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Massloser Tierschutz? Die Mensch-Tier-Beziehung zwischen Vermenschlichung und Verdinglichung


Grimm, Herwig; Hartnack, Sonja (2013). Massloser Tierschutz? Die Mensch-Tier-Beziehung zwischen Vermenschlichung und Verdinglichung. Berliner und Münchener Tierärztliche Wochenschrift, 126(9-10):370-377.

Abstract

Die Schlagworte Zweiklassentiermedizin, Schizophrenie in der Mensch-Tier- Beziehung, Vermenschlichung und Verdinglichung etc. werfen Fragen auf, die Veterinärmediziner und Tierethiker gleichermaßen beschäftigen. Im Rahmen eines zweitägigen Workshops trafen sich Veterinärmediziner und Philosophen, um gemeinsam die Frage zu bearbeiten, wie das gespaltene Verhältnis zu Tieren zu erklären ist und ob die unterschiedliche Behandlung ähnlicher Tiere gerechtfertigt werden kann. Um diese Fragen zu beantworten, wurden vier Arbeitsschwerpunkte gesetzt, deren zentrale Ergebnisse vorgestellt werden sollen: Zu Beginn des Artikels steht ein Problemaufriss, wobei der Wandel der Rolle von Tieren in der Gesellschaft und die unterschiedlichen Kontexte, die unsere Mensch-Tier-Beziehung prägen, im Vordergrund stehen (1). Hier wird offensichtlich, dass die biologische Beschreibung von Tieren zu kurz greift. Ihre unterschiedlichen Rollen innerhalb der Gesellschaft und die damit einhergehenden Mensch-Tier-Beziehungen machen es unmöglich, tierethische Probleme allein als Probleme biologischer Organismen zu beschreiben. Vielmehr lassen sich aktuelle tierethische Probleme nur im Rückgriff auf die einschlägigen Relationen beschreiben, die das Tier zu einem sozialen Konstrukt machen. Aufgrund dieser Kontextabhängigkeit der Mensch-Tier-Beziehung stellt sich die Frage nach verlässlichen Maßstäben einer verantwortbaren Mensch-Tier-Beziehung (2). Anschließend wird in einem dritten Punkt die Frage behandelt, wie die Konflikte der ungleichen Behandlung gleicher Ansprüche anzugehen bzw. zu lösen sein könnten (3).
Im vierten Punkt wird auf einen Beitrag von Peter Kunzmann rekurriert, der im Rahmen des Workshops die ungleichen Behandlungen ähnlicher Tiere thematisierte (4). Abschließend werden einige Ergebnisse des Workshops zusammengetragen und aus tierethischer Perspektive diskutiert. Ein wesentliches Ergebnis der Auseinandersetzung ist, dass sich eine verantwortbare Mensch-Tier-Beziehung in unterschiedlichen Kontexten jeweils auf andere rechtfertigende Gründe stützt und deshalb Ungleichbehandlungen nicht automatisch problematisch sind. Sie werden erst dann ethisch problematisch, wenn dem Anspruch, konkrete Mensch-Tier-Beziehungen und entsprechende Behandlung zu rechtfertigen, nicht nachgekommen wird (5).

In view of recent developments in human-animal relations, vets and ethicists face a new problem: On the one hand, animals such as mammals and birds are used extensively and are in danger to be reduced to mere production units e. g. in the agricultural production, measuring devices in laboratories, sports equipment etc. On the other hand, biologically similar animals are perceived as family members or partners and are almost treated like humans. The article summarizes the results of a workshop that dealt with reductionism and anthropomorphism in human-animal relations. Vets and ethicists tackled the question how the unequal treatment of biologically similar animals can be better understood and whether it can be ethically justified. In the first section, the problem of inconsistency in human-animals relations is briefly sketched. The second part of the article addresses the ethics of unequal treatment of similar animals in different contexts. The following section inquires possible solutions and the advantages and disadvantages of biological criteria versus social criteria in animal protection. Finally, the background and reasons for our moral intuitions of injustice associated with the inconsistencies in human-animal relations are outlined. This fourth section refers to the presentation of Peter Kunzmann during the workshop on the unequal treatment of equals.The article closes with some general remarks on the issue. One main result of the workshop can be stated as follows: Due to the fact that the various human-animal relations gain their ethical justification from different ethical reasons, the unequal treatment of similar animals in different contexts is not ethically wrong per se. However, every intrusive dealing or interaction with animals is in itself in need of ethical justification.

