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Ringen um epistemische Souveränität : zur politischen Theorie der Technologiegesellschaft


Maranta, Alessandro. Ringen um epistemische Souveränität : zur politischen Theorie der Technologiegesellschaft. 2006, University of Zurich, Faculty of Arts.

Abstract

Laut Habermas' These in Faktizität und Geltung befindet sich der Rechtsstaat in einer Krise: Die Fortbildung des Rechts im Rahmen des Vollzugs durch die Verwaltungen ist häufig unzureichend legitimiert. Diese Krise wird an der Regulation von Technologien besonders deutlich. Die Abhandlung rückt die demokratietheoretisch bedeutsame Frage ins Zentrum, gemäss welchen Kriterien Sachverhalte für den Vollzug einer Rechtsnorm als rechtserheblich qualifiziert werden. Die Legitimationsprobleme betreffen folglich die epistemische Ausgestaltung des Rechts. Diesem epistemischen Aspekt des Rechts wird bislang in der politischen Philosophie, die sich auf die demokratische Legitimation der Rechtsnormen konzentriert, zuwenig Beachtung geschenkt (erster Teil). Die Rechtswirklichkeit wird vom Souverän gestaltet: demokratisch, indem Mehrheitsentscheide Rechtsnormen begründen; epistemisch, indem ein sachlich angemessener Vollzug des Rechts angestrebt wird. Für den Vollzug ist entscheidend, in welchen Handlungszusammenhang die Rechtsvorschrift gestellt wird. Bei Regulationen von Technologien genügt der technische Blickwinkel nicht, da das Recht nicht eine technische sondern eine gesellschaftliche Ordnung schützen soll. Die epistemische Souveränität ist daher mit Fachwissen allein nicht gesichert. Bezugspunkt des Vollzugs und damit der epistemischen Souveränität sind deshalb vielfältige praktische Zusammenhänge, die einer Technologie gesellschaftliche Wirklichkeit verleihen. Ausgehend von den Arbeiten von Mary Douglas sowie Luc Boltanski und Laurent Thévenot werden in diesem Sinne die epistemischen Aspekte des Rechts erörtert (zweiter Teil). Schliesslich werden allgemeine Kriterien für die Legitimität der Rechtsfortbildung im Vollzug begründet: Erstens gilt, dass für die Rechtswirklichkeit massgebliche Zusammenhänge nicht ausgeblendet werden dürfen. Aus diesem Grund genügt etwa eine rein technische Beurteilung des Vollzugs nicht. Zweitens dürfen Werte bei der effizienten Umsetzung von Rechtsnormen insoweit einfliessen, als sie Ausdruck einer verbreiteten und durch die Norm gestützten Werthaltung sind. Auch hier eröffnet sich ein erweiterter Spielraum gegenüber einer bloss sachtechnisch argumentierenden Rechtsfortbildung. Der Rechtsfortbildung sind aber Grenzen zu setzen. Denn drittens ist eine Änderung des Vollzugs nur dann zulässig (ohne vorausgehende Revision der Rechtsnormen), wenn nachher niemand über weniger Rechte in der Rechtswirklichkeit verfügt als vor der Anpassung des Vollzugs (zweiter und dritter Teil).

According to Habermas' thesis in Between Facts and Norms the modern state faces a legal crisis: The further shaping of the law by ways of the administrative enforcement is often poorly legitimated. This crisis is particularly evident with the regulation of technologies. The discussion in this thesis focuses on the question most pertinent for a sound theory of democracy: According to which criteria is the legally relevant state of facts qualified by the administration? Thus, the crisis concerns the epistemic shaping of the law. So far this epistemic aspect of the law is being neglected in political philosophy, which is concentrating on the democratic legitimacy of legal norms (first part). The sovereign is shaping the reality of the law: democratically by legal norms based on the rule of majority; epistemically by aiming at an enforcement that is adequate and pertinent to the facts. It is therefore important in which context the administrators interprets and enforces a regulation. In particular a technical view on the regulation of technologies is not sufficient because the law aims at securing a social, not a technical system. Therefore epistemic sovereignty is not warranted by scientific expertise only. Hence reference should be made to the manifold practical system that provides the societal reality of a technology, when enforcing regulations. In this sense the epistemic aspects of the law are analysed based on the work of Mary Douglas as well as Luc Boltanski and Laurent Thévenot (second part). Finally general criteria for the legitimacy of the shaping of the law by administration are justified: First, state of affairs that are relevant for the practical reality of the law must not be neglected. Consequently a purely technical view on the enforcement is not sufficient. Second, values may influence the administrators' selection of legally relevant states of facts as they are commonly accepted and confirmed by the norm. This again opens the scope beyond an enforcement that is based on technical considerations only. However, there must be limitations to the shaping of the enforcement and of the law. According to the third criterion a change of the administration's practice is legitimate (without previous revision of the legal norms) only if the rights of nobody, as they are guaranteed in the current practice of the law, are being diminished by the change (second and third part).

