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Die Entstehung von Andri Peers Lyrik im kulturellen Kontext : "Las nuschpignas sun glüms - da blaua aspettativa"


Ganzoni Pitsch, Annetta; Pitsch, Annetta Ganzoni. Die Entstehung von Andri Peers Lyrik im kulturellen Kontext : "Las nuschpignas sun glüms - da blaua aspettativa". 2012, University of Zurich, Faculty of Arts.

Abstract

Zusammenfassung – Summary

Die Entstehung von Andri Peers Lyrik im kulturellen Kontext

Annetta Ganzoni

In Andri Peers Gedichten, Prosastücken, Hörspielen, Briefen, Tagebüchern, Artikeln und Interviews verweist die faszinierende Vielfalt satirischer und ernsthafter Thematisierungen des Schreibens auf ein Problem, dem in dieser Arbeit nachgegangen wird. In der vorliegenden Dissertationsarbeit wurde die Entwicklung von Peers poetischem Schreiben in drei Bereichen aufgearbeitet: In seinen literarischen Thematisierungen des Schreibprozesses, in der formulierten Poetik und in der Reaktion auf die Rezeption seiner Gedichte zeigen sich charakteristische Impulse, die Peers schriftstellerische Arbeit geprägt haben. Seine intensive Suche nach einem überzeugenden rätoromanischen, der zeitgenössischen europäischen Dichtung vergleichbaren poetischen Ausdruck entspricht seinen Bemühungen um angemessene Publikationsmöglichkeiten in Graubünden und in der übrigen Schweiz und um die Aufmerksamkeit einer romanischen und einer nichtromanischen Leserschaft für die Existenz und die Erneuerung der Literatur in einer Kleinkultur. In seinem vier Jahrzehnte umfassenden Schaffen orientiert sich Peer grundsätzlich an den grossen Dichtern der europäischen Moderne und es gehört zu seiner Überzeugung, dass eine ernstzunehmende Dichtung schwierig sein muss. Bereits in seinen ersten Gedichtsammlungen von 1946 und 1948 zeigt sich eine auch experimentelle Vielfalt an Formen und Themen. In seinen Impissamaints zum fünfundzwanzigjährigen Jubiläum des Romanischen als Nationalsprache schreibt Andri Peer in der Regionalzeitung Fögl Ladin vom 5.3.1963: «La poesia sto tschantschar la lingua dals contemporans, sto clomar in els alch ch’els approuvan cun lur vita, sto ils tschüffer [...]. Mo quels chi’s ris-chan sün sendas nouvas ston ir sulets; els passan per experimentaders perguajats o per imitaduors da models esters e tschüffan brav giò per las piclas [...] Üna litteratura chi resta salda moura, ais morta, quel chi ris-cha la poesia, ris-cha tuot. / Das Gedicht muss die Sprache der Zeitgenossen sprechen, muss in ihnen etwas ansprechen, das sie in ihrem Leben betrifft, muss sie packen [...]. Eine Literatur, die still steht stirbt, ist tot, wer die Poesie riskiert, riskiert alles.» Andri Peers Erneuerungsbemühung in der Gestaltung bedeutet auch eine anspruchsvolle Gratwanderung zwischen der Akzeptanz beim einheimischen Publikum und dem Ziel einer sprachübergreifenden Beachtung. Peers problematisches und wenig befriedigendes Verhältnis zum Publikum dokumentieren u.a. Gedichte und Gedichtentwürfe aus dem letzten Jahrzehnt seines Schaffens, in denen er sich, wie in den Versen von Il chomp sulvadi, als einsam und unverstanden bezeichnet. Die mehrfach als Metapher für das kreative Gedicht verwendete Ähre im Wind wird hier, anknüpfend an die Engadiner Kulturgeschichte, in einem traurigen Bild als konkrete und kulturelle Nahrung gezeichnet, die niemand mag:

Il chomp sulvadi Der wilde Acker

Ourasom il rutitsch Am steinigen Bord at spenna il vent legt dich der Wind in uondas d’or. in goldene Wellen.