Abstract

Die Schlagworte Zweiklassentiermedizin, Schizophrenie in der Mensch-Tier- Beziehung, Vermenschlichung und Verdinglichung etc. werfen Fragen auf, die Veterinärmediziner und Tierethiker gleichermaßen beschäftigen. Im Rahmen eines zweitägigen Workshops trafen sich Veterinärmediziner und Philosophen, um gemeinsam die Frage zu bearbeiten, wie das gespaltene Verhältnis zu Tieren zu erklären ist und ob die unterschiedliche Behandlung ähnlicher Tiere gerechtfertigt werden kann. Um diese Fragen zu beantworten, wurden vier Arbeitsschwerpunkte gesetzt, deren zentrale Ergebnisse vorgestellt werden sollen: Zu Beginn des Artikels steht ein Problemaufriss, wobei der Wandel der Rolle von Tieren in der Gesellschaft und die unterschiedlichen Kontexte, die unsere Mensch-Tier-Beziehung prägen, im Vordergrund stehen (1). Hier wird offensichtlich, dass die biologische Beschreibung von Tieren zu kurz greift. Ihre unterschiedlichen Rollen innerhalb der Gesellschaft und die damit einhergehenden Mensch-Tier-Beziehungen machen es unmöglich, tierethische Probleme allein als Probleme biologischer Organismen zu beschreiben. Vielmehr lassen sich aktuelle tierethische Probleme nur im Rückgriff auf die einschlägigen Relationen beschreiben, die das Tier zu einem sozialen Konstrukt machen. Aufgrund dieser Kontextabhängigkeit der Mensch-Tier-Beziehung stellt sich die Frage nach verlässlichen Maßstäben einer verantwortbaren Mensch-Tier-Beziehung (2). Anschließend wird in einem dritten Punkt die Frage behandelt, wie die Konflikte der ungleichen Behandlung gleicher Ansprüche anzugehen bzw. zu lösen sein könnten (3).
Im vierten Punkt wird auf einen Beitrag von Peter Kunzmann rekurriert, der im Rahmen des Workshops die ungleichen Behandlungen ähnlicher Tiere thematisierte (4). Abschließend werden einige Ergebnisse des Workshops zusammengetragen und aus tierethischer Perspektive diskutiert. Ein wesentliches Ergebnis der Auseinandersetzung ist, dass sich eine verantwortbare Mensch-Tier-Beziehung in unterschiedlichen Kontexten jeweils auf andere rechtfertigende Gründe stützt und deshalb Ungleichbehandlungen nicht automatisch problematisch sind. Sie werden erst dann ethisch problematisch, wenn dem Anspruch, konkrete Mensch-Tier-Beziehungen und entsprechende Behandlung zu rechtfertigen, nicht nachgekommen wird (5).

In view of recent developments in human-animal relations, vets and ethicists face a new problem: On the one hand, animals such as mammals and birds are used extensively and are in danger to be reduced to mere production units e. g. in the agricultural production, measuring devices in laboratories, sports equipment etc. On the other hand, biologically similar animals are perceived as family members or partners and are almost treated like humans. The article summarizes the results of a workshop that dealt with reductionism and anthropomorphism in human-animal relations. Vets and ethicists tackled the question how the unequal treatment of biologically similar animals can be better understood and whether it can be ethically justified. In the first section, the problem of inconsistency in human-animals relations is briefly sketched. The second part of the article addresses the ethics of unequal treatment of similar animals in different contexts. The following section inquires possible solutions and the advantages and disadvantages of biological criteria versus social criteria in animal protection. Finally, the background and reasons for our moral intuitions of injustice associated with the inconsistencies in human-animal relations are outlined. This fourth section refers to the presentation of Peter Kunzmann during the workshop on the unequal treatment of equals.The article closes with some general remarks on the issue. One main result of the workshop can be stated as follows: Due to the fact that the various human-animal relations gain their ethical justification from different ethical reasons, the unequal treatment of similar animals in different contexts is not ethically wrong per se. However, every intrusive dealing or interaction with animals is in itself in need of ethical justification.

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Other titles:Animal protection without limits? Human-animal relations in between anthropomorphism and reductionism
Item Type:Journal Article, refereed, original work
Communities & Collections:05 Vetsuisse Faculty > Veterinärwissenschaftliches Institut > Chair in Veterinary Epidemiology
Dewey Decimal Classification:570 Life sciences; biology
610 Medicine & health
Scopus Subject Areas:Health Sciences > General Veterinary
Language:German
Date:2013
Deposited On:03 Mar 2014 16:24
Last Modified:11 Jul 2024 01:37
Publisher:Schlütersche Verlagsgesellschaft
ISSN:0005-9366
OA Status:Green
Publisher DOI:https://doi.org/10.2376/0005-9366-126-370
PubMed ID:24199378
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