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Qualität der Medien. Schweiz – Suisse – Svizzera. Jahrbuch 2022


Qualität der Medien. Schweiz – Suisse – Svizzera. Jahrbuch 2022. Edited by: Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) (2022). Basel: Schwabe Verlag.

Abstract

Informationsmedien sind zentral für den politischen Prozess. Die zwei ersten Vertiefungsstudien des Jahrbuchs Qualität der Medien 2022 zeigen dahingehend eine wenig erfreuliche Entwicklung. Für unsere erste Untersuchung haben wir mit einem innovativen Verfahren die Mediennutzung von jungen Erwachsenen auf ihrem Smartphone aufgezeichnet. Dafür haben wir mit Adrian Rauchfleisch von der National Taiwan University und Pascal Jürgens von der Universität Mainz zusammengearbeitet. Die Ergebnisse der Untersuchung sind ernüchternd. Die mobile News-Nutzung ist auffallend gering. Der durchschnittliche News-Konsum via Smartphone beträgt nur gerade 7 Minuten pro Tag. Die Diagnose der News-Deprivation, d. h. der Unterversorgung mit professionell und gemäss Qualitätsstandards erstellten News, erhärtet sich. Das ist problematisch. Dies zeigt auch unsere zweite Vertiefungsstudie, die wir zusammen mit den Kollegen Tobias Keller und Lukas Golder von GFS Bern durchgeführt haben. Die Untersuchung am Beispiel des Abstimmungswochenendes von 13. Februar 2022 zeigt, dass die Gruppe der News-Deprivierten im Vergleich zu Personen mit anderen Newsrepertoires weniger oft am politischen Prozess teilnehmen, ein geringeres Politikinteresse aufweisen und den politischen Institutionen weniger stark vertrauen. Diese beiden Vertiefungsstudien verdeutlichen die Wichtigkeit von Journalismus für die politischen Prozesse in der Schweiz, gleichzeitig aber auch, dass dieser an gesellschaftlicher Reichweite verliert, mit Folgen für das politische Interesse, das Institutionenvertrauen und die demokratische Teilhabe.
Vier weitere Vertiefungsstudien und die jährlich durchgeführten Analysen beleuchten das schwierige Umfeld des Journalismus und machen deutlich, dass die Medienqualität insgesamt nach wie vor relativ hoch ist, aber dass sich in mehreren Bereichen Qualitätsdefizite zeigen.
Ressourcen sind zentral für den Journalismus, auch wenn es um die Berichterstattung über Ereignisse im Ausland geht. Unsere Studie zur Qualität der Berichterstattung über den Ukrainekrieg zeigt, dass Schweizer Medien trotz insgesamt guter Qualität eine hohe Abhängigkeit von externen Quellen aufweisen. Nur wenige Medien verfügen noch über Auslandskorrespondent:innen. Deshalb greifen sie zum einen oft auf Agenturmeldungen zurück. Zum anderen werden in der Kriegsberichterstattung viele militärische und staatliche Quellen verwendet. Letzteres ist problematisch, da diese Quellen oftmals Propaganda betreiben und möglicherweise auch auf Desinformation zurückgreifen. Zusätzlich existieren blinde Flecken in der Berichterstattung über den Ukrainekrieg. Die Berichterstattung fokussiert sehr stark auf die beiden Konfliktparteien Ukraine und Russland und vernachlässigt komplexere Zusammenhänge, etwa die kriegsbedingt drohende Hungersnot in den Ländern des globalen Südens.
Komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge aufzuzeigen, gehört zur Rolle des Wirtschaftsjournalismus. Unsere Studie zur Entwicklung der Qualität der Wirtschaftsberichterstattung, die wir mit Nadine Strauss vom Institut für Kommunikationswissenschaften und Medienforschung der Universität Zürich (IKMZ) realisiert haben, zeigt gerade im Bereich der Einordnung gesamtwirtschaftlicher Zusammenhänge Defizite. Zudem mangelt es der Wirtschaftsberichterstattung wie der Medienberichterstattung generell an Vielfalt. Unsere Studie zeigt, dass Frauen nach wie vor eine untergeordnete Rolle in der Berichterstattung zu Wirtschaftsthemen spielen. Positiv ist aber, dass der Anteil an Frauen in der Wirtschaftsberichterstattung im Vergleich zu anderen Themenbereichen wie Politik, Sport und Kultur seit 2015 am stärksten gewachsen ist.
