Header

UZH-Logo

Maintenance Infos

Entwicklung der Sprachkompetenzen in der Erst- und Zweitsprache von Migrantenkindern : Ergebnisse aus Leistungsmessungen bei fremdsprachigen Zürcher Kindergartenkindern


Bayer, Nicole. Entwicklung der Sprachkompetenzen in der Erst- und Zweitsprache von Migrantenkindern : Ergebnisse aus Leistungsmessungen bei fremdsprachigen Zürcher Kindergartenkindern. 2011, University of Zurich, Faculty of Arts.

Abstract

Obwohl die sprachwissenschaftlichen Hypothesen von Cummins nicht empirisch belegt sind und somit Ungewissheit über ihre praktische Relevanz in Bezug auf das Erlernen einer zwei- ten Sprache neben der Erstsprache besteht, beeinflussen sie die bildungspolitische Diskussion über den Spracherwerb bei Migrantenkindern nachhaltig. Cummins schreibt den Sprachkom- petenzen in der Erstsprache grosse Bedeutung für den Spracherwerb in der Zweitsprache zu. Zudem sollen gute Sprachkompetenzen in der Erst- und der Zweitsprache die kognitive Ent- wicklung beeinflussen. In der vorliegenden Arbeit wurde daher überprüft, welche Bedeutung das Beherrschen der Erstsprache für den erfolgreichen Erwerb der Zweitsprache hat [Interde- pendenzhypothese]. Im Weiteren wurde überprüft, ob sich das Beherrschen einer zweiten Sprache ab einem gewissen Niveau positiv auf die kognitive Entwicklung auswirkt [Schwel- lenhypothese].

Für die Überprüfung der Hypothesen wurde eine sprachwissenschaftlich fundierte Interventi- on konzipiert und mit Migrantenkindern in Kindergärten der Stadt Zürich durchgeführt. Die Intervention berücksichtigt die Erkenntnisse zum bilingualen Spracherwerb, insbesondere die Transferleistungen zwischen Erst- und Zweitsprache und trägt zudem der zentralen Rolle des sozialen Umfeldes (Familie) für die Sprachentwicklung Rechnung. Konkret umfasst sie (1) Unterricht in der Erstsprache integriert in den Kindergarten, (2) koordinierten Unterricht in der Erst- und Zweitsprache durch gleiche Themen sowie (3) den Einbezug der Eltern.

Die Auswirkungen auf die Entwicklung der Sprachkompetenzen in der Erst- und Zweitspra- che wurden mittels einer quasi-experimentellen Längsschnittstudie mit Experimental- und Kontrollgruppe überprüft [Interventionshypothese]. Insgesamt waren 183 Kinder – 65 Kinder in der Experimentalgruppe, 118 Kinder in der Kontrollgruppe – mit Erstsprache Albanisch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, Portugiesisch, Spanisch oder Tamil an der Studie beteiligt.

Um Erkenntnisse darüber zu erhalten, ob die Intervention den Migrantenkindern hilft ihre grossen Rückstände im sprachlichen Bereich während des Kindergartens aufzuholen, wurden ihre Sprachkompetenzen in der Erst- und der Zweitsprache mit den Sprachkompetenzen ein- heimischer, mit Deutsch als Erstsprache aufwachsender Kinder verglichen.

Die Wirkung der Intervention auf die Sprachkompetenzen der Migrantenkinder der Experi- mentalgruppe fällt unterschiedlich aus. Positive Effekte hatte die Intervention auf die Ent- wicklung der Sprachkompetenzen in der Erstsprache, auf die Entwicklung der allgemeinen kognitiven Grundfähigkeiten sowie auf das Fähigkeitsselbstkonzept. Keine Effekte hatte die Intervention auf die Entwicklung der Sprachkompetenzen in der Zweitsprache Deutsch.

Für die Bereiche phonologische Bewusstheit sowie Buchstabenkenntnisse und erstes Lesen gibt es Hinweise, dass gewisse Transferleistungen von der Erst- auf die Zweitsprache oder umgekehrt zum Tragen kommen. Allerdings müssen die Effekte als mittel bis gering bezeich- net werden. Somit liess sich die Interdependenzhypothese nur beschränkt nachweisen.

Zudem erzielten diejenigen Migrantenkinder, die am Ende des zweiten Kindergartenjahres – kurz vor dem Schuleintritt – über vergleichsweise gute Sprachkompetenzen verfügten, in der allgemeinen kognitiven Entwicklung die grössten Lernfortschritte. Dieses Ergebnis kann zwar als Hinweis für die Plausibilität der Schwellenhypothese interpretiert werden; es entspricht jedoch keiner Bestätigung der Hypothese.