Abstract

Laut Habermas' These in Faktizität und Geltung befindet sich der Rechtsstaat in einer Krise: Die Fortbildung des Rechts im Rahmen des Vollzugs durch die Verwaltungen ist häufig unzureichend legitimiert. Diese Krise wird an der Regulation von Technologien besonders deutlich. Die Abhandlung rückt die demokratietheoretisch bedeutsame Frage ins Zentrum, gemäss welchen Kriterien Sachverhalte für den Vollzug einer Rechtsnorm als rechtserheblich qualifiziert werden. Die Legitimationsprobleme betreffen folglich die epistemische Ausgestaltung des Rechts. Diesem epistemischen Aspekt des Rechts wird bislang in der politischen Philosophie, die sich auf die demokratische Legitimation der Rechtsnormen konzentriert, zuwenig Beachtung geschenkt (erster Teil). Die Rechtswirklichkeit wird vom Souverän gestaltet: demokratisch, indem Mehrheitsentscheide Rechtsnormen begründen; epistemisch, indem ein sachlich angemessener Vollzug des Rechts angestrebt wird. Für den Vollzug ist entscheidend, in welchen Handlungszusammenhang die Rechtsvorschrift gestellt wird. Bei Regulationen von Technologien genügt der technische Blickwinkel nicht, da das Recht nicht eine technische sondern eine gesellschaftliche Ordnung schützen soll. Die epistemische Souveränität ist daher mit Fachwissen allein nicht gesichert. Bezugspunkt des Vollzugs und damit der epistemischen Souveränität sind deshalb vielfältige praktische Zusammenhänge, die einer Technologie gesellschaftliche Wirklichkeit verleihen. Ausgehend von den Arbeiten von Mary Douglas sowie Luc Boltanski und Laurent Thévenot werden in diesem Sinne die epistemischen Aspekte des Rechts erörtert (zweiter Teil). Schliesslich werden allgemeine Kriterien für die Legitimität der Rechtsfortbildung im Vollzug begründet: Erstens gilt, dass für die Rechtswirklichkeit massgebliche Zusammenhänge nicht ausgeblendet werden dürfen. Aus diesem Grund genügt etwa eine rein technische Beurteilung des Vollzugs nicht. Zweitens dürfen Werte bei der effizienten Umsetzung von Rechtsnormen insoweit einfliessen, als sie Ausdruck einer verbreiteten und durch die Norm gestützten Werthaltung sind. Auch hier eröffnet sich ein erweiterter Spielraum gegenüber einer bloss sachtechnisch argumentierenden Rechtsfortbildung. Der Rechtsfortbildung sind aber Grenzen zu setzen. Denn drittens ist eine Änderung des Vollzugs nur dann zulässig (ohne vorausgehende Revision der Rechtsnormen), wenn nachher niemand über weniger Rechte in der Rechtswirklichkeit verfügt als vor der Anpassung des Vollzugs (zweiter und dritter Teil).

According to Habermas' thesis in Between Facts and Norms the modern state faces a legal crisis: The further shaping of the law by ways of the administrative enforcement is often poorly legitimated. This crisis is particularly evident with the regulation of technologies. The discussion in this thesis focuses on the question most pertinent for a sound theory of democracy: According to which criteria is the legally relevant state of facts qualified by the administration? Thus, the crisis concerns the epistemic shaping of the law. So far this epistemic aspect of the law is being neglected in political philosophy, which is concentrating on the democratic legitimacy of legal norms (first part). The sovereign is shaping the reality of the law: democratically by legal norms based on the rule of majority; epistemically by aiming at an enforcement that is adequate and pertinent to the facts. It is therefore important in which context the administrators interprets and enforces a regulation. In particular a technical view on the regulation of technologies is not sufficient because the law aims at securing a social, not a technical system. Therefore epistemic sovereignty is not warranted by scientific expertise only. Hence reference should be made to the manifold practical system that provides the societal reality of a technology, when enforcing regulations. In this sense the epistemic aspects of the law are analysed based on the work of Mary Douglas as well as Luc Boltanski and Laurent Thévenot (second part). Finally general criteria for the legitimacy of the shaping of the law by administration are justified: First, state of affairs that are relevant for the practical reality of the law must not be neglected. Consequently a purely technical view on the enforcement is not sufficient. Second, values may influence the administrators' selection of legally relevant states of facts as they are commonly accepted and confirmed by the norm. This again opens the scope beyond an enforcement that is based on technical considerations only. However, there must be limitations to the shaping of the enforcement and of the law. According to the third criterion a change of the administration's practice is legitimate (without previous revision of the legal norms) only if the rights of nobody, as they are guaranteed in the current practice of the law, are being diminished by the change (second and third part).

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Item Type:Dissertation (monographical)
Referees:Kohler Georg, Nowotny Helga
Communities & Collections:UZH Dissertations
Dewey Decimal Classification:Unspecified
Language:German
Place of Publication:Zürich
Date:2006
Deposited On:06 Jun 2019 12:54
Last Modified:25 Sep 2019 00:11
Number of Pages:332
OA Status:Green
Related URLs:https://www.recherche-portal.ch/primo-explore/fulldisplay?docid=ebi01_prod005164065&context=L&vid=ZAD&search_scope=default_scope&tab=default_tab&lang=de_DE (Library Catalogue)

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Language: German
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