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Die rationale Entscheidung : eine psychologisch begründete Alternative zur Prospect Theory


Bänninger, Lukas. Die rationale Entscheidung : eine psychologisch begründete Alternative zur Prospect Theory. 2009, University of Zurich, Faculty of Arts.

Abstract

Die Prospect Theory von Kahneman & Tversky gilt als einflussreichste Theorie, um menschliches Risikoverhalten zu erklären. Sie beschreibt systematische Abweichungen von der klassischen („rationalen“) Verhaltensnorm eines nutzenmaximierenden Individuums, verbleibt jedoch normativ im klassischen Ansatz eines Homo Oeconomicus-Modells. In dieser Arbeit werden die Grundprämissen der Prospect Theory kritisch hinterfragt. Es wird aufgezeigt, dass die Theorie, die auf empirischen Daten aus hypothetischen Entscheidungsaufgaben ohne Situationskontext aufgebaut ist, nicht als situationsübergreifende Theorie betrachtet werden darf, denn in natürlichen Situationen macht die Theorie unzuverlässige Voraussagen. Zudem muss der psychologische Erklärungswert der Theorie in Frage gestellt werden, denn es wird in dieser Arbeit empirisch aufgezeigt, dass ein grosser Teil der Menschen das Konzept des Erwartungswerts – die Grundlage der klassischen Verhaltensnorm – nicht versteht und nicht anwenden kann. Aufgrund dieser Befunde wird eine alternative, echt psychologische Theorie entwickelt, die jede Entscheidung vorgängig in eine motivational definierte Situationsklasse bringt und aus dieser heraus die Optionen evaluiert (Theorie der motivationalen Rationalität). Die Resultate der Experimente der Prospect Theory können mit dieser Theorie als rationale Entscheidungen erklärt werden, indem die hypothetischen Entscheidungsaufgaben motivational bedingten Situationsklassen zugeordnet werden. So werden Gewinnsituationen mit zwei Wahlmöglichkeiten mit kleinen Wahrscheinlichkeiten als Statusgewinn gruppiert, denn Statusgüter sind definitionsgemäss nur wenigen Mitgliedern einer Population vorbehalten, die typischen Wahlmöglichkeiten haben demnach kleine Wahrscheinlichkeiten. In solchen Situationen wählen Probanden die (riskantere) Alternative, die den höheren Status verspricht. In homöostatischen Situationen hingegen achten Personen darauf, mit maximaler Wahrscheinlichkeit den überlebenswichtigen Gewinn einzustreichen. Und da der Mensch normalerweise seine Grundbedürfnisse befriedigen kann, haben die typischen Wahlmöglichkeiten solcher Situationen grosse Wahrscheinlichkeiten. Die Hypothese ist nun, dass Probanden in den numerischen Entscheidungsexperimenten der Prospect Theory Wahlmöglichkeiten mit grossen Wahrscheinlichkeiten als repräsentativ für die homöostatische Situationsklasse wahrnehmen, während Wahlmöglichkeiten mit kleinen Wahrscheinlichkeiten repräsentativ für die Status-Klasse erscheinen. Dementsprechend fällt die Entscheidung genau so aus, wie bei den hypothetischen Experimenten der Prospect Theory beobachtet: Bei kleinen Wahrscheinlichkeiten risikogeneigt, bei grossen auf Sicherheit bedacht. Im letzten Teil dieser Arbeit wird die vorgängig erarbeitete Theorie der motivationalen Rationalität mit unterschiedlichen Methoden empirisch geprüft und mit der Prospect Theory als Vertreterin der Erwartungswerttheorien verglichen. Die Resultate zeigen, dass ein paradigmatisches Umdenken in der Entscheidungsforschung hin zu einer evolutionspsychologisch begründeten und situationsspezifischen Erklärung des menschlichen Entscheidungsverhalten zu fruchtbareren Resultaten führt.

