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Evokationen des Terrors: die Bilder des 11. September bei Ian McEwan, Martin Amis und Don DeLillo


Frank, Michael C (2016). Evokationen des Terrors: die Bilder des 11. September bei Ian McEwan, Martin Amis und Don DeLillo. In: Rüth, Axel; Schwarze, Michael. Erfahrung und Referenz: erzählte Geschichte im 20. Jahrhundert. Paderborn: Wilhelm Fink, 340-360.

Abstract

Die Erzählliteratur zum 11. September 2001 und seinen Folgen weist in Bezug auf das Rahmenthema des vorliegenden Bandes – "Erfahrung und Referenz: Erzählte Geschichte" – zwei Besonderheiten auf. Zum einen geht es um die Narrativierung jüngster Zeitgeschichte, was es uns als Leserinnen ermöglicht, literarische Referenzen auf historische Ereignisse vor dem Hintergrund eigener Erfahrung zu betrachten. Zum anderen liegt eine spezifische Art des Verhältnisses zwischen Referenz und Erfahrung vor, die hier tentativ mit dem Begriff der 'Evokation' erfasst werden soll. Das vom lateinischen 'evocatio' (Heraus-, Hervorrufen) abgeleitete Substantiv bezeichnet die "[suggestive] Erweckung von Vorstellungen oder Erlebnissen (z.B. durch ein Kunstwerk, seine Formen und Inhalte)". Literarische Narrativierungen der Terroranschläge des 11. September und ihrer Nachwehen zielen oftmals auf eine ebensolche Wirkung ab. Sie 'erwecken' das Erlebnis von 9/11, indem sie den Terror der Bilder reaktivieren oder deren traumatischen Charakter ins Spiel bringen. Oder sie rufen gängige Vorstellungen über die verantwortlichen Netzwerke, ihre Akteure und deren konspirative Aktivitäten auf.
Exemplarisch werden hier zwei Texte betrachtet, die jeweils ein anderes medial vermitteltes Bild in Erinnerung rufen und dadurch jeweils einen anderen Aspekt von 9/11 als Medienereignis in den Vordergrund stellen. Martin Amis' Erzählung "The Last Days of Muhammad Atta" (2006) wagt auf der Grundlage des Führerscheinfotos von Mohammed Atta eine Charakterskizze des Suizidpiloten sowie Einblicke in dessen Bewusstsein, wobei sie das Schreckensbild des Selbstmordterroristen untergraben will, es letztlich jedoch untermauert. Don DeLillos Roman "Falling Man" (2007) teilt seinen Namen mit der inzwischen ikonischen Fotografie eines Mannes, der sich auf der Flucht vor Hitze und Rauch aus den obersten Stockwerken des brennenden Nordturms stürzte. Als Inbegriff einer nicht durchgearbeiteten Vergangenheit wird dieses Bild in DeLillos Roman von einem Aktionskünstler in unangekündigten Performances nachgestellt – zum Schrecken seiner unfreiwilligen Zuschauerlnnen, die sich in alltäglichen Situationen mit einer traumatischen Szene konfrontiert sehen.
Wie diese Beispiele zeigen, bedient sich 9/11-Literatur immer wieder beim Bilderkanon des 11. September 2001, um im Rahmen fiktionaler Erzählungen 9/11 als Medienerlebnis zu repräsentieren und dadurch wieder-erfahrbar zu machen. Anstatt unmittelbar auf eine Text-externe Wirklichkeit zu referieren, evozieren die Texte ein Affekt-beladenes Bild, das seinerseits Erinnerungen an das Ereignis '9/11' wachruft. Damit tragen sie dazu bei, dass die betreffenden Bilder ihre zentrale Stellung im kulturellen Gedächtnis behalten. Selbst wenn (wie bei Don DeLillo) die mediale Vermittlung eines bestimmten Bildes von 9/11 ausgiebig zum Gegenstand der Reflexion gemacht wird, bleibt insgesamt das Bemühen aus, neue und andere Bilder zu generieren, die alternative Perspektiven auf den Terror des 11. September eröffnen – oder die versuchen, in einen Bereich jenseits dieses affektiven Erlebens von 9/11 vorzudringen. Und so schreiben die hier vorgestellten Romane ein bestimmtes Bild von 9/11 fort, ohne das Ereignis weiter zu kontextualisieren oder mit einer Vorgeschichte zu versehen. Folglich spielt sich bei der Lektüre in unserem Bewusstsein stets der gleiche Film ab: Traumatische Erinnerungen verbinden sich mit Abscheu, Furcht und Schrecken angesichtseines Geschehens, das letztlich unbegreiflich bleibt.

