure bestehen zu einem wesentlichen Teil aus Interessengruppen, Parteien und single-issue Gruppierungen. c) konstitutive Massnahmen zeichnen sich dadurch aus, dass lediglich wenige, aber oft hochrangige Stellen der Verwaltung am Entscheid beteiligt sind. Die Schlussbilanz für die Auswertungen bezüglich der vierzehn nach gleichem Schema wie bei den Politiknetzwerken untersuchten Entscheidungsnetzwerke ist sehr durchzogen. Für einige Dimensionen der Entscheidungsnetzwerke bietet der Mass- nahmentyp eine valable Erklärung der vorgefundenen Varianz (insbesondere Anzahl Organisationen, Staat-Gesellschaft, Dichte). Für fast alle Dimensionen üben jedoch die Eigenschaften des Politiknetzwerks den prägenderen Eindruck auf die Entscheidungs- netzwerke aus. Oft entsprachen Entscheidungsnetzwerke einem kleineren Abbild des Politiknetzwerkes. Als Fazit lässt sich festhalten, dass die Variable Massnahmentyp einen weniger starken Effekt auf die Akteurstrukturen in Entscheidungsnetzwerken ausübt, als aufgrund der theoretischen Ausführungen zu erwarten war. Die klassische Hypothese von Theodore J. Lowi, nach der ein Policy-Typ die Struktur der politischen Auseinandersetzung – hier operationalisiert als Politik- und Entscheidungsnetzwerke – determiniert, konnte für die ausgesuchten Fälle im Bereich der schweizerischen Drogenpolitik falsifiziert werden.

The broader subject of this research project is the relation between the state and the society in the formulation stage of policies. In the tradition of the comparative public pol- icy approach I try to find out whether there are certain patterns in the structure of politi- cal actors during a decision-making process and whether these structures can be ex- plained. In order to do this I have chosen to look at local drug policies in Switzerland. In the domain of drug policy, as in many others, Switzerland with its twenty-six cantons is a strongly segregated space. In Switzerland, caused by federalism and subsidiarity the cantonal authorities are in charge of health care and criminal justice, whereas in the communes especially welfare departments are responsible for the implementation of drug policies. These peculiarities of the Swiss political system have had the effect that for drug policy related issues a multitude of approaches and a heterogeneous field of societal actors have emerged. According to the Federal Drug Law in its version of 1975, federal authorities play but a supporting role in the domain of drug policy. That is one of the reasons why conflichts are most acute among the cantons, and between cantons and (urban) communes. This division of authority between federal, cantonal and com- munal level causes conflict between offices of these three levels by the institutional ar- rangement already. These systemic conflicts further deepen and are carried into the po- litical arena and via mass media to the citizens because drug policy is an issue heavily loaded with norms and values. Therefore, in Switzerland it is most interesting and for institutional reasons imperative to make a comparison of local drug policies. The following four main questions were investigated: 1) Does a policy domain create its own sectoral, characteristic constellation of political actors and is this constellation equal or at least similar across cases with similar institu- tional conditions? 2) Which types of political actors can be found within the same policy domain across cases? Which political actors have the most influence? 3) Can we detect a relationship between the type of a policy and the constellation of po- litical actors in the formulation phase of policy-making? 4) For the comparison between selected decisions we can ask whether the constella- tions of political actors within the same policy domain are constant, vary according to policy types, or unsystematically. In order to find answers to my research questions I looked at decision makers legiti- mated by the law and elections on one hand and at political forces who try to influence them during the political struggle on the other hand. Which interest organizations have the biggest influence on the decision makers and on the content of policies during the phase of decision-making? I make the assumption that organizations can exercise a bigger influence on political decisions than individuals. In the theoretical part I couple two so far independently conducted discussions. The first part deals with reflections by Theodore J. Lowi about the relationship between policy types and influence structures in the political arena, the second with the policy network approach. Combined with the policy network approach Lowi's hypotheses can be tested empirically. The policy networks for the cases of Bern, Chur, St. Gallen, and Zurich were analyzed with the help of social network analysis. The measure of influence reputation is of major importance. Influence reputation has not been used - like in the power elite studies of the 60s and 70s - as a concept of its own but rather as a tool to weight the political ac- tors within a policy or decision-making network. The results regarding the four policy networks show only slight variations for the several indicators I use. The activities of the organizations Zurich showed a bit more of lobbying than average, in Bern the number of organizations in the policy network was lower than expected for a big city, in St. Gallen the political party sector was more influential than in the other cases. Overall, it could be showed that under the most possible control of ex- ternal context variables very similar structures emerge within the same policy domain. The little variance I found can best be explained by a size effect. In big cities policy net- works tend to comprise more actors, be more sectoral and polarized. In addition to the 4 local policy networks representing the policy domain as a whole, I also investigated 14 decision-making networks. According to Lowi's theoretical reason- ing they should have displayed the following features: a) For distributive policies I expected small, homogenous groupings mainly belong- ing to the medico- welfare sector. Governmental actors ought to be most central. The number of actors would be rather small. b) Social-regulatory policies would be characterized by two opposing coalitions. The actors are to a great extent interest groups, political parties and single-issue groups. c) Consitituent policies result networks comprising a few but highly ranked govern- mental organizations participating in decision-making. For almost all structural dimensions of the decision-making networks the features of the policy domain network had a decisive influence. For most cases the decision-making networks represent a smaller image of the policy domain network. As a tentative con- clusion I can state that the influence of the type of a policy is less strong than expected. The classical hypothesis of Theodore J. Lowi according to which policy determines poli- tics – politics operationalized as policy networks – can be falsified.

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Item Type:Dissertation (monographical)
Referees:Klöti Ulrich
Communities & Collections:UZH Dissertations
Dewey Decimal Classification:Unspecified
Uncontrolled Keywords:Drogenpolitik, Politisches Netzwerk, Bern, Chur, Sankt Gallen, Zürich
Language:German
Place of Publication:Zürich
Date:2003
Deposited On:02 May 2019 13:51
Last Modified:15 Apr 2021 14:57
Number of Pages:263
OA Status:Green

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