Der Vergleich des Lernfortschritts und des Sprachstandes in der Erst- und Zweitsprache mit den einheimischen, deutschsprachigen Kindern zeigt, dass die Migrantenkinder beim Schul- eintritt nicht einfach über ungenügende Sprachkompetenzen oder über ungenügende allge- meine kognitive Fähigkeiten verfügen. Mit der Intervention (Migrantenkinder der Experimen- talgruppe) sind die Kompetenzen in der Erstsprache gleich gross wie diejenigen der einheimi- schen Kindergartenkinder in Deutsch. Die Lernfortschritte in der Zweitsprache Deutsch wäh- rend der zwei Jahre im Kindergarten sind auch nicht kleiner als in der Erstsprache. Die Sprachkompetenzen der Migrantenkinder sind aber in Deutsch beim Eintritt in den Kindergar- ten derart gering, dass die Rückstände bis zum Schuleintritt längst nicht aufgeholt werden können. Although the linguistical hypotheses of Cummins are not empirically proven and there is un- certainty about their practical relevance on learning a second language (L2), these hypotheses strongly affect the educational debate on the learning of migrant children. Cummins wrote that the language skills in the first language (L1) were important for learning L2. Besides, good linguistic skills in L1 and L2 should positively influence the cognitive development. Hence, in the present work, it was examined which importance competences in L1 had for the successful acquisition of L2 [interdependence hypothesis]. Furthermore, it was examined whether a high level of competence in a second language positively affects the cognitive de- velopment [threshold hypothesis].

An intervention was conceived for the examination of the hypotheses and was implemented with migrant's children in kindergartens in the city of Zurich. The intervention considered the theoretical knowledge about bilingual language acquisition, in particular the transfer between L1 and L2. Besides, it took into account the central role of the family for the language deve- lopment. It enclosed (1) lessons in L1 integrated into the kindergarten, (2) co-ordinated les- sons in L1 and L2 by the same subjects as well as (3) the inclusion of the parents.

The effects of the intervention on the development of the linguistic skills in L1 and L2 were examined with a quasi-experimental longitudinal study with experimental group and control group [intervention hypothesis]. All together, 183 children – 65 children in the experimental group, 118 children in the control group – were involved into the study. They spoke Albanian, Bosnian/Croatian/Serbian, Portuguese, Spanish, or Tamil as L1.

To receive knowledge about whether the intervention helped the migrant's children to catch up their big deficits in L2 while the two years of kindergarten, their linguistic skills in L1 and L2 were compared with the linguistic skills of children grown up with German as L1.

The results showed different effects of the intervention on the linguistic skills of the migrant's children of the experimental group. The intervention had positive effects on the development of the linguistic skills in L1, on the development of the general cognitive abilities as well as on the self-concept. The intervention had no effects on the development of the linguistic skills in L2.

For phonological awareness as well as spelling/primer reading there were indications that cer- tain transfer from L1 to L2 was possible and vice versa. Indeed, the effects must be called slightly to medium. Therefore, the interdependence hypothesis could be proven only limited. Besides, those migrant's children, who had relatively good linguistic skills in L1 and L2 at the end of the second kindergarten year – shortly before entering school –, achieved the biggest learning progress in the general cognitive abilities. Though this result can be interpreted as plausibility of the threshold hypothesis; nevertheless, it is not a confirmation of the hypothe- sis.

The comparison of the learning progress and the linguistic level in L1 and L2 with the local German-speaking children showed that the migrant's children do not have insufficient linguis- tic skills or insufficient general cognitive abilities at the school entry. With the intervention (migrant's children of the experimental group) the skills in L1 were as good as those of the local kindergarten children in German. The learning progress in L2 was also not smaller than the one in L1 while the two years of kindergarten. However, the linguistic skills in German of the migrant's children were so low at the entry into kindergarten that the deficits could not be made up until the school entry.