Das gesellschaftliche Umfeld ist für den Journalismus zunehmend schwierig geworden. Journalist:innen werden in westlichen Ländern immer öfter Ziel von Beeinflussungsversuchen und Gewaltandrohungen – auch in der Schweiz. Dies ist ein Problem, denn Journalist:innen, die sich nicht einschüchtern lassen und den Mut haben, genauer zu recherchieren und kritische Fragen zu stellen, sind für die sogenannte Watchdog- beziehungsweise Kritik- und Kontrollfunktion des Journalismus unerlässlich. Die
I. Hauptbefunde – Zunahme der News-Deprivation mit negativen Folgen für den demokratischen Prozess
Mark Eisenegger, Daniel Vogler
10 I. Hauptbefunde
Vertiefungsstudie von Lea Stahel vom Soziologischen Institut der Universität Zürich (SUZ) zeigt, dass in der Schweiz fast neun von zehn (87%) befragten Journalist:innen gemäss eigenen Aussagen während der Corona-Pandemie mindestens einmal Ziel von Beeinflussungsversuchen waren. Am häufigsten sind diese informationeller Art wie die Verbreitung diffamierender Informationen über Journalist:innen oder der angedrohte Entzug des Zugangs zu Informationen. Angedrohte oder tatsächlich ausgeübte physische Gewalt sind weniger ausgeprägt. Deren Ausmass bleibt aber trotzdem besorgniserregend.
Auch die Eigenheiten von Medienmärkten bieten bessere oder eben schwierigere Rahmenbedingungen. Eine Vertiefungsstudie zum Medienmarkt der Svizzera italiana, die in Kooperation mit Colin Porlezza von der Università della Svizzera italiana (USI) in Lugano realisiert wurde, macht die sehr speziellen strukturellen Rahmenbedingungen des Medienmarktes der Svizzera italiana deutlich. Die Svizzera italiana weist Merkmale kleinstaatlicher Mediensysteme auf, wobei insbesondere die begrenzten Werbe- und Publikumsmärkte die Finanzierung der Medien erschweren und eine Ausdifferenzierung des Medienangebots hemmen. Vor diesem Hintergrund bieten die journalistischen Medien im Tessin im sprachregionalen Vergleich eine gute Qualität, sind aber besonders stark von schwindenden Ressourcen im Journalismus betroffen.
Fokussiert man auf die Qualitätsdynamik in der Schweizer Medienarena insgesamt, so machen sich 2021 die Corona-Pandemie-bedingten Veränderungen nochmals deutlicher bemerkbar als im Vorjahr. Im Vergleich zum letzten Jahrbuch haben die Schweizer Informationsmedien noch mehr über relevante politische Themen, allen voran über die Schweizer Politik, als über Softnews berichtet. Auch verbessern sich die Einordnungsleistungen, d. h. der Trend der letzten Jahre einer abnehmenden Hintergrundberichterstattung konnte vorerst gebremst werden. Dabei bleibt aber die Vielfalt auf der Strecke. Insbesondere die geografische Vielfalt nimmt ab. In einer Zeit, die stark von globalen Herausforderungen geprägt ist (Ukrainekrieg, Pandemie, Inflation, Energiekrise, Klimawandel) nimmt die Auslandsberichterstattung im Verlauf der letzten sechs Jahre, und verstärkt während der Pandemie, um zehn Prozentpunkte ab, während die Medien immer mehr auf nationale Themen und Ereignisse fokussieren. Die Bedeutung der für einen vom Ausland abhängigen Kleinstaat wie die Schweiz besonders wichtigen Auslandsberichterstattung nimmt ab, und damit auch die Fähigkeit, rechtzeitig auf internationale Ereignisse zu reagieren bzw. von ihnen zu lernen.
Diese Hauptbefunde fassen die zentralen Erkenntnisse der sechs Studien sowie die Erträge des Jahrbuchs, Ausgabe 2022, zur Entwicklung der Medienqualität, zur Mediennutzung, zu den Einstellungen der Schweizer Bevölkerung gegenüber dem Journalismus, zur finanziellen Situation des Schweizer Informationsjournalismus sowie zur Medienkonzentration zusammen. Den Abschluss bildet das Fazit mit den Handlungsempfehlungen.

