Header

UZH-Logo

Maintenance Infos

9/11 als Zäsur: zur Karriere eines Topos in Politik, Medien und akademischem Diskurs


Frank, Michael C (2013). 9/11 als Zäsur: zur Karriere eines Topos in Politik, Medien und akademischem Diskurs. In: Hennigfeld, Ursula; Packard, Stephan. Abschied von 9/11?: Distanznahmen zur Katastrophe. Berlin: Frank & Timme, 15-34.

Abstract

Blickt man aus heutiger Perspektive auf die Schlagzeilen und Leitartikel vom 12. September 2001 zurück, so erstaunt die Einstimmigkeit, mit der damals Zeitungen auf beiden Seiten des Atlantiks ankündigten, "dass fortan nichts mehr so sein werde wie zuvor". Der Nachdruck, mit welchem die besagte Transformation vorhergesagt wurde, stand dabei in einem merkwürdigen Missverhältnis zur Aussagekraft der dazugehörigen Kommentare. Denn diese konnten naturgemäß keinerlei verlässliche Angaben darüber machen, worin genau der besagte Umbruch bestehen würde und welche Gestalt die Welt der Zukunft konkret annehmen könnte. Indes schien vielen gewiss, dass außer Politik und Gesellschaft auch die Kultur betroffen sein würde. Wie im vorliegenden Beitrag gezeigt wird, setzte sich die Auffassung von 9/11 als historischem 'Ground Zero' in der Diskussion über die kulturellen Nachwirkungen der Terroranschläge zunächst ungebrochen fort. Versucht wird hier eine diskurskritische Perspektivierung dieser Debatte. 9/11, so meine Ausgangsthese, war nicht an und für sich schon eine Wende, sondern wurde mit großem Aufwand zu einer solchen Wende gemacht – in Politikerreden wie in Medienkommentaren, in literarischen Erzählungen wie in akademischen Analysen –, unter bewusstem Ausschluss anderer Interpretationsmöglichkeiten. Denkbar gewesen wäre etwa ein Verständnis von 9/11 als vorläufigem Kulminationspunkt einer längeren Anschlagsserie, deren Ursachen und Bedingungen auf ältere Konflikte zurückverweisen. Und genauso gut hätte 9/11 seinerseits zu einer Vorgeschichte erklärt werden können, zur Vorgeschichte eines "Krieges gegen den Terror" nämlich, dessen verschiedene Erscheinungsformen und Auswüchse die eigentliche Signatur des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts sind. Tatsache aber ist, dass Feuilletonisten mit diversen Agenden sogleich auf einer Zäsur insistierten und sich dann auch die Kulturwissenschaften zumindest vorerst damit begnügten, den Topos vom traumatischen Bruch zu perpetuieren. In ihrem Beharren auf der Zäsur bekräftigten sie das mittlerweile etablierte, dominierende politische Narrativ, das 9/11 als Anfangspunkt eines neuen Zeitalters identifizierte, um auf diese Weise Handlungen und Maßnahmen im Namen des Anti-Terrorismus zu rechtfertigen – mit der Begründung, neue Herausforderungen erforderten neue Wege. Diese Korrespondenz zwischen politischem 'master narrative' und kulturwissenschaftlicher Geschichtserzählung aufzuzeigen und zu problematisieren, ist primäre Absicht der nachfolgenden Betrachtungen.

Abstract

Blickt man aus heutiger Perspektive auf die Schlagzeilen und Leitartikel vom 12. September 2001 zurück, so erstaunt die Einstimmigkeit, mit der damals Zeitungen auf beiden Seiten des Atlantiks ankündigten, "dass fortan nichts mehr so sein werde wie zuvor". Der Nachdruck, mit welchem die besagte Transformation vorhergesagt wurde, stand dabei in einem merkwürdigen Missverhältnis zur Aussagekraft der dazugehörigen Kommentare. Denn diese konnten naturgemäß keinerlei verlässliche Angaben darüber machen, worin genau der besagte Umbruch bestehen würde und welche Gestalt die Welt der Zukunft konkret annehmen könnte. Indes schien vielen gewiss, dass außer Politik und Gesellschaft auch die Kultur betroffen sein würde. Wie im vorliegenden Beitrag gezeigt wird, setzte sich die Auffassung von 9/11 als historischem 'Ground Zero' in der Diskussion über die kulturellen Nachwirkungen der Terroranschläge zunächst ungebrochen fort. Versucht wird hier eine diskurskritische Perspektivierung dieser Debatte. 9/11, so meine Ausgangsthese, war nicht an und für sich schon eine Wende, sondern wurde mit großem Aufwand zu einer solchen Wende gemacht – in Politikerreden wie in Medienkommentaren, in literarischen Erzählungen wie in akademischen Analysen –, unter bewusstem Ausschluss anderer Interpretationsmöglichkeiten. Denkbar gewesen wäre etwa ein Verständnis von 9/11 als vorläufigem Kulminationspunkt einer längeren Anschlagsserie, deren Ursachen und Bedingungen auf ältere Konflikte zurückverweisen. Und genauso gut hätte 9/11 seinerseits zu einer Vorgeschichte erklärt werden können, zur Vorgeschichte eines "Krieges gegen den Terror" nämlich, dessen verschiedene Erscheinungsformen und Auswüchse die eigentliche Signatur des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts sind. Tatsache aber ist, dass Feuilletonisten mit diversen Agenden sogleich auf einer Zäsur insistierten und sich dann auch die Kulturwissenschaften zumindest vorerst damit begnügten, den Topos vom traumatischen Bruch zu perpetuieren. In ihrem Beharren auf der Zäsur bekräftigten sie das mittlerweile etablierte, dominierende politische Narrativ, das 9/11 als Anfangspunkt eines neuen Zeitalters identifizierte, um auf diese Weise Handlungen und Maßnahmen im Namen des Anti-Terrorismus zu rechtfertigen – mit der Begründung, neue Herausforderungen erforderten neue Wege. Diese Korrespondenz zwischen politischem 'master narrative' und kulturwissenschaftlicher Geschichtserzählung aufzuzeigen und zu problematisieren, ist primäre Absicht der nachfolgenden Betrachtungen.

Statistics

Altmetrics

Downloads

4 downloads since deposited on 11 Feb 2019
4 downloads since 12 months
Detailed statistics

Additional indexing

Item Type:Book Section, not_refereed, original work
Communities & Collections:06 Faculty of Arts > English Department
Dewey Decimal Classification:820 English & Old English literatures
Language:German
Date:8 April 2013
Deposited On:11 Feb 2019 09:49
Last Modified:07 May 2019 15:41
Publisher:Frank & Timme
Number:11
ISBN:978-3-86596-432-8
OA Status:Closed
Related URLs:http://www.frank-timme.de/verlag/verlagsprogramm/buch/verlagsprogramm/bd-11-ursula-hennigfeldstephan-packard-hg-abschied-von-911/backPID/kulturwissenschaften.html (Publisher)

Download

Get full-text in a library