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Chronotopoi: "Petermanns Geographische Mitteilungen", die Ruinen von Simbabwe und die Verzeitlichung des Weltbildes im 19. Jahrhundert


Frank, Michael C (2008). Chronotopoi: "Petermanns Geographische Mitteilungen", die Ruinen von Simbabwe und die Verzeitlichung des Weltbildes im 19. Jahrhundert. In: Lentz, Sebastian; Ormeling, Ferjan. Die Verräumlichung des Welt-Bildes: Petermanns Geographische Mitteilungen zwischen "explorativer Geographie" und der "Vermessenheit" europäischer Raumphantasien (Beiträge der Internationalen Konferenz auf Schloss Friedenstein Gotha, 9.-11. Oktober 2005). Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 99-111.

Abstract

Im Jahr 1871 entdeckte der schwäbische Lehrer und Hobbyforscher Carl Mauch für Europa die Ruinen von Simbabwe wieder. Sein vielbeachteter Bericht erschien 1872 in Form zweier Briefe in "Petermann’s Geographischen Mitteilungen", ergänzt durch Bemerkungen der Redaktion, die aus dem Buch "Ethiopia Orientalis" des portugiesischen Dominikanermönchs Juan dos Santos zitierten. Dieser hatte bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts von einer "alten Tradition" an der afrikanischen Ostküste berichtet, der zufolge die Ruinenanlage entweder mit der Königin von Saba oder mit König Salomo in Zusammenhang stand. Die Redaktion der "Geographischen Mitteilungen" schloss sich dieser alten Deutungstradition an – mit der Begründung, "[e]inem Süd-Afrikanischen Volksstamm [sei] es niemals in den Sinn gekommen, massive Mauern und Thürme zu bauen", weshalb der Ursprung der Bauten außerhalb von Schwarzafrika liegen müsse. Das vorliegende Kapitel fragt nach den epistemologischen Voraussetzungen dieser lange unangefochtenen Forschungsmeinung: Innerhalb welchen diskursiven Feldes erschien eine solche Deutung der Bauwerke nicht nur als möglich, sondern als geradezu zwingend? Die kategorische Aberkennung von (Kultur-)Geschichte, die in Petermanns Zeilen vollzogen wurde, spiegelt den besonderen Status Schwarzafrikas im geographischen, archäologischen und anthropologischen Schreiben des 19. Jahrhunderts wider. Afrika, so hatte Georg Wilhelm Friedrich Hegel bereits im ersten Drittel des Jahrhunderts apodiktisch erklärt, "ist kein geschichtlicher Weltteil, er hat keine Bewegung und Entwicklung aufzuweisen". Dieses Afrikabild ist nicht zuletzt damit zu erklären, dass insbesondere der noch kaum erforschte südliche Teil des Kontinents die Grenzen des europäischen Wissens markierte. Mit "imaginativer Geographie" (Edward Said) wurden die zahlreichen Lücken auf den Karten gefüllt. Von besonderer Wichtigkeit war dabei, was ich als die Verzeitlichung des Raumes beschreiben möchte, sprich: die Konzeption Afrikas als anderer Zeit-Raum (oder Chronotopos), der – mit Hegel gesprochen – "jenseits des Tages der selbstbewussten Geschichte in die schwarze Farbe der Nacht gehüllt ist".

Abstract

Im Jahr 1871 entdeckte der schwäbische Lehrer und Hobbyforscher Carl Mauch für Europa die Ruinen von Simbabwe wieder. Sein vielbeachteter Bericht erschien 1872 in Form zweier Briefe in "Petermann’s Geographischen Mitteilungen", ergänzt durch Bemerkungen der Redaktion, die aus dem Buch "Ethiopia Orientalis" des portugiesischen Dominikanermönchs Juan dos Santos zitierten. Dieser hatte bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts von einer "alten Tradition" an der afrikanischen Ostküste berichtet, der zufolge die Ruinenanlage entweder mit der Königin von Saba oder mit König Salomo in Zusammenhang stand. Die Redaktion der "Geographischen Mitteilungen" schloss sich dieser alten Deutungstradition an – mit der Begründung, "[e]inem Süd-Afrikanischen Volksstamm [sei] es niemals in den Sinn gekommen, massive Mauern und Thürme zu bauen", weshalb der Ursprung der Bauten außerhalb von Schwarzafrika liegen müsse. Das vorliegende Kapitel fragt nach den epistemologischen Voraussetzungen dieser lange unangefochtenen Forschungsmeinung: Innerhalb welchen diskursiven Feldes erschien eine solche Deutung der Bauwerke nicht nur als möglich, sondern als geradezu zwingend? Die kategorische Aberkennung von (Kultur-)Geschichte, die in Petermanns Zeilen vollzogen wurde, spiegelt den besonderen Status Schwarzafrikas im geographischen, archäologischen und anthropologischen Schreiben des 19. Jahrhunderts wider. Afrika, so hatte Georg Wilhelm Friedrich Hegel bereits im ersten Drittel des Jahrhunderts apodiktisch erklärt, "ist kein geschichtlicher Weltteil, er hat keine Bewegung und Entwicklung aufzuweisen". Dieses Afrikabild ist nicht zuletzt damit zu erklären, dass insbesondere der noch kaum erforschte südliche Teil des Kontinents die Grenzen des europäischen Wissens markierte. Mit "imaginativer Geographie" (Edward Said) wurden die zahlreichen Lücken auf den Karten gefüllt. Von besonderer Wichtigkeit war dabei, was ich als die Verzeitlichung des Raumes beschreiben möchte, sprich: die Konzeption Afrikas als anderer Zeit-Raum (oder Chronotopos), der – mit Hegel gesprochen – "jenseits des Tages der selbstbewussten Geschichte in die schwarze Farbe der Nacht gehüllt ist".

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Item Type:Book Section, not_refereed, original work
Communities & Collections:06 Faculty of Arts > English Department
Dewey Decimal Classification:820 English & Old English literatures
Language:German
Date:2008
Deposited On:30 Jul 2019 08:43
Last Modified:07 Apr 2020 07:21
Publisher:Franz Steiner Verlag
Series Name:Friedenstein-Forschungen
Number:2
ISBN:978-3-515-08830-5
OA Status:Green
Related URLs:http://www.steiner-verlag.de/titel/56402.html (Publisher)
https://www.recherche-portal.ch/primo-explore/fulldisplay?docid=ebi01_prod005695822&context=L&vid=ZAD&search_scope=default_scope&tab=default_tab&lang=de_DE (Library Catalogue)

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