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Überlebsel: Das Primitive in Anthropologie und Evolutionstheorie des 19. Jahrhunderts


Frank, Michael C (2012). Überlebsel: Das Primitive in Anthropologie und Evolutionstheorie des 19. Jahrhunderts. In: Gess, Nicola. Literarischer Primitivismus. Berlin: De Gruyter, 159-188.

Abstract

Edward Burnett Tylors Begriffsprägung 'primitive Kultur' – eingeführt in seinem 1871 erschienenen, gleichnamigen Hauptwerk – bezieht sich nicht nur auf die nicht-europäische Welt, die er in verschiedene evolutionäre Stadien unterteilt; vielmehr fungiert das Konzept auch zur Bezeichnung bestimmter Elemente europäischer Gegenwartskultur. Zwar erzählt "Primitive Culture" (1871) den Zivilisationsprozess grundsätzlich als eine Fortschrittgeschichte. Dabei widmet sich Tylor jedoch wiederholt auch den Widerständen gegen diesen Prozess – selbst in der modernsten aller Industrienationen, seinem Heimatland England. Wie Tylor anmerkt, kommt es häufig vor, dass gewisse Überzeugungen, Glaubensvorstellungen, sprachliche Wendungen und Praktiken, die eigentlich einer früheren, im Großen und Ganzen überwundenen Stufe der Evolution zugehören, als isolierte Elemente fortbestehen. Tylor hat dafür den viel zitierten Begriff des 'survival' geprägt, der in der deutschen Fassung seines Buchs von 1873 mit dem Neologismus 'Überlebsel' übersetzt wird. Auch in Europa existieren demnach bestimmte Individuen und sogar ganze Kollektive, die nicht in jeder Hinsicht in der Moderne angelangt sind. Während Tylor das Konzept des 'Primitiven' also einerseits zur Bezeichnung des Vorzivilisatorischen, Nicht-Europäischen bemühte, begründete er andererseits eine Ethnologie der eigenen Kultur – die ihrerseits ein halbes Jahrhundert später, bei Sigmund Freud, zur Voraussetzung für eine Psychologisierung des Primitiven zu einem allgemeinmenschlichen geistig-seelischen Merkmal wurde. Der vorliegende Beitrag möchte die epistemologischen Grundannahme beleuchten, welche diese semantische Erweiterung – oder besser: Verschiebung – der Kategorie des 'Primitiven' bedingten. Im Mittelpunkt steht dabei die Denkfigur der Rückkehr zum Primitiven, wie sie später im Primitivismus zum Tragen kommen sollte. Sie ist eng verknüpft mit der Idee des 'Überlebsels', die in den 1870er- und 80er-Jahren zunächst in Evolutionsbiologie und Ethnologie einflussreiche Ausprägungen fand, um von dort aus in populärwissenschaftliche Studien zu Kriminalanthropologie und Entartung einzugehen oder von Literaten wie Robert Louis Stevenson fiktionalisiert zu werden. Noch Freuds kulturpsychologische Schriften aus den Jahren 1913 und 1930, die in verschiedenerlei Hinsicht bei Tylor anknüpfen, argumentieren mit einem Konzept des 'survival'. Darin, so meine These, ist eine wissensgeschichtliche Voraussetzung für die Entstehung literarischer und künstlerischer Praktiken oder Programmatiken zu sehen, die sich (in welcher Art auch immer) auf eine präzivilisatorische Ursprünglichkeit berufen, um alternative Modernen zu begründen: Wenn sich Europäer auf das 'Primitive' zurückbesinnen sollen, um die zivilisatorische Entfremdung rückgängig zu machen und ihre Kultur neu zu beleben, so setzt dies voraus, dass es etwas gibt, an das sie hierfür anknüpfen können. Und dieses Etwas lässt sich den hier vorgestellten Ansätzen zufolge ganz unterschiedlich raumzeitlich verorten: in den 'primitiven' Kulturen anderer Kontinente und/oder in den 'primitiven' Elementen europäischer Zivilisaton; aber auch in den körperlichen und geistigen Anlagen des Europäers selbst. Das Fremdbild des 'Primitiven' wurde im ausgehenden 19. Jahrhundert nach und nach internalisiert, bis europäische Wissenschaftler und Literaten nicht mehr nur unter den 'Wilden' Spuren ihrer evolutionären Ursprünge erblicken zu können vermeinten, sondern auch in den heimatlichen Städten und sogar in der eigenen Triebnatur, die als psychisches 'Überlebsel' eine Brücke zu früheren Entwicklungsstadien schlug. Fortschritt wurde auf dieser Grundlage zu einem umkehrbaren Prozess.