Prospect Theory by Kahneman & Tversky is regarded as the most influential theory to explain human risk-taking behaviour. The theory describes the systematic deviations of an individual, seeking to maximise benefit, from the classic (“rational”) code of conduct. However, the theory normatively remains in the traditional approach of a Homo Oeconomicus-Model. This dissertation questions the basic tenets of Prospect Theory and seeks to identify the reasons why Prospect Theory, which has been formulated on the basis of empirical data from hypothetical decision making experiments without situational context, should not be seen as a domain-general theory because it leads to unreliable predictions in real situations. Furthermore, the psychological explanatory value of the theory can be called into question since empirical research has shown that most people neither understand nor apply the concept of expected value—the foundation of the classic code of conduct. Based on these findings an alternative, genuinely psychological theory has been developed that considers each decision in the light of motivationally defined situations (Motivational Rationality Theory). The results yielded by the experiments of Prospect Theory can be explained by means of this theory as rational decisions in that the hypothetical decision making tasks are assigned to situation classes of motivational character. Chances of winning that are low in probability are classified as status gain. Respondents choose in such situations the (riskier) alternative that promises a rise in status. Status goods are by definition only available to the minority of a population, the typical options are therefore low in probability. However, in homeostatic situations people make sure to obtain the vital gain with maximum probability. And since humans are normally capable of satisfying their basic needs, the typical options in such situations are high in probability. Thus, the hypothesis is that respondents in numeric decision making experiments perceive possible options that are high in probability as representative of the homeostatic situation class, whereas possible decisions that are low in probability appear as representative of the status situation class. The decision is made accordingly: in case of low probability risk-acceptant, in case of high probability risk-averse. This is exactly the same behavioural pattern as observed in the experiments of Prospect Theory. The last part of this dissertation is concerned with empirically testing and verifying Motivational Rationality Theory and comparing this theory with Prospect Theory, which can be seen as a representative of expected value theories in general. The results show that a paradigmatic rethinking in decision making research towards finding explanations that take evolutionary psychological circumstances and context specific factors in human decision making processes into account will lead to more fruitful findings.

Abstract

Die Prospect Theory von Kahneman & Tversky gilt als einflussreichste Theorie, um menschliches Risikoverhalten zu erklären. Sie beschreibt systematische Abweichungen von der klassischen („rationalen“) Verhaltensnorm eines nutzenmaximierenden Individuums, verbleibt jedoch normativ im klassischen Ansatz eines Homo Oeconomicus-Modells. In dieser Arbeit werden die Grundprämissen der Prospect Theory kritisch hinterfragt. Es wird aufgezeigt, dass die Theorie, die auf empirischen Daten aus hypothetischen Entscheidungsaufgaben ohne Situationskontext aufgebaut ist, nicht als situationsübergreifende Theorie betrachtet werden darf, denn in natürlichen Situationen macht die Theorie unzuverlässige Voraussagen. Zudem muss der psychologische Erklärungswert der Theorie in Frage gestellt werden, denn es wird in dieser Arbeit empirisch aufgezeigt, dass ein grosser Teil der Menschen das Konzept des Erwartungswerts – die Grundlage der klassischen Verhaltensnorm – nicht versteht und nicht anwenden kann. Aufgrund dieser Befunde wird eine alternative, echt psychologische Theorie entwickelt, die jede Entscheidung vorgängig in eine motivational definierte Situationsklasse bringt und aus dieser heraus die Optionen evaluiert (Theorie der motivationalen Rationalität). Die Resultate der Experimente der Prospect Theory können mit dieser Theorie als rationale Entscheidungen erklärt werden, indem die hypothetischen Entscheidungsaufgaben motivational bedingten Situationsklassen zugeordnet werden. So werden Gewinnsituationen mit zwei Wahlmöglichkeiten mit kleinen Wahrscheinlichkeiten als Statusgewinn gruppiert, denn Statusgüter sind definitionsgemäss nur wenigen Mitgliedern einer Population vorbehalten, die typischen Wahlmöglichkeiten haben demnach kleine Wahrscheinlichkeiten. In solchen Situationen wählen Probanden die (riskantere) Alternative, die den höheren Status verspricht. In homöostatischen Situationen hingegen achten Personen darauf, mit maximaler Wahrscheinlichkeit den überlebenswichtigen Gewinn einzustreichen. Und da der Mensch normalerweise seine Grundbedürfnisse befriedigen kann, haben die typischen Wahlmöglichkeiten solcher Situationen grosse Wahrscheinlichkeiten. Die Hypothese ist nun, dass Probanden in den numerischen Entscheidungsexperimenten der Prospect Theory Wahlmöglichkeiten mit grossen Wahrscheinlichkeiten als repräsentativ für die homöostatische Situationsklasse wahrnehmen, während Wahlmöglichkeiten mit kleinen Wahrscheinlichkeiten repräsentativ für die Status-Klasse erscheinen. Dementsprechend fällt die Entscheidung genau so aus, wie bei den hypothetischen Experimenten der Prospect Theory beobachtet: Bei kleinen Wahrscheinlichkeiten risikogeneigt, bei grossen auf Sicherheit bedacht. Im letzten Teil dieser Arbeit wird die vorgängig erarbeitete Theorie der motivationalen Rationalität mit unterschiedlichen Methoden empirisch geprüft und mit der Prospect Theory als Vertreterin der Erwartungswerttheorien verglichen. Die Resultate zeigen, dass ein paradigmatisches Umdenken in der Entscheidungsforschung hin zu einer evolutionspsychologisch begründeten und situationsspezifischen Erklärung des menschlichen Entscheidungsverhalten zu fruchtbareren Resultaten führt.