Abstract

Informationsmedien sind zentral für den politischen Prozess. Die zwei ersten Vertiefungsstudien des Jahrbuchs Qualität der Medien 2022 zeigen dahingehend eine wenig erfreuliche Entwicklung. Für unsere erste Untersuchung haben wir mit einem innovativen Verfahren die Mediennutzung von jungen Erwachsenen auf ihrem Smartphone aufgezeichnet. Dafür haben wir mit Adrian Rauchfleisch von der National Taiwan University und Pascal Jürgens von der Universität Mainz zusammengearbeitet. Die Ergebnisse der Untersuchung sind ernüchternd. Die mobile News-Nutzung ist auffallend gering. Der durchschnittliche News-Konsum via Smartphone beträgt nur gerade 7 Minuten pro Tag. Die Diagnose der News-Deprivation, d. h. der Unterversorgung mit professionell und gemäss Qualitätsstandards erstellten News, erhärtet sich. Das ist problematisch. Dies zeigt auch unsere zweite Vertiefungsstudie, die wir zusammen mit den Kollegen Tobias Keller und Lukas Golder von GFS Bern durchgeführt haben. Die Untersuchung am Beispiel des Abstimmungswochenendes von 13. Februar 2022 zeigt, dass die Gruppe der News-Deprivierten im Vergleich zu Personen mit anderen Newsrepertoires weniger oft am politischen Prozess teilnehmen, ein geringeres Politikinteresse aufweisen und den politischen Institutionen weniger stark vertrauen. Diese beiden Vertiefungsstudien verdeutlichen die Wichtigkeit von Journalismus für die politischen Prozesse in der Schweiz, gleichzeitig aber auch, dass dieser an gesellschaftlicher Reichweite verliert, mit Folgen für das politische Interesse, das Institutionenvertrauen und die demokratische Teilhabe.
Vier weitere Vertiefungsstudien und die jährlich durchgeführten Analysen beleuchten das schwierige Umfeld des Journalismus und machen deutlich, dass die Medienqualität insgesamt nach wie vor relativ hoch ist, aber dass sich in mehreren Bereichen Qualitätsdefizite zeigen.
Ressourcen sind zentral für den Journalismus, auch wenn es um die Berichterstattung über Ereignisse im Ausland geht. Unsere Studie zur Qualität der Berichterstattung über den Ukrainekrieg zeigt, dass Schweizer Medien trotz insgesamt guter Qualität eine hohe Abhängigkeit von externen Quellen aufweisen. Nur wenige Medien verfügen noch über Auslandskorrespondent:innen. Deshalb greifen sie zum einen oft auf Agenturmeldungen zurück. Zum anderen werden in der Kriegsberichterstattung viele militärische und staatliche Quellen verwendet. Letzteres ist problematisch, da diese Quellen oftmals Propaganda betreiben und möglicherweise auch auf Desinformation zurückgreifen. Zusätzlich existieren blinde Flecken in der Berichterstattung über den Ukrainekrieg. Die Berichterstattung fokussiert sehr stark auf die beiden Konfliktparteien Ukraine und Russland und vernachlässigt komplexere Zusammenhänge, etwa die kriegsbedingt drohende Hungersnot in den Ländern des globalen Südens.
Komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge aufzuzeigen, gehört zur Rolle des Wirtschaftsjournalismus. Unsere Studie zur Entwicklung der Qualität der Wirtschaftsberichterstattung, die wir mit Nadine Strauss vom Institut für Kommunikationswissenschaften und Medienforschung der Universität Zürich (IKMZ) realisiert haben, zeigt gerade im Bereich der Einordnung gesamtwirtschaftlicher Zusammenhänge Defizite. Zudem mangelt es der Wirtschaftsberichterstattung wie der Medienberichterstattung generell an Vielfalt. Unsere Studie zeigt, dass Frauen nach wie vor eine untergeordnete Rolle in der Berichterstattung zu Wirtschaftsthemen spielen. Positiv ist aber, dass der Anteil an Frauen in der Wirtschaftsberichterstattung im Vergleich zu anderen Themenbereichen wie Politik, Sport und Kultur seit 2015 am stärksten gewachsen ist.