Abstract

Edward Burnett Tylors Begriffsprägung 'primitive Kultur' – eingeführt in seinem 1871 erschienenen, gleichnamigen Hauptwerk – bezieht sich nicht nur auf die nicht-europäische Welt, die er in verschiedene evolutionäre Stadien unterteilt; vielmehr fungiert das Konzept auch zur Bezeichnung bestimmter Elemente europäischer Gegenwartskultur. Zwar erzählt "Primitive Culture" (1871) den Zivilisationsprozess grundsätzlich als eine Fortschrittgeschichte. Dabei widmet sich Tylor jedoch wiederholt auch den Widerständen gegen diesen Prozess – selbst in der modernsten aller Industrienationen, seinem Heimatland England. Wie Tylor anmerkt, kommt es häufig vor, dass gewisse Überzeugungen, Glaubensvorstellungen, sprachliche Wendungen und Praktiken, die eigentlich einer früheren, im Großen und Ganzen überwundenen Stufe der Evolution zugehören, als isolierte Elemente fortbestehen. Tylor hat dafür den viel zitierten Begriff des 'survival' geprägt, der in der deutschen Fassung seines Buchs von 1873 mit dem Neologismus 'Überlebsel' übersetzt wird. Auch in Europa existieren demnach bestimmte Individuen und sogar ganze Kollektive, die nicht in jeder Hinsicht in der Moderne angelangt sind. Während Tylor das Konzept des 'Primitiven' also einerseits zur Bezeichnung des Vorzivilisatorischen, Nicht-Europäischen bemühte, begründete er andererseits eine Ethnologie der eigenen Kultur – die ihrerseits ein halbes Jahrhundert später, bei Sigmund Freud, zur Voraussetzung für eine Psychologisierung des Primitiven zu einem allgemeinmenschlichen geistig-seelischen Merkmal wurde. Der vorliegende Beitrag möchte die epistemologischen Grundannahme beleuchten, welche diese semantische Erweiterung – oder besser: Verschiebung – der Kategorie des 'Primitiven' bedingten. Im Mittelpunkt steht dabei die Denkfigur der Rückkehr zum Primitiven, wie sie später im Primitivismus zum Tragen kommen sollte. Sie ist eng verknüpft mit der Idee des 'Überlebsels', die in den 1870er- und 80er-Jahren zunächst in Evolutionsbiologie und Ethnologie einflussreiche Ausprägungen fand, um von dort aus in populärwissenschaftliche Studien zu Kriminalanthropologie und Entartung einzugehen oder von Literaten wie Robert Louis Stevenson fiktionalisiert zu werden. Noch Freuds kulturpsychologische Schriften aus den Jahren 1913 und 1930, die in verschiedenerlei Hinsicht bei Tylor anknüpfen, argumentieren mit einem Konzept des 'survival'. Darin, so meine These, ist eine wissensgeschichtliche Voraussetzung für die Entstehung literarischer und künstlerischer Praktiken oder Programmatiken zu sehen, die sich (in welcher Art auch immer) auf eine präzivilisatorische Ursprünglichkeit berufen, um alternative Modernen zu begründen: Wenn sich Europäer auf das 'Primitive' zurückbesinnen sollen, um die zivilisatorische Entfremdung rückgängig zu machen und ihre Kultur neu zu beleben, so setzt dies voraus, dass es etwas gibt, an das sie hierfür anknüpfen können. Und dieses Etwas lässt sich den hier vorgestellten Ansätzen zufolge ganz unterschiedlich raumzeitlich verorten: in den 'primitiven' Kulturen anderer Kontinente und/oder in den 'primitiven' Elementen europäischer Zivilisaton; aber auch in den körperlichen und geistigen Anlagen des Europäers selbst. Das Fremdbild des 'Primitiven' wurde im ausgehenden 19. Jahrhundert nach und nach internalisiert, bis europäische Wissenschaftler und Literaten nicht mehr nur unter den 'Wilden' Spuren ihrer evolutionären Ursprünge erblicken zu können vermeinten, sondern auch in den heimatlichen Städten und sogar in der eigenen Triebnatur, die als psychisches 'Überlebsel' eine Brücke zu früheren Entwicklungsstadien schlug. Fortschritt wurde auf dieser Grundlage zu einem umkehrbaren Prozess.

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Item Type:Book Section, not_refereed, original work
Communities & Collections:06 Faculty of Arts > English Department
Dewey Decimal Classification:820 English & Old English literatures
Language:German
Date:December 2012
Deposited On:19 Mar 2019 14:42
Last Modified:19 Mar 2019 14:42
Publisher:De Gruyter
Series Name:Untersuchungen zur Deutschen Literaturgeschichte
Number:143
ISSN:0083-4564
ISBN:978-3-11-028666-3
OA Status:Green
Publisher DOI:https://doi.org/10.1515/9783110286670.159
Related URLs:https://www.degruyter.com/viewbooktoc/product/182813 (Publisher)
https://www.recherche-portal.ch/primo-explore/fulldisplay?docid=ebi01_prod009724130&context=L&vid=ZAD&search_scope=default_scope&tab=default_tab&lang=de_DE (Library Catalogue)

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Language: German
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