Prospect Theory by Kahneman & Tversky is regarded as the most influential theory to explain human risk-taking behaviour. The theory describes the systematic deviations of an individual, seeking to maximise benefit, from the classic (“rational”) code of conduct. However, the theory normatively remains in the traditional approach of a Homo Oeconomicus-Model. This dissertation questions the basic tenets of Prospect Theory and seeks to identify the reasons why Prospect Theory, which has been formulated on the basis of empirical data from hypothetical decision making experiments without situational context, should not be seen as a domain-general theory because it leads to unreliable predictions in real situations. Furthermore, the psychological explanatory value of the theory can be called into question since empirical research has shown that most people neither understand nor apply the concept of expected value—the foundation of the classic code of conduct. Based on these findings an alternative, genuinely psychological theory has been developed that considers each decision in the light of motivationally defined situations (Motivational Rationality Theory). The results yielded by the experiments of Prospect Theory can be explained by means of this theory as rational decisions in that the hypothetical decision making tasks are assigned to situation classes of motivational character. Chances of winning that are low in probability are classified as status gain. Respondents choose in such situations the (riskier) alternative that promises a rise in status. Status goods are by definition only available to the minority of a population, the typical options are therefore low in probability. However, in homeostatic situations people make sure to obtain the vital gain with maximum probability. And since humans are normally capable of satisfying their basic needs, the typical options in such situations are high in probability. Thus, the hypothesis is that respondents in numeric decision making experiments perceive possible options that are high in probability as representative of the homeostatic situation class, whereas possible decisions that are low in probability appear as representative of the status situation class. The decision is made accordingly: in case of low probability risk-acceptant, in case of high probability risk-averse. This is exactly the same behavioural pattern as observed in the experiments of Prospect Theory. The last part of this dissertation is concerned with empirically testing and verifying Motivational Rationality Theory and comparing this theory with Prospect Theory, which can be seen as a representative of expected value theories in general. The results show that a paradigmatic rethinking in decision making research towards finding explanations that take evolutionary psychological circumstances and context specific factors in human decision making processes into account will lead to more fruitful findings.

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Item Type:Dissertation (monographical)
Referees:Läge Damian, Marx Wolfgang
Communities & Collections:UZH Dissertations
Dewey Decimal Classification:Unspecified
Language:German
Place of Publication:Zürich
Date:2009
Deposited On:10 May 2019 12:46
Last Modified:07 Apr 2020 07:16
Number of Pages:317
Additional Information:Enthält Sonderdrucke
OA Status:Green
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