Chomp sulvadi, Wilder Acker, meis frar scugnuschü. mein verkannter Bruder. Eir tü Auch du madür cun tias gereift mit deinen spias invanas. vergeblichen Ähren.1



1 Erste Publikation 1975, nun in der von Clà Riatsch 2003 herausgegebenen Gesamtedition der romanischen Gedichte Poesias 1946- 1985. Das Gedicht und die deutsche Übertragung von Herbert Meier sind der zweisprachigen Edition Refügi in der Reihe Schweizer Autoren des Wado Verlags von 1980 entnommen. Während der Dichter in seiner ersten Schaffenszeit als sehr innovativ gelten kann, konnte oder wollte er die soziokulturelle Neuorientierung der 1970er-Jahre in seinem lyrischen Werk nur ansatzweise integrieren. Sein werterhaltend konservatives Gesellschaftsbild mag einer individuellen Wahl entsprechen, es kann jedoch auch aus dem regionalistischen Anspruch der Kleinkultur erklärt werden, in der generell die Auseinandersetzungen nicht in den Parametern des «Klassenkampfes», sondern vielmehr in einer auf Bewahrung ausgerichteten, vorsichtigen Anpassung des Kulturverständnisses stattfindet. The Development of Andri Peer’s Verse in a Cultural Context

Annetta Ganzoni

The fascinating variety of satirical and serious topics of Andri Peer’s poems, prose, radio plays, letters, diaries, articles and interviews deals with the processes related to literary writing. The present dissertation paper contains an analysis of the development of Peer’s writing from three perspectives. One focuses on the literary thematisation of the writing process, another on the verbalised poetics, and the third on the reception of his poetry. They all show characteristic impulses which have deeply influenced Peer’s work as an author. His intensive search for a convincing Romansh poetry reflecting the general, contemporary poetic expression in Europe, matches his efforts to find appropriate possibilities for publication in the Canton of Grisons and in the rest of Switzerland as well as his search for the attention of a Romansh, and non-Romansh, readership for the existence and renewal of literature in a regionally limited culture. Over the four decades of his complete work, Peer generally takes his bearings from the great poets of European modernism, and it is his belief that serious poetry must be demanding. Already his first compilations of poetry of 1946 and 1948 reflect a somewhat experimental and rich variety of forms and topics. On 05 March 1963, in his Impissamaints on the twenty-fifth anniversary of Romansh as a national language, Andri Peer writes in the regional newspaper Fögl Ladin: «La poesia sto tschantschar la lingua dals contemporans, sto clomar in els alch ch’els approuvan cun lur vita, sto ils tschüffer [...]. Mo quels chi’s ris- chan sün sendas nouvas ston ir sulets; els passan per experimentaders perguajats o per imitaduors da models esters e tschüffan brav giò per las piclas [...] Üna litteratura chi resta salda moura, ais morta, quel chi ris-cha la poesia, ris-cha tuot. The poem has to reflect the language of contemporaries, has to address something in them that affects their lives, has to capture them [...]. A literature that stands still is dead, and who risks poetry, risks all.» Andri Peer’s effort for renewal in composition also signifies a sophisticated balancing act between the acceptance of the local public and the aim of a cross-linguistic recognition. Peer’s problematic and little satisfying relationship towards the public is documented in poems and drafts for poems from the last decade of his life, in which he characterises himself as solitary and misunderstood, as in the verse of Il chomp sulvadi. Relating to Engadine cultural heritage, an ear of corn in the wind is used here as in other of his poems as a metaphor for creative verse, and as a sad image of concrete and cultural nourishment no one likes:

Il chomp sulvadi

Ourasom il rutitsch at spenna il vent in uondas d’or.

Chomp sulvadi, meis frar scugnuschü. Eir tü madür cun tias spias invanas.2

Whereas the poet can be assessed as being very innovative during the first part of his productive period, he could, or wanted to, integrate the socio-cultural reorientation of the 1970’s into his lyric oeuvre only partially. His picture of a value-preserving and conservative society may correspond to an individual choice, but it may also be interpreted as a regional aspiration of a small local culture in which conflicts do not generally arise along the parameters of «class struggle», but rather as a cautious assimilation of cultural understanding based on conservation.



2 First publication 1975, now in the complete edition of Romansh verse Poesias 1946-1985, published by Clà Riatsch in 2003. «The Wild Field // On rocky banks / the wind bends you / into golden waves. // Wild field, my misunderstood brother. / You, too, / ripened with your / vain ears of corn.» Translation into English by Patrick Low.