Das gesellschaftliche Umfeld ist für den Journalismus zunehmend schwierig geworden. Journalist:innen werden in westlichen Ländern immer öfter Ziel von Beeinflussungsversuchen und Gewaltandrohungen – auch in der Schweiz. Dies ist ein Problem, denn Journalist:innen, die sich nicht einschüchtern lassen und den Mut haben, genauer zu recherchieren und kritische Fragen zu stellen, sind für die sogenannte Watchdog- beziehungsweise Kritik- und Kontrollfunktion des Journalismus unerlässlich. Die
I. Hauptbefunde – Zunahme der News-Deprivation mit negativen Folgen für den demokratischen Prozess
Mark Eisenegger, Daniel Vogler
10 I. Hauptbefunde
Vertiefungsstudie von Lea Stahel vom Soziologischen Institut der Universität Zürich (SUZ) zeigt, dass in der Schweiz fast neun von zehn (87%) befragten Journalist:innen gemäss eigenen Aussagen während der Corona-Pandemie mindestens einmal Ziel von Beeinflussungsversuchen waren. Am häufigsten sind diese informationeller Art wie die Verbreitung diffamierender Informationen über Journalist:innen oder der angedrohte Entzug des Zugangs zu Informationen. Angedrohte oder tatsächlich ausgeübte physische Gewalt sind weniger ausgeprägt. Deren Ausmass bleibt aber trotzdem besorgniserregend.
Auch die Eigenheiten von Medienmärkten bieten bessere oder eben schwierigere Rahmenbedingungen. Eine Vertiefungsstudie zum Medienmarkt der Svizzera italiana, die in Kooperation mit Colin Porlezza von der Università della Svizzera italiana (USI) in Lugano realisiert wurde, macht die sehr speziellen strukturellen Rahmenbedingungen des Medienmarktes der Svizzera italiana deutlich. Die Svizzera italiana weist Merkmale kleinstaatlicher Mediensysteme auf, wobei insbesondere die begrenzten Werbe- und Publikumsmärkte die Finanzierung der Medien erschweren und eine Ausdifferenzierung des Medienangebots hemmen. Vor diesem Hintergrund bieten die journalistischen Medien im Tessin im sprachregionalen Vergleich eine gute Qualität, sind aber besonders stark von schwindenden Ressourcen im Journalismus betroffen.
Fokussiert man auf die Qualitätsdynamik in der Schweizer Medienarena insgesamt, so machen sich 2021 die Corona-Pandemie-bedingten Veränderungen nochmals deutlicher bemerkbar als im Vorjahr. Im Vergleich zum letzten Jahrbuch haben die Schweizer Informationsmedien noch mehr über relevante politische Themen, allen voran über die Schweizer Politik, als über Softnews berichtet. Auch verbessern sich die Einordnungsleistungen, d. h. der Trend der letzten Jahre einer abnehmenden Hintergrundberichterstattung konnte vorerst gebremst werden. Dabei bleibt aber die Vielfalt auf der Strecke. Insbesondere die geografische Vielfalt nimmt ab. In einer Zeit, die stark von globalen Herausforderungen geprägt ist (Ukrainekrieg, Pandemie, Inflation, Energiekrise, Klimawandel) nimmt die Auslandsberichterstattung im Verlauf der letzten sechs Jahre, und verstärkt während der Pandemie, um zehn Prozentpunkte ab, während die Medien immer mehr auf nationale Themen und Ereignisse fokussieren. Die Bedeutung der für einen vom Ausland abhängigen Kleinstaat wie die Schweiz besonders wichtigen Auslandsberichterstattung nimmt ab, und damit auch die Fähigkeit, rechtzeitig auf internationale Ereignisse zu reagieren bzw. von ihnen zu lernen.
Diese Hauptbefunde fassen die zentralen Erkenntnisse der sechs Studien sowie die Erträge des Jahrbuchs, Ausgabe 2022, zur Entwicklung der Medienqualität, zur Mediennutzung, zu den Einstellungen der Schweizer Bevölkerung gegenüber dem Journalismus, zur finanziellen Situation des Schweizer Informationsjournalismus sowie zur Medienkonzentration zusammen. Den Abschluss bildet das Fazit mit den Handlungsempfehlungen.

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Item Type:Edited Scientific Work
Communities & Collections:06 Faculty of Arts > Department of Communication and Media Research
06 Faculty of Arts > Institute for Research on the Public Sphere and Society
Dewey Decimal Classification:070 News media, journalism & publishing
300 Social sciences, sociology & anthropology
Language:German
Date:1 January 2022
Deposited On:13 Dec 2022 15:19
Last Modified:01 Mar 2024 13:27
Publisher:Schwabe Verlag
Series Name:Jahrbuch Qualität der Medien
Volume:2022
Number of Pages:166
ISSN:1664-4131
ISBN:978-3-7965-4646-4
OA Status:Gold
Free access at:Publisher DOI. An embargo period may apply.
Publisher DOI:https://doi.org/10.24894/978-3-7965-4646-4
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