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Diversitätssensitive Palliative Care


Bally, Klaus; Salis Gross, Corina (2020). Diversitätssensitive Palliative Care. Primary and Hospital Care, 20(9):268-271.

Abstract

Fallvignette

Frau M.S. (65 Jahre alt) stammt aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Sivas im Osten der Türkei. Sie ging nur ein paar wenige Jahre zur Schule und verheiratete sich im Alter von 15 Jahren mit ihrem Mann, der im Alter von 30 Jahren in die Schweiz gereist ist und bis zu seiner Pensionierung im Gastgewerbe als Hilfskoch tätig war. Frau M.S. folgte ihrem Mann acht Jahre später in die Schweiz, begleitet von den drei Kindern, die damals 8, 10 und 12 Jahre alt waren. In der Schweiz war Frau M.S. für die Kinder und den Haushalt verantwortlich. Die deutsche Sprache hat sie nie erlernt. Ihre Muttersprache ist kurdisch; die türkische Sprache beherrscht sie teilweise. In ihrem Heimatdorf und auch in der weiteren Umgebung war eine ärztliche Versorgung praktisch inexistent – sie war allerdings nie auf einen Arzt angewiesen. Die drei Kinder sind im kleinen Bauernhaus der Familie zur Welt gekommen. Vor wenigen Monaten musste bei Frau M.S. die Diagnose eines fortgeschrittenen Magenkarzinoms gestellt werden. Die totale Gastrektomie führte nicht zu einer Heilung. Bei nachgewiesenen Lebermetastasen wurde eine Chemotherapie durchgeführt, die sich in den letzten Wochen nicht mehr als effektiv erwies. In einem Gespräch mit Frau M.S. und der übersetzenden Tochter soll sie von ihrer Hausärztin über die Prognose informiert werden. Die Bedürfnisse der Patientin sollen ­erfasst werden; zudem soll sie vorausverfügen, welchen lebenserhaltenden Massnahmen sie zustimmen möchte und welchen nicht. Nach dem Aufklärungsgespräch durch die Hausärztin spricht die Tochter mit ihrer Mutter eingehend in kurdischer Sprache. Auf die Frage, ob Frau M.S. Fragen habe, verneint die Tochter. Die Tochter bittet die Hausärztin, noch einige Worte mit ihr unter vier Augen wechseln zu können. Nachdem Frau M.S. das Sprechzimmer verlassen hat, teilt die Tochter der Hausärztin mit, dass sie ihrer Mutter die schlechte Prognose nicht mitgeteilt habe. Im Gegenteil habe sie ihr gesagt, dass sie ganz bald wieder gesund werde. Die Tochter bittet die Hausärztin, zukünftig nur mit ihr und niemals direkt mit der Mutter zu sprechen. Die Familie habe sich im übrigen Gedanken gemacht, weswegen die Mutter so schwer erkrankt sei. Man sei zum Schluss gekommen, dass Frau M.S. eine schreckliche Tat ihres Bruders sühnen müsse, der vor 20 Jahren im Streit seine Ehegattin getötet habe. Falls sich der Zustand der Mutter verschlechtere, möge die Hausärztin dies der Familie zeitgerecht mitteilen, damit Frau M.S. in ­Begleitung ihrer Familie in die Heimat zurückfliegen könne. Frau M.S. soll in ihrem Dorf sterben können und auch dort beerdigt werden. Ihrer Mutter würde man aber mitteilen, dass die Familie für Ferien in die Türkei fliegen würde. Daher möge man ihr auch keine zu stark sedierenden Schmerzmittel verabreichen.

Abstract

Fallvignette

Frau M.S. (65 Jahre alt) stammt aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Sivas im Osten der Türkei. Sie ging nur ein paar wenige Jahre zur Schule und verheiratete sich im Alter von 15 Jahren mit ihrem Mann, der im Alter von 30 Jahren in die Schweiz gereist ist und bis zu seiner Pensionierung im Gastgewerbe als Hilfskoch tätig war. Frau M.S. folgte ihrem Mann acht Jahre später in die Schweiz, begleitet von den drei Kindern, die damals 8, 10 und 12 Jahre alt waren. In der Schweiz war Frau M.S. für die Kinder und den Haushalt verantwortlich. Die deutsche Sprache hat sie nie erlernt. Ihre Muttersprache ist kurdisch; die türkische Sprache beherrscht sie teilweise. In ihrem Heimatdorf und auch in der weiteren Umgebung war eine ärztliche Versorgung praktisch inexistent – sie war allerdings nie auf einen Arzt angewiesen. Die drei Kinder sind im kleinen Bauernhaus der Familie zur Welt gekommen. Vor wenigen Monaten musste bei Frau M.S. die Diagnose eines fortgeschrittenen Magenkarzinoms gestellt werden. Die totale Gastrektomie führte nicht zu einer Heilung. Bei nachgewiesenen Lebermetastasen wurde eine Chemotherapie durchgeführt, die sich in den letzten Wochen nicht mehr als effektiv erwies. In einem Gespräch mit Frau M.S. und der übersetzenden Tochter soll sie von ihrer Hausärztin über die Prognose informiert werden. Die Bedürfnisse der Patientin sollen ­erfasst werden; zudem soll sie vorausverfügen, welchen lebenserhaltenden Massnahmen sie zustimmen möchte und welchen nicht. Nach dem Aufklärungsgespräch durch die Hausärztin spricht die Tochter mit ihrer Mutter eingehend in kurdischer Sprache. Auf die Frage, ob Frau M.S. Fragen habe, verneint die Tochter. Die Tochter bittet die Hausärztin, noch einige Worte mit ihr unter vier Augen wechseln zu können. Nachdem Frau M.S. das Sprechzimmer verlassen hat, teilt die Tochter der Hausärztin mit, dass sie ihrer Mutter die schlechte Prognose nicht mitgeteilt habe. Im Gegenteil habe sie ihr gesagt, dass sie ganz bald wieder gesund werde. Die Tochter bittet die Hausärztin, zukünftig nur mit ihr und niemals direkt mit der Mutter zu sprechen. Die Familie habe sich im übrigen Gedanken gemacht, weswegen die Mutter so schwer erkrankt sei. Man sei zum Schluss gekommen, dass Frau M.S. eine schreckliche Tat ihres Bruders sühnen müsse, der vor 20 Jahren im Streit seine Ehegattin getötet habe. Falls sich der Zustand der Mutter verschlechtere, möge die Hausärztin dies der Familie zeitgerecht mitteilen, damit Frau M.S. in ­Begleitung ihrer Familie in die Heimat zurückfliegen könne. Frau M.S. soll in ihrem Dorf sterben können und auch dort beerdigt werden. Ihrer Mutter würde man aber mitteilen, dass die Familie für Ferien in die Türkei fliegen würde. Daher möge man ihr auch keine zu stark sedierenden Schmerzmittel verabreichen.

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Other titles:Wahrnehmung und Wertschätzung von Unterschieden und Gemeinsamkeiten : Diversitätssensitive Palliative Care
Item Type:Journal Article, refereed, original work
Communities & Collections:04 Faculty of Medicine > Swiss Research Institute for Public Health and Addiction
Dewey Decimal Classification:610 Medicine & health
Language:German
Date:1 September 2020
Deposited On:21 Jan 2021 14:30
Last Modified:21 Jan 2021 14:31
Publisher:EMH Swiss Medical Publishers
ISSN:2297-7155
OA Status:Gold
Free access at:Publisher DOI. An embargo period may apply.
Publisher DOI:https://doi.org/10.4414/phc-f.2020.10251

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