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Irrtum, Erkenntnis und Interessen: die Erinnerung an den schweizerischen Landesstreik zwischen Geschichtswissenschaft und Memorialpolitik


Koller, Christian (2019). Irrtum, Erkenntnis und Interessen: die Erinnerung an den schweizerischen Landesstreik zwischen Geschichtswissenschaft und Memorialpolitik. In: Rother, Wolfgang. Irrtum und Erkenntnis. Zürich, 175-195.

Abstract

Die drei Tage des Landesgeneralstreiks vom November 1918 gelten als grösste innenpolitische Krise des Schweizer Bundesstaats. Zugleich war und ist ihre Interpretation Gegenstand geschichtspolitischer Kontroversen, die einen zuverlässigen Spiegel der politischen Kultur unseres Landes bilden. Das Wesen des Ereignisses war von Beginn weg umstritten: Während die bürgerliche Seite einen von Moskau gesteuerten Umsturzversuch sah und linksradikale Stimmen das Unvermögen der Streikführer zu einer Revolution beklagten, verwies die sozialdemokratische Seite auf die innenpolitischen und wirtschaftlichen Ursprünge des Generalstreiks. Obwohl die quellenbasierte Geschichtsforschung die Revolutionsbehauptung schon in den 1950er und 1960er Jahren widerlegt hatte, tauchte diese auch anlässlich des Zentenariums 2018 wieder auf. Eine zweite Kontroverse bezieht sich auf die Folgen des Landesstreiks: Das von der Linken seit dem Ausbau des Sozialstaats ab den 1940er Jahren kultivierte Narrativ vom Landesstreik als Initialzündung der sozialen Schweiz ist von bürgerlichen Stimmen ebenso lange zurückgewiesen worden – teilweise auch mit Rückwirkungen auf die Historiographie. Der Beitrag rekapituliert die Entwicklung von Historiographie und Memorialpolitik um den Landesstreik von der frühen Zwischenkriegszeit bis in die Gegenwart. Das Beispiel des Landesstreiks zeigt, dass in der Geschichtswissenschaft das einfache Fortschrittspaar vom Irrtum zur Erkenntnis durch eine dritte Variable, nämlich geschichtspolitische Interessen, ergänzt werden muss, und soll dazu anregen, über den Platz der historischen Wissenschaften im breiteren Feld der Erinnerungskultur nachzudenken.

Abstract

Die drei Tage des Landesgeneralstreiks vom November 1918 gelten als grösste innenpolitische Krise des Schweizer Bundesstaats. Zugleich war und ist ihre Interpretation Gegenstand geschichtspolitischer Kontroversen, die einen zuverlässigen Spiegel der politischen Kultur unseres Landes bilden. Das Wesen des Ereignisses war von Beginn weg umstritten: Während die bürgerliche Seite einen von Moskau gesteuerten Umsturzversuch sah und linksradikale Stimmen das Unvermögen der Streikführer zu einer Revolution beklagten, verwies die sozialdemokratische Seite auf die innenpolitischen und wirtschaftlichen Ursprünge des Generalstreiks. Obwohl die quellenbasierte Geschichtsforschung die Revolutionsbehauptung schon in den 1950er und 1960er Jahren widerlegt hatte, tauchte diese auch anlässlich des Zentenariums 2018 wieder auf. Eine zweite Kontroverse bezieht sich auf die Folgen des Landesstreiks: Das von der Linken seit dem Ausbau des Sozialstaats ab den 1940er Jahren kultivierte Narrativ vom Landesstreik als Initialzündung der sozialen Schweiz ist von bürgerlichen Stimmen ebenso lange zurückgewiesen worden – teilweise auch mit Rückwirkungen auf die Historiographie. Der Beitrag rekapituliert die Entwicklung von Historiographie und Memorialpolitik um den Landesstreik von der frühen Zwischenkriegszeit bis in die Gegenwart. Das Beispiel des Landesstreiks zeigt, dass in der Geschichtswissenschaft das einfache Fortschrittspaar vom Irrtum zur Erkenntnis durch eine dritte Variable, nämlich geschichtspolitische Interessen, ergänzt werden muss, und soll dazu anregen, über den Platz der historischen Wissenschaften im breiteren Feld der Erinnerungskultur nachzudenken.

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Item Type:Book Section, not_refereed, original work
Communities & Collections:06 Faculty of Arts > Institute of History
Dewey Decimal Classification:900 History
Language:German
Date:2019
Deposited On:04 Feb 2020 10:18
Last Modified:04 Feb 2020 10:18
Number:2
OA Status:Green
Publisher DOI:https://doi.org/10.24445/conexus.2019.02.011
Official URL:https://www.hope.uzh.ch/conexus/article/view/conexus.2019.02.011

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