Abstract

Die Erzählliteratur zum 11. September 2001 und seinen Folgen weist in Bezug auf das Rahmenthema des vorliegenden Bandes – "Erfahrung und Referenz: Erzählte Geschichte" – zwei Besonderheiten auf. Zum einen geht es um die Narrativierung jüngster Zeitgeschichte, was es uns als Leserinnen ermöglicht, literarische Referenzen auf historische Ereignisse vor dem Hintergrund eigener Erfahrung zu betrachten. Zum anderen liegt eine spezifische Art des Verhältnisses zwischen Referenz und Erfahrung vor, die hier tentativ mit dem Begriff der 'Evokation' erfasst werden soll. Das vom lateinischen 'evocatio' (Heraus-, Hervorrufen) abgeleitete Substantiv bezeichnet die "[suggestive] Erweckung von Vorstellungen oder Erlebnissen (z.B. durch ein Kunstwerk, seine Formen und Inhalte)". Literarische Narrativierungen der Terroranschläge des 11. September und ihrer Nachwehen zielen oftmals auf eine ebensolche Wirkung ab. Sie 'erwecken' das Erlebnis von 9/11, indem sie den Terror der Bilder reaktivieren oder deren traumatischen Charakter ins Spiel bringen. Oder sie rufen gängige Vorstellungen über die verantwortlichen Netzwerke, ihre Akteure und deren konspirative Aktivitäten auf.
Exemplarisch werden hier zwei Texte betrachtet, die jeweils ein anderes medial vermitteltes Bild in Erinnerung rufen und dadurch jeweils einen anderen Aspekt von 9/11 als Medienereignis in den Vordergrund stellen. Martin Amis' Erzählung "The Last Days of Muhammad Atta" (2006) wagt auf der Grundlage des Führerscheinfotos von Mohammed Atta eine Charakterskizze des Suizidpiloten sowie Einblicke in dessen Bewusstsein, wobei sie das Schreckensbild des Selbstmordterroristen untergraben will, es letztlich jedoch untermauert. Don DeLillos Roman "Falling Man" (2007) teilt seinen Namen mit der inzwischen ikonischen Fotografie eines Mannes, der sich auf der Flucht vor Hitze und Rauch aus den obersten Stockwerken des brennenden Nordturms stürzte. Als Inbegriff einer nicht durchgearbeiteten Vergangenheit wird dieses Bild in DeLillos Roman von einem Aktionskünstler in unangekündigten Performances nachgestellt – zum Schrecken seiner unfreiwilligen Zuschauerlnnen, die sich in alltäglichen Situationen mit einer traumatischen Szene konfrontiert sehen.
Wie diese Beispiele zeigen, bedient sich 9/11-Literatur immer wieder beim Bilderkanon des 11. September 2001, um im Rahmen fiktionaler Erzählungen 9/11 als Medienerlebnis zu repräsentieren und dadurch wieder-erfahrbar zu machen. Anstatt unmittelbar auf eine Text-externe Wirklichkeit zu referieren, evozieren die Texte ein Affekt-beladenes Bild, das seinerseits Erinnerungen an das Ereignis '9/11' wachruft. Damit tragen sie dazu bei, dass die betreffenden Bilder ihre zentrale Stellung im kulturellen Gedächtnis behalten. Selbst wenn (wie bei Don DeLillo) die mediale Vermittlung eines bestimmten Bildes von 9/11 ausgiebig zum Gegenstand der Reflexion gemacht wird, bleibt insgesamt das Bemühen aus, neue und andere Bilder zu generieren, die alternative Perspektiven auf den Terror des 11. September eröffnen – oder die versuchen, in einen Bereich jenseits dieses affektiven Erlebens von 9/11 vorzudringen. Und so schreiben die hier vorgestellten Romane ein bestimmtes Bild von 9/11 fort, ohne das Ereignis weiter zu kontextualisieren oder mit einer Vorgeschichte zu versehen. Folglich spielt sich bei der Lektüre in unserem Bewusstsein stets der gleiche Film ab: Traumatische Erinnerungen verbinden sich mit Abscheu, Furcht und Schrecken angesichtseines Geschehens, das letztlich unbegreiflich bleibt.

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Item Type:Book Section, not_refereed, original work
Communities & Collections:06 Faculty of Arts > English Department
Dewey Decimal Classification:820 English & Old English literatures
Language:German
Date:4 March 2016
Deposited On:11 Feb 2019 08:34
Last Modified:07 Mar 2019 09:52
Publisher:Wilhelm Fink
ISBN:978-3-7705-5778-3
OA Status:Closed
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