Abstract

Zusammenfassung – Summary

Die Entstehung von Andri Peers Lyrik im kulturellen Kontext

Annetta Ganzoni

In Andri Peers Gedichten, Prosastücken, Hörspielen, Briefen, Tagebüchern, Artikeln und Interviews verweist die faszinierende Vielfalt satirischer und ernsthafter Thematisierungen des Schreibens auf ein Problem, dem in dieser Arbeit nachgegangen wird. In der vorliegenden Dissertationsarbeit wurde die Entwicklung von Peers poetischem Schreiben in drei Bereichen aufgearbeitet: In seinen literarischen Thematisierungen des Schreibprozesses, in der formulierten Poetik und in der Reaktion auf die Rezeption seiner Gedichte zeigen sich charakteristische Impulse, die Peers schriftstellerische Arbeit geprägt haben. Seine intensive Suche nach einem überzeugenden rätoromanischen, der zeitgenössischen europäischen Dichtung vergleichbaren poetischen Ausdruck entspricht seinen Bemühungen um angemessene Publikationsmöglichkeiten in Graubünden und in der übrigen Schweiz und um die Aufmerksamkeit einer romanischen und einer nichtromanischen Leserschaft für die Existenz und die Erneuerung der Literatur in einer Kleinkultur. In seinem vier Jahrzehnte umfassenden Schaffen orientiert sich Peer grundsätzlich an den grossen Dichtern der europäischen Moderne und es gehört zu seiner Überzeugung, dass eine ernstzunehmende Dichtung schwierig sein muss. Bereits in seinen ersten Gedichtsammlungen von 1946 und 1948 zeigt sich eine auch experimentelle Vielfalt an Formen und Themen. In seinen Impissamaints zum fünfundzwanzigjährigen Jubiläum des Romanischen als Nationalsprache schreibt Andri Peer in der Regionalzeitung Fögl Ladin vom 5.3.1963: «La poesia sto tschantschar la lingua dals contemporans, sto clomar in els alch ch’els approuvan cun lur vita, sto ils tschüffer [...]. Mo quels chi’s ris-chan sün sendas nouvas ston ir sulets; els passan per experimentaders perguajats o per imitaduors da models esters e tschüffan brav giò per las piclas [...] Üna litteratura chi resta salda moura, ais morta, quel chi ris-cha la poesia, ris-cha tuot. / Das Gedicht muss die Sprache der Zeitgenossen sprechen, muss in ihnen etwas ansprechen, das sie in ihrem Leben betrifft, muss sie packen [...]. Eine Literatur, die still steht stirbt, ist tot, wer die Poesie riskiert, riskiert alles.» Andri Peers Erneuerungsbemühung in der Gestaltung bedeutet auch eine anspruchsvolle Gratwanderung zwischen der Akzeptanz beim einheimischen Publikum und dem Ziel einer sprachübergreifenden Beachtung. Peers problematisches und wenig befriedigendes Verhältnis zum Publikum dokumentieren u.a. Gedichte und Gedichtentwürfe aus dem letzten Jahrzehnt seines Schaffens, in denen er sich, wie in den Versen von Il chomp sulvadi, als einsam und unverstanden bezeichnet. Die mehrfach als Metapher für das kreative Gedicht verwendete Ähre im Wind wird hier, anknüpfend an die Engadiner Kulturgeschichte, in einem traurigen Bild als konkrete und kulturelle Nahrung gezeichnet, die niemand mag:

Il chomp sulvadi Der wilde Acker

Ourasom il rutitsch Am steinigen Bord at spenna il vent legt dich der Wind in uondas d’or. in goldene Wellen.

Chomp sulvadi, Wilder Acker, meis frar scugnuschü. mein verkannter Bruder. Eir tü Auch du madür cun tias gereift mit deinen spias invanas. vergeblichen Ähren.1



1 Erste Publikation 1975, nun in der von Clà Riatsch 2003 herausgegebenen Gesamtedition der romanischen Gedichte Poesias 1946- 1985. Das Gedicht und die deutsche Übertragung von Herbert Meier sind der zweisprachigen Edition Refügi in der Reihe Schweizer Autoren des Wado Verlags von 1980 entnommen. Während der Dichter in seiner ersten Schaffenszeit als sehr innovativ gelten kann, konnte oder wollte er die soziokulturelle Neuorientierung der 1970er-Jahre in seinem lyrischen Werk nur ansatzweise integrieren. Sein werterhaltend konservatives Gesellschaftsbild mag einer individuellen Wahl entsprechen, es kann jedoch auch aus dem regionalistischen Anspruch der Kleinkultur erklärt werden, in der generell die Auseinandersetzungen nicht in den Parametern des «Klassenkampfes», sondern vielmehr in einer auf Bewahrung ausgerichteten, vorsichtigen Anpassung des Kulturverständnisses stattfindet. The Development of Andri Peer’s Verse in a Cultural Context