Abstract

Obwohl die sprachwissenschaftlichen Hypothesen von Cummins nicht empirisch belegt sind und somit Ungewissheit über ihre praktische Relevanz in Bezug auf das Erlernen einer zwei- ten Sprache neben der Erstsprache besteht, beeinflussen sie die bildungspolitische Diskussion über den Spracherwerb bei Migrantenkindern nachhaltig. Cummins schreibt den Sprachkom- petenzen in der Erstsprache grosse Bedeutung für den Spracherwerb in der Zweitsprache zu. Zudem sollen gute Sprachkompetenzen in der Erst- und der Zweitsprache die kognitive Ent- wicklung beeinflussen. In der vorliegenden Arbeit wurde daher überprüft, welche Bedeutung das Beherrschen der Erstsprache für den erfolgreichen Erwerb der Zweitsprache hat [Interde- pendenzhypothese]. Im Weiteren wurde überprüft, ob sich das Beherrschen einer zweiten Sprache ab einem gewissen Niveau positiv auf die kognitive Entwicklung auswirkt [Schwel- lenhypothese].

Für die Überprüfung der Hypothesen wurde eine sprachwissenschaftlich fundierte Interventi- on konzipiert und mit Migrantenkindern in Kindergärten der Stadt Zürich durchgeführt. Die Intervention berücksichtigt die Erkenntnisse zum bilingualen Spracherwerb, insbesondere die Transferleistungen zwischen Erst- und Zweitsprache und trägt zudem der zentralen Rolle des sozialen Umfeldes (Familie) für die Sprachentwicklung Rechnung. Konkret umfasst sie (1) Unterricht in der Erstsprache integriert in den Kindergarten, (2) koordinierten Unterricht in der Erst- und Zweitsprache durch gleiche Themen sowie (3) den Einbezug der Eltern.

Die Auswirkungen auf die Entwicklung der Sprachkompetenzen in der Erst- und Zweitspra- che wurden mittels einer quasi-experimentellen Längsschnittstudie mit Experimental- und Kontrollgruppe überprüft [Interventionshypothese]. Insgesamt waren 183 Kinder – 65 Kinder in der Experimentalgruppe, 118 Kinder in der Kontrollgruppe – mit Erstsprache Albanisch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, Portugiesisch, Spanisch oder Tamil an der Studie beteiligt.

Um Erkenntnisse darüber zu erhalten, ob die Intervention den Migrantenkindern hilft ihre grossen Rückstände im sprachlichen Bereich während des Kindergartens aufzuholen, wurden ihre Sprachkompetenzen in der Erst- und der Zweitsprache mit den Sprachkompetenzen ein- heimischer, mit Deutsch als Erstsprache aufwachsender Kinder verglichen.

Die Wirkung der Intervention auf die Sprachkompetenzen der Migrantenkinder der Experi- mentalgruppe fällt unterschiedlich aus. Positive Effekte hatte die Intervention auf die Ent- wicklung der Sprachkompetenzen in der Erstsprache, auf die Entwicklung der allgemeinen kognitiven Grundfähigkeiten sowie auf das Fähigkeitsselbstkonzept. Keine Effekte hatte die Intervention auf die Entwicklung der Sprachkompetenzen in der Zweitsprache Deutsch.

Für die Bereiche phonologische Bewusstheit sowie Buchstabenkenntnisse und erstes Lesen gibt es Hinweise, dass gewisse Transferleistungen von der Erst- auf die Zweitsprache oder umgekehrt zum Tragen kommen. Allerdings müssen die Effekte als mittel bis gering bezeich- net werden. Somit liess sich die Interdependenzhypothese nur beschränkt nachweisen.

Zudem erzielten diejenigen Migrantenkinder, die am Ende des zweiten Kindergartenjahres – kurz vor dem Schuleintritt – über vergleichsweise gute Sprachkompetenzen verfügten, in der allgemeinen kognitiven Entwicklung die grössten Lernfortschritte. Dieses Ergebnis kann zwar als Hinweis für die Plausibilität der Schwellenhypothese interpretiert werden; es entspricht jedoch keiner Bestätigung der Hypothese.