Annetta Ganzoni

The fascinating variety of satirical and serious topics of Andri Peer’s poems, prose, radio plays, letters, diaries, articles and interviews deals with the processes related to literary writing. The present dissertation paper contains an analysis of the development of Peer’s writing from three perspectives. One focuses on the literary thematisation of the writing process, another on the verbalised poetics, and the third on the reception of his poetry. They all show characteristic impulses which have deeply influenced Peer’s work as an author. His intensive search for a convincing Romansh poetry reflecting the general, contemporary poetic expression in Europe, matches his efforts to find appropriate possibilities for publication in the Canton of Grisons and in the rest of Switzerland as well as his search for the attention of a Romansh, and non-Romansh, readership for the existence and renewal of literature in a regionally limited culture. Over the four decades of his complete work, Peer generally takes his bearings from the great poets of European modernism, and it is his belief that serious poetry must be demanding. Already his first compilations of poetry of 1946 and 1948 reflect a somewhat experimental and rich variety of forms and topics. On 05 March 1963, in his Impissamaints on the twenty-fifth anniversary of Romansh as a national language, Andri Peer writes in the regional newspaper Fögl Ladin: «La poesia sto tschantschar la lingua dals contemporans, sto clomar in els alch ch’els approuvan cun lur vita, sto ils tschüffer [...]. Mo quels chi’s ris- chan sün sendas nouvas ston ir sulets; els passan per experimentaders perguajats o per imitaduors da models esters e tschüffan brav giò per las piclas [...] Üna litteratura chi resta salda moura, ais morta, quel chi ris-cha la poesia, ris-cha tuot. The poem has to reflect the language of contemporaries, has to address something in them that affects their lives, has to capture them [...]. A literature that stands still is dead, and who risks poetry, risks all.» Andri Peer’s effort for renewal in composition also signifies a sophisticated balancing act between the acceptance of the local public and the aim of a cross-linguistic recognition. Peer’s problematic and little satisfying relationship towards the public is documented in poems and drafts for poems from the last decade of his life, in which he characterises himself as solitary and misunderstood, as in the verse of Il chomp sulvadi. Relating to Engadine cultural heritage, an ear of corn in the wind is used here as in other of his poems as a metaphor for creative verse, and as a sad image of concrete and cultural nourishment no one likes:

Il chomp sulvadi

Ourasom il rutitsch at spenna il vent in uondas d’or.

Chomp sulvadi, meis frar scugnuschü. Eir tü madür cun tias spias invanas.2

Whereas the poet can be assessed as being very innovative during the first part of his productive period, he could, or wanted to, integrate the socio-cultural reorientation of the 1970’s into his lyric oeuvre only partially. His picture of a value-preserving and conservative society may correspond to an individual choice, but it may also be interpreted as a regional aspiration of a small local culture in which conflicts do not generally arise along the parameters of «class struggle», but rather as a cautious assimilation of cultural understanding based on conservation.



2 First publication 1975, now in the complete edition of Romansh verse Poesias 1946-1985, published by Clà Riatsch in 2003. «The Wild Field // On rocky banks / the wind bends you / into golden waves. // Wild field, my misunderstood brother. / You, too, / ripened with your / vain ears of corn.» Translation into English by Patrick Low.

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Item Type:Dissertation (monographical)
Referees:Riatsch Clà, Keller Luzius
Communities & Collections:UZH Dissertations
Dewey Decimal Classification:800 Literature, rhetoric & criticism
470 Latin & Italic languages
410 Linguistics
440 French & related languages
460 Spanish & Portuguese languages
450 Italian, Romanian & related languages
Uncontrolled Keywords:Peer, Andri. Lyriker (1921-1985)
Language:German
Place of Publication:Zürich
Date:2012
Deposited On:08 Feb 2013 09:28
Last Modified:24 Sep 2019 19:13
Number of Pages:518
OA Status:Green
Free access at:Official URL. An embargo period may apply.
Official URL:http://opac.nebis.ch/ediss/20121490.pdf
Related URLs:https://www.recherche-portal.ch/primo-explore/fulldisplay?docid=ebi01_prod007345344&context=L&vid=ZAD&search_scope=default_scope&tab=default_tab&lang=de_DE (Library Catalogue)

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