Der Vergleich des Lernfortschritts und des Sprachstandes in der Erst- und Zweitsprache mit den einheimischen, deutschsprachigen Kindern zeigt, dass die Migrantenkinder beim Schul- eintritt nicht einfach über ungenügende Sprachkompetenzen oder über ungenügende allge- meine kognitive Fähigkeiten verfügen. Mit der Intervention (Migrantenkinder der Experimen- talgruppe) sind die Kompetenzen in der Erstsprache gleich gross wie diejenigen der einheimi- schen Kindergartenkinder in Deutsch. Die Lernfortschritte in der Zweitsprache Deutsch wäh- rend der zwei Jahre im Kindergarten sind auch nicht kleiner als in der Erstsprache. Die Sprachkompetenzen der Migrantenkinder sind aber in Deutsch beim Eintritt in den Kindergar- ten derart gering, dass die Rückstände bis zum Schuleintritt längst nicht aufgeholt werden können. Although the linguistical hypotheses of Cummins are not empirically proven and there is un- certainty about their practical relevance on learning a second language (L2), these hypotheses strongly affect the educational debate on the learning of migrant children. Cummins wrote that the language skills in the first language (L1) were important for learning L2. Besides, good linguistic skills in L1 and L2 should positively influence the cognitive development. Hence, in the present work, it was examined which importance competences in L1 had for the successful acquisition of L2 [interdependence hypothesis]. Furthermore, it was examined whether a high level of competence in a second language positively affects the cognitive de- velopment [threshold hypothesis].

An intervention was conceived for the examination of the hypotheses and was implemented with migrant's children in kindergartens in the city of Zurich. The intervention considered the theoretical knowledge about bilingual language acquisition, in particular the transfer between L1 and L2. Besides, it took into account the central role of the family for the language deve- lopment. It enclosed (1) lessons in L1 integrated into the kindergarten, (2) co-ordinated les- sons in L1 and L2 by the same subjects as well as (3) the inclusion of the parents.

The effects of the intervention on the development of the linguistic skills in L1 and L2 were examined with a quasi-experimental longitudinal study with experimental group and control group [intervention hypothesis]. All together, 183 children – 65 children in the experimental group, 118 children in the control group – were involved into the study. They spoke Albanian, Bosnian/Croatian/Serbian, Portuguese, Spanish, or Tamil as L1.

To receive knowledge about whether the intervention helped the migrant's children to catch up their big deficits in L2 while the two years of kindergarten, their linguistic skills in L1 and L2 were compared with the linguistic skills of children grown up with German as L1.

The results showed different effects of the intervention on the linguistic skills of the migrant's children of the experimental group. The intervention had positive effects on the development of the linguistic skills in L1, on the development of the general cognitive abilities as well as on the self-concept. The intervention had no effects on the development of the linguistic skills in L2.

For phonological awareness as well as spelling/primer reading there were indications that cer- tain transfer from L1 to L2 was possible and vice versa. Indeed, the effects must be called slightly to medium. Therefore, the interdependence hypothesis could be proven only limited. Besides, those migrant's children, who had relatively good linguistic skills in L1 and L2 at the end of the second kindergarten year – shortly before entering school –, achieved the biggest learning progress in the general cognitive abilities. Though this result can be interpreted as plausibility of the threshold hypothesis; nevertheless, it is not a confirmation of the hypothe- sis.

The comparison of the learning progress and the linguistic level in L1 and L2 with the local German-speaking children showed that the migrant's children do not have insufficient linguis- tic skills or insufficient general cognitive abilities at the school entry. With the intervention (migrant's children of the experimental group) the skills in L1 were as good as those of the local kindergarten children in German. The learning progress in L2 was also not smaller than the one in L1 while the two years of kindergarten. However, the linguistic skills in German of the migrant's children were so low at the entry into kindergarten that the deficits could not be made up until the school entry.

Statistics

Downloads

247 downloads since deposited on 25 Jan 2011
245 downloads since 12 months
Detailed statistics

Additional indexing

Item Type:Dissertation (monographical)
Referees:Oelkers Jürgen, Moser Urs
Communities & Collections:UZH Dissertations
Dewey Decimal Classification:370 Education
Uncontrolled Keywords:Elektronische Publikation, Evaluation, Kind, Kindergarten, Migrationshintergrund, Sprachkompetenz, Zürich
Language:German
Place of Publication:Schaffhausen
Date:2011
Deposited On:25 Jan 2011 14:55
Last Modified:28 Oct 2019 08:13
Number of Pages:257
OA Status:Green
Official URL:http://www.ibe.uzh.ch/publikationen/Diss13ohneAnhang.pdf
Related URLs:https://www.recherche-portal.ch/primo-explore/fulldisplay?docid=ebi01_prod006536414&context=L&vid=ZAD&search_scope=default_scope&tab=default_tab&lang=de_DE (Library Catalogue)

Download

Green Open Access

Download PDF  'Entwicklung der Sprachkompetenzen in der Erst- und Zweitsprache von Migrantenkindern : Ergebnisse aus Leistungsmessungen bei fremdsprachigen Zürcher Kindergartenkindern'.
Preview
Content: Published Version
Language: German
Filetype: PDF
Size: 8MB